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Artikel 57 / 119

»Unsere russischen Absurditäten«

aus DER SPIEGEL 31/1992

SPIEGEL: Arkadij Iwanowitsch, ist Ihr Vaterland in Gefahr?

WOLSKI: Das ist seit 75 Jahren in Gefahr. Aber die Situation heute ist besorgniserregender als vor zwei Jahren: Das Lebensniveau ist erheblich gesunken. 80 Prozent der Bevölkerung bekommen das am eigenen Leib zu spüren. Ein beträchtlicher Teil lebt am Rande des Existenzminimums. Und hinter dieser Not lauert, blutig und sinnlos, der bekannte russische Aufruhr.

SPIEGEL: Haben Sie dafür konkrete Anhaltspunkte?

WOLSKI: Ich war neulich in Iwanowo, einer reinen Textilarbeiter-Stadt. Dort droht Arbeitslosigkeit, weil die Republiken Mittelasiens ihre Baumwolle inzwischen gegen Devisen verkaufen. Aber auch die geleistete Arbeit wird seit zwei Monaten nicht mehr entlohnt, weil kein Bargeld vorhanden ist. Das ist wirklich absurd und läßt uns nur noch rascher auf den von mir befürchteten Aufruhr zutreiben. Die Leute sind am Ende ihrer Geduld.

SPIEGEL: Sind das hausgemachte Miseren oder, wie manche russischen Politiker behaupten, üble Folgen der Reformauflagen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds?

WOLSKI: Natürlich hausgemacht. Ob ich mit Vertretern des IWF oder der Europäischen Entwicklungsbank oder dem Präsidenten der EG-Kommission Jacques Delors spreche - alle bestätigen: Natürlich geben wir euch viele Ratschläge, aber wir empfehlen euch doch nicht, solche kapitalen Dummheiten zu machen. Milliarden Rubel werden nicht rechtzeitig gedruckt, die Moskauer Sektfabrik bezahlt ihre Mitarbeiter mit Naturalien, ein Werk in Schuchowo seine Arbeiter mit Kinderfahrrädern - das sind unsere russischen Absurditäten.

SPIEGEL: Sie sind Repräsentant der Großindustrie. Sind Ihre Kollegen nun, nach den letzten Kabinettsumbildungen, ausreichend an der Regierung Jelzin beteiligt?

WOLSKI: Wir sind mit den jüngsten Umbesetzungen zufrieden. Die neuen Vize-Premiers Georgij Chischa, Wladimir Schumejko und Wiktor Tschernomyrdin sind erstklassige Fachleute, Praktiker . . .

SPIEGEL: . . . und Mitglieder Ihres Generaldirektoren-Klubs.

WOLSKI: Wir waren daran beteiligt, diese Leute in die Regierung zu delegieren. Tschernomyrdin ist doch der einzige Mann in dieser Regierung, der schon mal Erdöl gerochen hat. Drei solche Männer hatte die Regierung bitter nötig. Und vielleicht braucht sie sogar noch ein paar mehr, die nicht nur Ideen heraussprudeln, sondern auch wissen, wie man was macht.

SPIEGEL: Wenn Präsident Jelzin das Amt des Regierungschefs spätestens im Herbst abgibt, wird sein Nachfolger dann der Theoretiker Gaidar sein - oder der Macher Wolski?

WOLSKI: Wichtig ist nicht der Name des Nachfolgers. Er muß die Fähigkeit besitzen, die Folgen seines Handelns vorherzusehen. Und sein Kurs muß den Interessen der Mehrheit der Bürger gerecht werden.

SPIEGEL: Eine hohe Kunst, die niemand kann.

WOLSKI: Doch, die Deutschen. Die sind dank ihrer ehemaligen DDR die einzigen, die unsere gegenwärtigen Probleme wirklich verstehen und wissen, was das heißt: eine autoritäre Planwirtschaft in eine normale Ökonomie zu verwandeln. Und genau das machen sie klug, ohne Hast, mit Einfühlungsvermögen und richtiger Akzentsetzung.

SPIEGEL: Das sehen die Deutschen in der ehemaligen DDR aber anders.

WOLSKI: Mag sein. Aber so etwas wie die Treuhand, die keine wild-spontane Entwicklung bei der Privatisierung zuläßt, fehlt uns hier dringend. Und zugleich deren geduldiges Augenmaß.

SPIEGEL: Welche Fehler kreiden Sie Jelzin und seiner Mannschaft vor allem an?

WOLSKI: Daß sie glaubt, ausschließlich Wirtschaftsreform betreiben zu müssen, obwohl sie gleichzeitig durch deren Folgen die Unterstützung der Bevölkerung verliert. Gorbatschow ist am anderen Extrem gescheitert: Er hat den Menschen Spiele geboten - Glasnost, Perestroika, Demokratisierung. Aber ums Brot hat er sich nie gekümmert.

SPIEGEL: Beginnt nach den beiden Schritten vorwärts, verbunden mit den Namen Gorbatschow und Jelzin, nun der erste Schritt zurück, die konservative Wende?

WOLSKI: Wir sind mit unseren Reformen so weit gegangen, daß es keinen Schritt zurück mehr geben kann: Dreieinhalb Millionen Mitglieder unabhängiger Genossenschaften, zwölf Millionen Pächter, eine halbe Million Beschäftigte in ausländischen Kooperationsfirmen, 150 000 Unternehmer, knapp 17 Millionen Besitzer privater Geschäfte - mit Familienangehörigen sind das 40 bis 45 Millionen Menschen. Da ist ohne größeres Blutvergießen eine Wende nicht mehr möglich.

