Unruhe am Himmel Chinas Piloten machen Peking Angst vorm Fliegen

Chinas Piloten arbeiten zu viel, zu lang und für zu wenig Geld. Deshalb proben sie derzeit den Aufstand - und bringen ihre Fluggesellschaften und die Kommunistische Partei mit ungewöhnlichen Streikaktionen ins Schwitzen.
Von Joachim Hoelzgen

Hamburg - Im Hangar 9 von Airbus in Hamburg legen chinesische Techniker zurzeit letzte Hand an eine Passagiermaschine vom Typ A-320. Es ist das erste Flugzeug dieser Art, das an der Elbe gebaut wird – die Chinesen lernen schon einmal, wie man das Arbeitspferd von Airbus montiert. Denn bald sollen auch in einer Fabrik in Tianjjn, südöstlich von Peking, Maschinen dieses Baumusters vom Band rollen – so groß und wichtig ist der chinesische Markt für die Flugzeugbauer aus Europa.

Doch ob die chinesischen Airbusse immer flugplanmäßig unterwegs sein werden, ist gar nicht so sicher. Seit kurzem nämlich herrscht über dem Reich der Mitte Unruhe am Himmel: Die Piloten mehrerer Luftlinien sind wegen mieser Bezahlung und drakonischer Arbeitsverträge unzufrieden. Sie haben deswegen mit Streiks begonnen, die zunächst harmlos anfingen, dann aber auf bizarre Weise eskalierten.

Am Anfang war im Äther das internationale Rufzeichen Shanghai Air nicht mehr so oft zu hören, weil sich 40 Luftkapitäne der Fluggesellschaft Shanghai Airlines plötzlich krank gemeldet hatten. Ebenso schlagartig waren elf Piloten der Inlandsfluggesellschaft East Star Air in Wuhan an das Krankenbett gefesselt. Verspätungen waren die Folge, Maschinen mussten am Boden bleiben.

All das war aber erst der Anfang: Am 31. März und am 1. April erprobten 21 Piloten der staatlichen Gesellschaft China Eastern eine Streikart, die es bisher nirgendwo gegeben hat: Sie starteten zunächst in Kunming, der Hauptstadt der südlichen Provinz Yunnan, zu ihren Zielflughäfen, kehrten dann aber auf halbem Wege unvermittelt um. Die Passagiere staunten - und mussten auf dem Flughafen Kunmings wieder von Bord.

Landen - und gleich wieder umdrehen

Als nächstes hatten sich die Piloten etwas noch Außergewöhnlicheres ausgedacht: Wieder starteten sie in Kunming und landeten auch wie geplant an ihren Zielorten. Aber statt dort zu parken, drehten sie noch auf der Landebahn um, gaben Vollgas und flogen wieder nach Kunming zurück. Am Ende waren in Kunming 1500 Passagiere gestrandet.

Streiks sind in China eine Seltenheit, und das gilt erst recht für die Luftfahrtbranche. Sie wird von Unternehmen wie der China Eastern dominiert, die im Jahr 2002 aus der Gesellschaft China Yunnan Airlines und der Luftlinie China Northeastern hervorging. Heute ist sie die drittgrößte Fluggesellschaft Chinas.

China Eastern versuchte erst einmal, die Vorfälle in Yunnan zu vertuschen. Die Flugzeuge seien wegen schlechten Wetters nach Kunming zurückgekehrt, hieß es aus der Konzernzentrale in Shanghai. Dem aber widersprachen Passagiere der Maschinen. Erst daraufhin räumte das Management ein, dass es sich um einen Pilotenstreik gehandelt habe.

Die Unannehmlichkeiten für die Reisenden bedaure man "zutiefst", teilte man mit. Auch Selbstkritik wie einst zur Zeit des Staatslenkers Mao Zedong wurde geübt. Man entschuldige sich auch "bei der Gesellschaft allgemein", hieß es in einer Verlautbarung der Airline.

Dabei wurde deren Zentrale von dem Streik nicht überrascht. Die Piloten in Yunnan sind schon seit längerem unzufrieden, weil sie zwar kürzere Strecken fliegen, trotz längerer Arbeitszeit aber weniger verdienen als viele Kollegen.

Wer wechseln will, muss zahlen

Dass es unter den Flugzeugführern Chinas gärt, hat aber auch noch einen anderen Grund: Viele von ihnen sind wie Schuldknechte ein ganzes Arbeitsleben an die gleichen Arbeitgeber gebunden. Wer etwa von einer Staatslinie zu einer privaten Fluggesellschaft wechseln möchte, muss sich aus dem Vertrag freikaufen – mit einer Ablöse, die bei 60.000 Euro, aber auch schwindelerregenden 200.000 Euro liegen kann.

Für die Regierung in Peking kommen die Vorfälle von Yunnan wenige Monate vor den Olympischen Spielen denkbar ungelegen. Die Piloten sind nämlich die Speerspitze der Angestellten Chinas, die am wirtschaftlichen Aufstieg stärker als bisher beteiligt werden möchten. Und da auch die Inflation dramatisch steigt – Schweinefleisch etwa hat sich um die Hälfte verteuert – könnten bald auch andere Berufsgruppen ihr Heil außerhalb der staatlich gelenkten Gewerkschaften suchen.

Die Piloten jedenfalls sitzen wahrscheinlich am längeren Hebel, da allein in den letzten vier Jahren 20 private Fluggesellschaften in dem Riesenreich neu hinzugekommen sind. Etwas hat sich auch schon bewegt: In Yunnan jedenfalls ist wegen des Streiks der KP-Chef entlassen worden, und ein Gerücht besagt, dass die Gehälter bei den Shanghai Airlines erhöht werden sollen.

Dann brauchen die Flugzeugführer dort auch nicht mehr reihenweise krank zu werden.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.