Unsichere Vorstandsposten Deutsche Chefs auf dem Schleudersitz

Spitzenmanager in Deutschland haben es schwer: Die Wahrscheinlichkeit, aus dem Amt gejagt zu werden, ist für sie höher als in anderen Ländern. Nur noch rund sechs Jahre bleibt ein durchschnittlicher Vorstandschef im Amt - die Wechselrate ist so hoch wie seit längerem nicht mehr.


Hamburg - "In gegenseitigem Einvernehmen" - so heißt die beliebte Floskel, mit der das Gesicht gewahrt wird. Mit dieser Redewendung werden Vorstandsvorsitzende verabschiedet, wenn der Abgang überraschend kommt, wenn Machtkämpfe zugunsten des Nachfolgers entschieden wurden, wenn der bisherige Chef plötzlich nicht mehr tragbar ist.

Und das kommt häufig vor - vor allem in Deutschland: Allein im vergangenen Jahr verdoppelte sich die Anzahl der erzwungenen Abgänge von Vorstandschefs sprunghaft auf 6,3 Prozent, das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Booz & Company. Insgesamt stieg die Zahl der Abgänge sogar auf 19,7 Prozent - im Jahr zuvor waren es noch 10,7 Prozent.

Damit belegt Deutschland erneut einen Spitzenplatz - denn in anderen Ländern wechseln die CEOs deutlich weniger häufig: Weltweit lag die Wahrscheinlichkeit eines Chefwechsels bei 13,8 Prozent - und fiel damit deutlich unter ihr Rekordhoch von 15,4 Prozent im Jahr 2005. "Das ist die niedrigste Rate seit 2003 und zeigt, dass an das Vorurteil, Firmen würden nur noch nach dem Shareholder-Value-Prinzip geführt, nicht stimmt", sagt Stefan Eikelmann von Booz & Company. Gerade im Verlauf der letzten zehn Jahre könne man sehen, dass CEOs nicht sofort gefeuert würden, wenn die kurzfristigen Ergebnisse nicht stimmten.

Für die Studie wurden die Daten von den 2500 größten Unternehmen weltweit ausgewertet, allein für Deutschland, die Schweiz und Österreich waren das Daten der 300 größten Unternehmen. Dabei zeigt sich: Die Mehrzahl der Chefwechsel (10,4 Prozent) erfolgt immer noch geplant, der Anteil der ungeplanten Veränderungen macht sich mit 6,3 Prozent aber deutlich bemerkbar, drei Prozent der Wechsel erfolgen auf Grund von Fusionen. Insgesamt liegen die drei deutschsprachigen Länder allerdings immer noch deutlich vor dem Rest Europas, wo die Wechselwahrscheinlichkeit bei 17,6 Prozent liegt.

"Die deutsche und die europäische Wirtschaft haben sich in den vergangenen Jahren deutlich intensiver auf die Globalisierung eingestellt, haben Kostenstrukturen verändert und expandiert", sagt Eikelmann. Das erkläre, warum die Wechselhäufigkeit hier so deutlich höher sei als in den USA. Vergleichbare Anpassungen habe man dort nicht beobachten können.

Tatsächlich sind es vor allem die jungen Branchen, die besonders heikel für die Topmanager sind: Auffallend häufig wird in der Telekommunikationsbranche (40 Prozent), Industriegüter (32 Prozent) und IT (28 Prozent) gewechselt. Dahinter folgen die Energiebranche mit 21 Prozent, Konsumgüter mit 17 Prozent und die Finanzbranche mit 14 Prozent. Gerade in diesen Branchen habe es viele regulatorische Umwälzungen gegeben, die den häufigen Wechsel erkläre, sagt Eikelmann. "Klar ist aber auch: Die Finanzbranche wird auch die aktuelle Krise zu spüren bekommen, hier wird die Wechselhäufigkeit ansteigen."

