Uno vs. Iran Öl-Boykott trifft beide Seiten

Im Streit um das iranische Atomprogramm scheint ein Öl-Embargo des Mullah-Staates gegen den Westen abgewendet. Davon profitieren beide Seiten, denn ein Boykott hätte Iran ebenso getroffen wie die Industriestaaten.


Wien - Als Iran Mitte Januar mit der Wiederaufnahme seines Atomprogramms begann, zog der Ölpreis sofort bis fast auf 70 Dollar je Barrel an. Experten erwarten, dass das nur ein kleiner Vorgeschmack auf das war, was passiert, wenn der Uno-Sicherheitsrat Sanktionen gegen das Land beschließen und die Mullahs im Gegenzug die Ölexporte einschränken sollten. Ein Preis von über 100 Dollar sei dann möglich - mit allen Folgen für die Weltwirtschaft.

Ölanlage in Iran: Psychologie der Ölmärkte testen
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Ölanlage in Iran: Psychologie der Ölmärkte testen

Und das ist auch das Dilemma, vor dem die USA und Europa stehen, wenn sie über die weiteren Schritte gegen Iran entscheiden. Aber auch Iran würde mit Einschränkungen im Ölexport einen hohen Preis zu zahlen haben, denn die Petro-Dollar machen rund 80 Prozent der iranischen Exporterlöse aus. Und bei einer Arbeitslosenrate von ohnehin 14 Prozent sind auch Unruhen nicht auszuschließen.

"Sie würden sich selbst ins Knie schießen", sagt Mustafa Alani, Direktor am Golf-Forschungszentrum in Dubai über die mögliche iranische Reaktion auf Sanktionen. "Es ist es eine Sache, die Psychologie der Ölmärkte zu testen, es ist aber etwas anderes, wenn man tatsächlich den Schritt geht und die Ölexporte stoppt."

"Sollte Iran auch nur einen kleinen Teil seiner Produktion vom Markt nehmen, dann halte ich Preise von über 100 Dollar pro Barrel für möglich", sagt James Bartis von der US-Forschungseinrichtung Rand. Andere Fachleute erwarten höchstens 75 Dollar, bis dann die strategischen Ölreserven ins Spiel kämen, mit denen die Industrienationen den Preis drücken könnten.

Das US-Energieministerium schätzt, dass die Ölexporte rund die Hälfte des iranischen Staatshaushalts finanzieren. Und auch wenn der hohe Ölpreis dem Land ein jährliches Wirtschaftswachstum von fünf Prozent erlaubt hat, so hat er sich doch nie richtig von den Folgen des iranisch-irakischen Kriegs von 1980 bis 1988 und den 2000 verhängten US-Sanktionen auf Hochtechnologie erholt. Das staatliche iranische Fernsehen versucht zwar seit Wochen den Eindruck zu vermitteln, dass die Bevölkerung hinter der Regierung stehe, Alani bezweifelt aber, dass der Durchschnitts-Iraner tatsächlich bereit ist, wie die Iraker jahrelange Sanktionen auf sich zu nehmen.

Auch wenn sich die USA, die EU, Russland und China jetzt anscheinend einig sind, den Sicherheitsrat mit dem Fall zu befassen, so bleibt doch unklar, ob es auch hier eine Mehrheit für Sanktionen gibt. Denn sowohl Russland als auch China haben enge wirtschaftliche und strategische Beziehungen zum Iran: China als Ölimporteur und Partner bei der Ölförderung, Russland als Waffen- und auch Techniklieferant für das iranische Atomprogramm, das nach Angaben der Regierung in Teheran ausschließlich friedliche Ziele verfolgt.

Die Frage ist also, wer bei Sanktionen mehr zu verlieren hat. Die Zielsetzung der USA machte erst kürzlich der Washingtoner Chefunterhändler bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Gregory Schulte, deutlich. Es gehe darum, "dem gefährlichsten aller Länder die tödlichste Waffe zu verweigern".

von Brad Foss und George Jahn, AP



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