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Presse Unten kürzen, oben pulvern

Teures Mißmanagement im Hause Springer: Ausgeschiedenen Top-Leuten zahlte der Verlag seit 1987 fast 70 Millionen Mark Abfindung.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Mit einem großen Lkw ließ Bernhard Servatius, 61, Aufsichtsratschef und Testamentsvollstrecker im Axel Springer Verlag, schnittfrische Blumen aus Hamburg zur Totenfeier von Vorstandschef Günter Wille nach Berlin bringen. Der trauernden Witwe hatte er zuvor eine Beerdigung im kleinen Kreis ausgeredet.

In der Trauerrede für Wille trug Zeremonienmeister Servatius dick auf. »Den Weg aufwärts, den er uns wies, werden wir weitergehen«, deklamierte der frühere Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Springer, das sollte jener Tag im vorigen November zeigen, ist ein Haus mit Glanz und Gloria. Die Wahrheit sieht anders aus.

Im größten deutschen Zeitungsverlag (Umsatz: 3,4 Milliarden Mark) geht es drunter und drüber. Nach verlegerischen Säuberungsaktionen verlassen die Mitstreiter von Wille, dem »reformgesinnten Unternehmer der jüngeren Generation« (Servatius), den Verlag.

Für einige Wochen läßt Servatius, der Sachwalter des 1985 verstorbenen Firmengründers Axel Cäsar Springer, ausgerechnet den unter Wille abgemeldeten Günter Prinz, 64, die Vorstandsgeschäfte führen. Der Springer-Oldtimer, zehn Jahre lang Bild-Chef, entledigt sich früherer Widersacher.

Das Duo Servatius/Prinz produziert so eine Serie aberwitzig hoher Abfindungen. Mit maximal acht Millionen Mark kann Willi Schalk, 53, rechnen, Vorstand für elf Wochen. Dem Ex-Werbemanager hatte Servatius sogar Willes Stellvertreterposten versprochen, später aber alle Zuständigkeiten genommen.

Wie Schalk bemühen die geschaßten Pressesprecher Holger Schnitgerhans (fristlos) und Ferdi Breidbach (zum Januar 1995) die Anwälte.

Fast eine Million bekommt die frühere Vorstandschef-Assistentin Regina Wiebusch, die Wille kurz vor seinem Tod zur Direktorin erhoben hatte. Wie alle Mitarbeiter im Verlegerbüro nutzte sie ein »personenbezogenes Sonderkündigungsrecht«, sagt Jurist Servatius.

Knapp 70 Millionen Mark hat Springer, deutscher Meister in der Disziplin Abfindungen, seit 1987 als Zehrgeld für ausgeschiedene Top-Manager und Chefredakteure überwiesen - fast die Höhe des Gewinns von 1993. Größter Profiteur war 1987 Zeitungskönig Prinz.

Er wurde damals, nach einer gescheiterten Intrige gegen den seinerzeitigen Vorstandschef Peter Tamm, mit 16,8 Millionen Mark verabschiedet. Derselbe Münchner Anwalt, Georg Romatka, der dieses Rekord-Kunststück fertigbrachte, ist nun wiederum dem Wille-Sprecher Breidbach zu Diensten.

Auch Tamm und fünf Vorstände, die 1991 von Wille schachmatt gesetzt wurden, haben reichlich Bares bekommen - insgesamt 33 Millionen Mark.

Die Quellen sprudeln munter weiter. Springer-Manager Horst Keiser, 58, der im Juli Prinz auf dem Chefstuhl ersetzen soll, erfüllt seinen bis Ende 1998 laufenden Vertrag nur bis zum 60. Geburtstag am 17. Januar 1996, wie Eingeweihte verbreiten. Springer dementiert eine solche Früh-Lösung. Mit einem Abschiedsgeld würde Keiser dann Platz machen für den neuen Zeitungsvorstand Jürgen Richter, 52, einen hartgesottenen Verlags-Controller, der wohl die Vertrauensfrage stellen wird, wenn Springer-Altgardisten ihn attackieren.

Über derlei büttenreife Darbietungen können die Springer-Mitarbeiter, die unter Stellen- und Sozialabbau ächzen, nicht lachen. Gesamtbetriebsratschef Helmut Kruschak: »Unten wird gekürzt, oben nach wie vor gepulvert.«

Von der »kooperativen Art des Zusammenlebens«, die ein Vorstandspapier als personalpolitisches Ziel auslobt, ist Springer weiter entfernt denn je. Wie Studien bestätigen, ist das Image lädiert, vor allem bei jungen Lesern und bei Meinungsmultiplikatoren wie Journalisten. Der Verlag gilt als unionshörig. Vor allem die Bild-Gruppe, mit jährlich 200 Millionen Mark Gewinn Herz des Hauses, kostet Glaubwürdigkeit.

Seit Springers Tod leidet der Marktwert des Verlagsriesen. Springers privates Immobilien- und Kapitalvermögen, einst auf 600 bis 700 Millionen Mark taxiert, ist langsam zusammengeschmolzen. Die Erben rund um Verlegerwitwe Friede Springer (Verlagsanteil: 50,1 Prozent) »hätten ihr Geld besser aufs Postsparbuch gelegt«, spottet ein Insider.

Professor Servatius, der an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater über Rechtsfragen doziert, muß im Sommer, bei den Aufsichtsratswahlen in der Hauptversammlung, mit Kritik rechnen. »Die Schwäche des Hauses«, urteilt ein Experte, »ist die Schwäche des Aufsichtsrats.« Jurist Joachim Theye, der für Springer-Großaktionär Leo Kirch (Anteil: mindestens 35 Prozent) im Aufsichtsrat sitzt, hält Berater und Anwälte generell nur »selten« für geeignet, »Firmen zu führen oder über die Zukunft ganzer Vermögensbereiche zu entscheiden«.

Von Rechts wegen kann Servatius keiner etwas anhaben. Die Testamentsvollstreckung hat ihm Springer bis zum Jahr 2015 garantiert - für ein Jahressalär von derzeit zwei Millionen Mark, das an die Steigerungsraten des Beamtentarifs B 7 (Ministerialdirigent, Konteradmiral, Senatsdirektor) angepaßt wird.

Seit »Serva« so klare Schwächen zeigt, haben sich die Chancen des Münchner TV- und Filmmoguls Kirch (Sat 1, Pro 7, Kabelkanal, Deutsches Sportfernsehen) verbessert, die Verlagsmehrheit zu übernehmen. Im Sommer soll Gerd Bacher, bis März Intendant des Österreichischen Rundfunks, für Kirch den dritten von neun Sitzen im Aufsichtsrat besetzen. Kirch selbst hat, mit Hilfe des Münchner Headhunters Dieter Rickert, dem Verlag den designierten Springer-Chef Richter vermittelt.

Für Noch-Aufsichtsrat Servatius bleibt, wenn alles vorbei ist, ein schöner Prestige-Posten: Ehrenvorsitzender. Y

[Grafiktext]

__88_ Springer: Auflage von ''Die Welt'', ''Bild'' u. ''Hörzu'' (1980 -

1993)

[GrafiktextEnde]

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