SPIEGEL: Aber der Reform geht auch die Puste aus. Woher nehmen Sie Ihre Hoffnung, Chaos und Machtverfall in absehbarer Zeit wenigstens so weit stoppen zu können, daß Gesetze und Dekrete nicht nur verkündet, sondern auch befolgt werden?

WOLSKI: Wenn das nur eine Hoffnung wäre, müßten wir alle abtreten. Aber es geht darum, etwas zu tun - gerade dann, wenn das Schiff ein Leck hat und unterzugehen droht. Viele sind schon von Bord gegangen, der Präsidentenberater Sergej Schachrai, Moskaus Bürgermeister Gawriil Popow. Ich habe früher an Rücktritt gedacht, aber in diese Fluchtbewegung möchte ich mich nicht einreihen, nun gerade nicht.

SPIEGEL: Jelzins Vizepräsident Alexander Ruzkoi hat die Freigabe der Preise zu Jahresbeginn einen »wirtschaftlichen Genozid Rußlands« genannt und gefordert, zunächst die Industrie zu privatisieren. Ist das auch Ihre Meinung?

WOLSKI: Wenn wir mit der Privatisierung früher begonnen hätten, wären uns eine Menge Probleme bei der Preisliberalisierung erspart geblieben. Auch da sind die Deutschen in ihren neuen Bundesländern sehr viel weiser vorgegangen.

SPIEGEL: Wer soll Ihre großen Rüstungsbetriebe kaufen? Was sollen die in Zukunft produzieren?

WOLSKI: Dort ist die Privatisierung natürlich besonders schwierig, und in manchen Bereichen ist sie gar nicht möglich: Ein Werk für Atomraketen kann man nicht privatisieren. Oder Atomreaktoren vom Typ Tschernobyl - wer kauft so was?

SPIEGEL: Die werden Sie abschalten müssen.

WOLSKI: Leicht gesagt. In Rußland gibt es rund 1500 Betriebe, die ausschließlich für die Rüstung produzieren. In ihnen sind 7,5 Millionen Menschen beschäftigt. Das sind unsere besten Ingenieure und Facharbeiter, dort stehen die besten Geräte und Ausrüstungen.

SPIEGEL: Die Rüstungsaufträge sind um 40 Prozent zurückgegangen, bis Ende des Jahres ist in diesem Sektor mit 1,5 Millionen Arbeitslosen zu rechnen.

WOLSKI: Das Schlimmste: Aus strategischen Gründen haben wir diese Fabriken alle in Sibirien und im Fernen Osten angesiedelt, nach dem Prinzip »ein Werk - eine Stadt«. Wo sollen die Menschen in diesen geheimen Städten, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind, sonst arbeiten?

SPIEGEL: Empfehlen Sie Rüstungsexporte im großen Stil?

WOLSKI: Ja, außer in Konfliktregionen. Warum können wir Israel nicht bessere Raketen als das »Patriot«-System verkaufen oder den Deutschen MiG-29, die zehnmal billiger sind als der Euro-Jäger?

SPIEGEL: Wenn der Westen die von Ihnen gewünschte Geduld aufbringt, Rußlands Auslandsschulden stundet und weitere Milliarden ausleiht, reicht das gewiß noch nicht für ein russisches Wirtschaftswunder, von dem Ihre Jung-Unternehmer träumen.

WOLSKI: Wohlstand für alle? Bei uns gibt es niemanden vom Schlage Ludwig Erhards und niemanden, der dafür hart arbeiten will. 75 Jahre lang wurden den Menschen die Köpfe mit Gruselmärchen vollgestopft - daß der Markt böse sei, Privateigentum schrecklich und der Kapitalismus die Hölle. Selbst wenn jeden Tag ein kleines bißchen mehr Wohlstand spürbar wäre, würden Wunder bei uns wohl sehr viel länger dauern.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, daß Scharfmacher in der frustrierten Armee eine schnelle Lösung suchen?

WOLSKI: Unsere Generäle haben zur Zeit ganz andere Sorgen als Putsch: Wohnungen für 200 000 Offiziersfamilien, Geld für die Umstellung der Waffenproduktion auf Güter des Massenbedarfs, Abzug unserer Truppen aus GUS-Konfliktzonen.

SPIEGEL: Abzug? Verteidigungsminister Pawel Gratschow will überall dort notfalls Truppen einsetzen, wo »Ehre und Würde der russischen Bevölkerung« in Gefahr geraten.

WOLSKI: Die Amerikaner tolerieren nicht einmal, wenn zwei oder drei ihrer Soldaten im Ausland ermordet werden. Man soll vielleicht nicht gleich zurückschießen, aber den Finger wird man doch wohl drohend heben dürfen.

SPIEGEL: Wie viele Fronten dieser Art kann sich Rußland leisten: Moldawien, Georgien, womöglich auch China, das Baltikum?

WOLSKI: Keine einzige.

SPIEGEL: Und wenn Rußland gleichwohl den serbischen Weg geht, offenen Krieg zum Schutz der Landsleute in einem anderen Staat führt?

WOLSKI: Dann müssen wir alle abtreten, dann haben wir alle nichts getaugt.

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