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FERNSEH-INDUSTRIE Union des Lächelns

Weil er allein gegen die japanische Konkurrenz kaum bestehen kann, sucht der TV-Produzent Grundig Rückenstärkung. Sein neuer Wunschpartner: Siemens.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Vor dem Bundeskartellamt am Platz der Luftbrücke in Berlin stoppte ein gepanzerter Mercedes 450. Max Grundig, Alleinherrscher über Deutschlands größten Fernseh- und Radiokonzern, wollte Anfang März selbst erkunden, wie seine Sache stand.

Der 17jährige Firmenpatriarch aus Fürth trug den Kartellbeamten ein dringliches Anliegen vor: Grundig wollte den Fernsehgeräte-Hersteller Saba in Villingen kaufen.

Doch der Konzernchef holte sich in Berlin eine Abfuhr. Denn zusammen mit Saba -- 1835 als Manufaktur für Kuckucksuhren gegründet, inzwischen aber drittgrößter deutscher TV-Produzent -- würde Grundig rund 35 Prozent des westdeutschen Fernsehgeschäfts beherrschen -- zuviel nach Ansicht der Wettbewerbshüter.

Grundig war kaum aus Berlin zurück, da hatte ein anderer zugegriffen. Die französische Elektro-Gruppe Thomson-Brandt unterbreitete dem amerikanischen Saba-Inhaber General Telephone & Electronics »ein sehr ernsthaftes Angebot«.

Der expandierende französische Konzern griff nicht zum ersten Male nach einer Firma in der Bundesrepublik. Vor zweieinhalb Jahren übernahm Thomson-Brandt die Norddeutsche Mende KG ("Nordmende") in Bremen, 1979 beteiligten sich die Franzosen an dem AEG-Bildröhrenwerk in Ulm.

Mit der Villinger Neuerwerbung würde Thomson-Brandt jeden fünften Farbfernseher in der Bundesrepublik verkaufen. Die Berliner Kartellbeamten spielten da gerade noch mit, 20 Prozent Marktanteil scheinen ihnen vertretbar.

Streng nach dem Kartellgesetz kann die Behörde in dieser Branche ohnehin nicht über Fusionen urteilen. Denn selbst die umsatzstärksten Hersteller von Unterhaltungselektronik haben Mühe, gegen die mächtigen Konkurrenten aus Fernost zu bestehen.

Mit preiswerten und technisch ausgereiften Geräten überschwemmen japanische Massenproduzenten wie Sony und Sanyo, Hitachi und Matsushita seit Jahren Fachgeschäfte und Kaufhäuser in Europa. In einigen Sparten haben die westlichen Konkurrenten schon längst nichts mehr zu melden.

So stammt jedes vierte in Deutschland verkaufte Kassetten-Autoradio von fernöstlichen Fließbändern. Radiorecorder und tragbare Schwarzweiß-Fernseher werden fast nur noch in Japan oder anderen Billigländern montiert.

Nun müssen die Europäer auch noch Einbußen in ihrer lukrativsten Sparte befürchten, nämlich bei der Produktion von Farbfernsehern mit Bildschirmen von mehr als 51 Zentimetern.

In den nächsten Jahren laufen nämlich die Lizenzen für die deutschen Pal-Patente aus. Dann dürfen in Europa auch die Japaner, die bisher über die entsprechenden Patente nur mit Einschränkungen verfügen konnten, in dieses Geschäft einsteigen.

Schon übt die Branche Krisengeschrei: »Gegen die Union des Lächelns«, klagte der Fachverband Unterhaltungselektronik, helfe nur eine Drosselung der Importe.

Selbst sonst so wirksame Argumente wie der drohende Verlust Tausender von Arbeitsplätzen halfen der Elektro-Lobby, die in Bonn Unterstützung suchte, nicht weiter. Auch beim Kartellamt fanden die Branchensprecher wenig Verständnis.

Erst vor gut einem halben Jahr untersagten die Wettbewerbshüter die Fusion von zwei Giganten der Branche. Die holländische Philips, Nummer eins S.109 in Europa, wollte gemeinsam mit Grundig die japanische Herausforderung annehmen. Getrieben von der Angst vor dem drohenden Angriff aus Fernost, suchte der Fürther Firmenchef ein Bündnis mit Philips um jeden Preis zustande zu bringen.

Aber weder eine Beteiligung der Niederländer von 25 Prozent noch gar von 50 oder 51 Prozent wollten die Berliner akzeptieren. Schließlich begnügte Philips sich mit 24,5 Prozent; alles unter der Reiz-Marke von 25 Prozent ist nicht genehmigungspflichtig.

Zur Stärkung der deutsch-holländischen Allianz soll nun ein Dritter dazustoßen, freilich auch nur mit einer Beteiligung an Grundig unter 25 Prozent. Der Wunschpartner heißt Siemens.

Bernhard Plettner, Chef des Münchner Elektro-Konzerns, hat bereits vertrauliche Gespräche mit seinem Freund Max Grundig geführt. »Ob wir uns annähern oder nicht«, möchte Plettner indes jetzt noch nicht sagen.

Gestärkt durch Kapital und Kenntnisse seiner beiden Minderheitspartner, so kalkuliert Grundig, könnte er der japanischen Konkurrenz mit Zuversicht entgegensehen. Selbst wenn er Marktanteile verlöre, hätte das sein Gutes: Das Kartellamt wäre dann wahrscheinlich eher geneigt, eine engere Kapitalverflechtung mit einem oder gar beiden Partnern zu befürworten.

Kommt der deutsch-holländische Dreierbund zustande, bräuchte Grundig sich um andere europäische Wettbewerber kaum noch zu sorgen. Nur mit Thomson-Brandt müßte seine Gruppe noch um den letzten unabhängigen Farbfernseh-Produzenten in der Bundesrepublik streiten: die Metz Apparatewerke in Fürth.

Inhaber Paul Metz will zwar »zu Lebzeiten nicht verkaufen«. Aber das sagt nicht viel: Paul Metz ist nur drei Jahre jünger als sein Fürther Mitbürger Max Grundig.

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