Dabei kommt es beim Auswechseln der Chefetage nicht immer auf die tatsächliche Leistung der Manager an: Denn obwohl man seit den neunziger Jahren einen deutlich stärkeren Einfluss der Shareholder habe feststellen können, kommt Booz & Company zu einem überraschenden Ergebnis. Denn tatsächlich liegt die Wahrscheinlichkeit, bei schlechten Ergebnissen schon nach einem Jahr gehen zu müssen, nur bei 2,1 Prozent. Nur bei Firmen, die tatsächliche drastische Einbußen des Aktienkurses von über 25 Prozent hinnehmen musste, stieg diese Zahl auf 5,7 Prozent.

"Das liegt zum einen daran, dass wir in den vergangenen drei bis vier Jahren ein weltweites Wirtschaftswachstum von fünf bis sechs Prozent hatten", erklärt Eikelmann diese Zahlen. Allerdings gebe es auch noch einen weiteren Grund, warum Unternehmen ihre Chefs nicht einfach entlassen: "Es gibt für Unternehmen nichts Schlimmeres, als in ein Vakuum hineinzulaufen. Und oft ist versäumt worden, rechtzeitig genügend Nachfolger aufzubauen - so dass man schlicht nicht die Wahl hat, den Chef innerhalb von kürzester Zeit zu entlassen."

Das gilt auch für Deutschland - man erinnere sich an die lange Suche nach dem neuen Siemens-Chef Peter Löscher. Trotz dieser Schwierigkeiten bleiben die deutschen Vorstandschefs allerdings deutlich kürzer im Amt als ihre europäischen Kollegen: Während die CEOs im Schnitt 6,4 Jahre die Geschäfte führen, bleiben die europäischen Konzernlenker im Schnitt 8,2 Jahre im Amt. Weniger Unterschiede gab es dagegen beim durchschnittlichen Ein- und Austrittsalter: Die deutschen Vorstandschefs traten im Schnitt mit 51,5 Jahren ihren Job an, die europäischen Kollegen sind mit 50,1 Jahren ein bisschen jünger. Am Ende ihrer Amtszeit waren die Deutschen 57,1 Jahre, die Europäer 56,5 Jahre alt.

sam



insgesamt 3 Beiträge
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schlaubert, 27.05.2008
1. Un-heim-lich schwer...
---Zitat--- Nur noch rund sechs Jahre bleibt ein durchschnittlicher Vorstandschef im Amt - die Wechselrate ist so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr. ---Zitatende--- Ich bin jetzt beileibe kein Mathematiker, aber einen Durschnittswert von 6 Jahren im Ergebnis zu vergleichen mit dem gleichen Durchschnittswert von vor 5 Jahren? Klingt für mich eher hirnrissig... BTW: Was lernen wir Nicht-Journalisten daraus: Der gemeine Vorstandvorsitzende braucht hier nur sechs Jahre um so viel zusammenzuraffen, dass ihm alles andere egal sein kann. Das Dumme daran: dieser Zeitraum ist ganz offensichtlich schon wesentlich kürzer als der gemeine Journalist braucht, um etwas zu merken, was natürlich in der Folge dazu führt, dass niemand mehr mitkriegt, was da eigentlich passiert.
af1755, 27.05.2008
2. Solidarität mit dem nuen Managerprekariat!
Zitat von sysopSpitzenmanager in Deutschland haben es schwer: Die Wahrscheinlichkeit, schnell aus dem Amt gejagt zu werden, ist für sie höher als in anderen Ländern. Nur noch rund sechs Jahre bleibt ein durchschnittlicher Vorstandschef im Amt - die Wechselrate ist so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,555577,00.html
Aiaiaiai, mir kommen gleich die Tränen!!! Wie wär's mit einem Spendenkonto für solch vom Schicksal gebeutelte und benachteiligte Menschen.
milchmädchen 27.05.2008
3. Rundum Sorglos Paket
Das ist sehr schlimm für diese armen Menschen. Der Wert des Pakets inclusive Lohn für 6 Jahre ist meist weit höher als der "Lebenslohn" für den Durchschnittsmalocher. Ich wuerde freiwillig nach spätestens 3 Jahren gehen, weil ich satt wäre , aber mit dieser Einstellung komm ich nie so weit hoch.....
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