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AUTO-INDUSTRIE Ungeheurer Rückstand

Die Autos von Renault sanken in der Gunst des Käufer-Publikums. Die französische Firma fuhr 1984 einen Super-Verlust ein. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

Waren das noch Zeiten: 1981, als in Frankreich die Sozialisten an die Macht kamen, erklärte Wirtschafts- und Finanzminister Jacques Delors: »Renault ist unser Vorbild.«

Wie die Regie Renault, seit 1945 in Gemeineigentum, sollten zukünftig auch andere Großunternehmen als Staatsbetriebe arbeiten. Die Pariser Autofirma, schrieb seinerzeit das linke Magazin »Le Nouvel Observateur«, sei das »beste aller Plädoyers zugunsten der Verstaatlichung«.

Die Verstaatlichungen erwiesen sich als äußerst kostspielig, fast alle neuen regierungseigenen Industrie-Unternehmen produzieren Verluste. Am schlimmsten aber erwischte es den Muster-Staatsbetrieb Renault.

Das Jahr 1984 bescherte dem Unternehmen ein Defizit von voraussichtlich neun Milliarden Franc (drei Milliarden Mark), eine Verlusthöhe, die bislang noch kein französisches Industrieunternehmen erreicht hat.

In Frankreich wie im übrigen Europa hat der französische Autohersteller viele Kunden verloren. 1982 hielt Renault im eigenen Land noch einen Marktanteil von 39,1 Prozent. Er schrumpfte im Laufe des letzten Jahres auf 31 Prozent zusammen.

Auf dem europäischen Markt rutschte Renault bei den Verkäufern binnen eines Jahres vom ersten auf den sechsten Rang ab.

Mit Renault geriet ein Unternehmen in die Krise, das für das moderne Frankreich so etwas wie ein Symbol darstellt, technisch wie auch sozial.

Bei Renault wurden die Gewinnbeteiligung, die dritte und vierte Urlaubswoche, die flexible Altersgrenze und die Arbeitszeitverkürzung eingeführt, als sich fast die gesamte Industrie noch hartnäckig gegen solche Neuerungen stemmte.

Die Löhne waren bei Renault immer etwas höher als bei den Konkurrenten. Dafür sorgte vor allem die kommunistisch gelenkte Gewerkschaft CGT, die Renault zu einer »Arbeiterfestung« (so der Titel eines vielbeachteten Buches) ausbaute.

Die soziale Großzügigkeit war finanziell zu verkraften, solange sich die Fahrzeuge aus dem Staatsbetrieb mühelos verkauften. Mit Autos, die Maßstäbe für die Branche setzten, sicherte sich die Firma über viele Jahre hinweg eine stetig wachsende Kundenschar.

Bereits 1961 schuf Renault den pfiffigen, fünftürigen R 4, der in über sieben Millionen Exemplaren verkauft wurde und noch heute produziert wird. 1965 kam der R 16 mit der praktischen Heckklappe auf den Markt, Vorbild für viele ähnlich konstruierte Familienwagen. Der 1972 erstmals verkaufte R 5 avancierte zum Vorreiter einer ganzen Generation europäischer Kompaktwagen.

Doch dann gelang den Renault-Konstrukteuren kein großer Wurf mehr. Der R 14, ab 1976 als »Anti-Golf« angepriesen, wurde nicht zuletzt wegen seiner technischen Mängel ein Mißerfolg. Pannen gab es auch in den letzten Jahren mit dem R 9 und dem R 11. Sie sind äußerlich kaum voneinander zu unterscheiden und visieren den gleichen Kundenkreis an. Zu spät merkten die Planer bei Renault, daß sie sich mit den beiden Autos selbst Konkurrenz machten.

Auch mit seinem jüngsten Modell, dem verbesserten R 5 (Supercinq), hatte Renault bisher keine glückliche Hand. Das Auto (Werbespruch in Frankreich: »Du hast den Teufel im Leib") gab es monatelang nur in Blau und Rot, zudem ausschließlich in teureren Versionen.

Bis Turbo-, Diesel- und Automatikversionen verkaufsbereit sind, werden noch mehrere Monate vergehen. Überdies hat der R 5 in dem attraktiven Peugeot 205 einen schwer zu schlagenden Konkurrenten.

Sogar die kommunistische »Humanite«, die immer schützend ihre Hand über Renault gehalten hat, beklagt heute den »ungeheuren Rückstand in der Erneuerung der Modellpalette«.

Mit vielen Kunden verdarb es sich die französische Staatsfirma überdies, weil ihre Produkte eine bemerkenswert schlechte Verarbeitungsqualität aufwiesen. Die Schlamperei schlägt auch auf die Ergebnisrechnung durch: Renault muß jährlich für Garantieleistungen 1,5 Milliarden Franc einkalkulieren.

Dennoch war in der Pkw-Abteilung lange Jahre ein Gewinn herausgesprungen. Erst 1984 trugen die Personenwagen entscheidend zum Jahresverlust bei, mit schätzungsweise fünf Milliarden Franc. Traditionell unrentabel ist dagegen seit langem die Produktion von Lastwagen bei der Tochter Renault Vehicules Industriels (RVI). Auf ihr Konto gehen am Ergebnis 1984 zwei Milliarden Franc Verlust.

Weitere zwei Milliarden aus dem Gesamtverlust entfallen auf Rückstellungen für die überfällige Reduzierung der Belegschaft. Entlassungen galten bisher bei Renault als tabu. Doch im letzten Sommer legte Konzernchef Bernard Hanon einen Sozialplan vor, der den Abbau von bis zu 15 000 Arbeitsplätzen vorsieht. Die »freigesetzten« Renault-Arbeiter sollen mit Steuergeldern für neue Jobs umgeschult werden.

Zum Jahresbeginn hat Industrieministerin Edith Cresson dem Arbeitsplatzabbau

bei Renault indirekt zugestimmt, indem sie ausdrücklich die Geschäftspolitik des Konkurrenten Peugeot rühmte.

Bei dem in Privatbesitz befindlichen Autohersteller scheute sich das Management nicht, einige tausend Arbeitnehmer zu entlassen.

So könnte auch bei Renault bald die »liberale Brutalität« ("Liberation") ausbrechen. Das gilt nicht zuletzt für Renault-Chef Hanon selber.

Der wird sich gewiß daran erinnern, was der heutige Premierminister Laurent Fabius als Industrieminister im Frühjahr vergangenen Jahres den Chefs der Staatsunternehmen angedroht hat: Wer 1985 keinen Gewinn erwirtschafte, müsse mit seiner Entlassung rechnen.

[Grafiktext]

RENAULT IM RÜCKWÄRTSGANG Entwicklung des französischen Autokonzerns Renault plus minus Gewinn und Verlust in Milliarden Franc Frankreich Marktanteile in Prozent der Neuzulassungen EG Bundesrepublik

[GrafiktextEnde]

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