Ungewöhnlicher Arbeitskampf Sondereinsatztrupp stürmt entführtes Schiff

Mit Hilfe von Helikoptern und 50 Soldaten versuchte die französische Regierung heute, einen ungewöhnlichen Arbeitskampf zu beenden. Ein Sondereinsatztrupp eroberte in einer spektakulären Aktion ein entführtes Schiff - gekapert war es von korsischen Gewerkschaftern.


Bastia - Von den Helikoptern aus wurden die schwarz vermummten Soldaten auf das vor Bastia im Nordosten Korsikas manövrierende Schiff abgeseilt. Gesichert von Scharfschützen stürmten sie die Brücke. Anschließend wurde das Schiff in den Militärhafen von Toulon geleitet. Vier Anführer der Gewerkschafter, die das Schiff am Dienstag in Marseille gekapert hatten, wurden festgenommen. "Operation rundum geglückt", lobte die französische Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie den Einsatz.

Französische Sondereinheit bei der Rückeroberung: "Operation rundum geglückt"
AFP

Französische Sondereinheit bei der Rückeroberung: "Operation rundum geglückt"

Die Aktion war der Höhepunkt eines spektakulären Arbeitskampfes. Angehörige der Gewerkschaft korsischer Seeleute (STC) hatten das 176 Meter lange Passagier- und Frachtschiff der staatlichen Korsikafährgesellschaft SNCM am Dienstag in Marseille besetzt. So wollten sie den Verkauf der hochdefizitären SNCM verhindern, die im vergangenen Jahr mit knapp 30 Millionen Euro in den roten Zahlen stand. Der Investmentfonds Butler Capital Partners will das Unternehmen nun für 35 Millionen Euro übernehmen und bis zu 400 der 2400 Stellen abbauen.

Seit vergangener Woche schaukelte sich der Konflikt immer weiter hoch. Zunächst besetzten aufgebrachte SNCM-Mitarbeiter zwei Schiffe des Unternehmens und nahmen zeitweise den Firmenchef als Geisel. Seit Dienstag blockieren die Gewerkschaften außerdem den Marseiller Hafen, den wichtigsten in Frankreich. Mit der Entführung des SNCM-Fähre eskalierte der Streit dann vollends.

Bis zu 20 Jahren Haft

Das Schiff, das keine Passagiere an Bord hatte, nahm nach dem Coup Kurs auf Korsika. "Wir haben ein korsisches Arbeitsinstrument zurückgeholt und bringen es nach Korsika", erklärte der Generalsekretär der STC-Seeleute, Alain Mosconi. Damit bekam der Konflikt eine neue Dimension, denn die Mitglieder der STC bekennen offen ihre Nähe zur korsischen Unabhängigkeitsbewegung.

Der ungewöhnliche Arbeitskampf bewegte von da an das ganze Land. Am Dienstagabend zeigten Fernsehsender immer wieder Bilder des in Richtung Korsika steuernden Schiffs. Nachts kam es in der korsischen Stadt Bastia zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Korsen und Polizei. Ordnungshüter antworteten mit Tränengaseinsätzen auf Wurfgeschosse.

Helikopter der Sondereinheit: Aus der Luft abgeseilt
AFP

Helikopter der Sondereinheit: Aus der Luft abgeseilt

Warnungen der Regierung, dieser Akt der Piraterie könne die Beteiligten bis zu 20 Jahre ins Gefängnis bringen, brachte die Entführer nicht zur Raison. Als auch ein Kompromissangebot der Pariser Regierung, die nun doch Minderheitseigentümer bei der Gesellschaft bleiben wollte, nichts half, ordnete Premierminister Dominique de Villepin an, das Schiff aus der Luft einzunehmen.

Mit der erfolgreichen Aktion ist der Konflikt aber längst noch nicht beigelegt. Der Hafen von Marseille ist nach wie vor besetzt, Gewerkschaftsvertreter und korsische Abgeordnete verlangten heute die sofortige Freilassung der festgenommenen Schiffsentführer. In Bastia blockierten rund hundert Demonstranten aus Protest eine Kreuzung im Stadtzentrum, Nationalistische Korsen blockierten daraufhin alle Häfen der Mittelmeerinsel. Der Fährverkehr kam völlig zum Erliegen.



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