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ATOMSTROM Unter dem Strich

Nach der Nuklearpleite in den USA nimmt die deutsche Industrie Abschied vom großen Atomrausch. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Von April an sollen die 800 000 Tarifkunden der staatlichen Hamburgischen Electricitäts-Werke AG (HEW) ihren Strom um 6,5 Prozent teurer bezahlen als vorher.

Der Hamburger Normalhaushalt muß dann 23,1 Pfennig für die Kilowattstunde ausgeben. Damit liegen die HEW-Strompreise im Vergleich zu denen anderer Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) am oberen Ende. Mit 14 bis 39 Pfennig je Kilowattstunde verlangten die HEW für ihre Sondervertragskunden zudem schon vorher einen der höchsten Strompreise der Nation.

Weil die HEW mit über 50 Prozent auch noch einen besonders hohen Atomstromanteil haben, müßten sie eigentlich eine der bestverdienenden Stromfabriken der Bundesrepublik sein. Denn Nuklearstrom gilt nach Meinung der EVU als außerordentlich billig.

Aber genau das ist er nicht. Im Gegenteil. HEW-Chef Hans Werner Oberlack beklagte öffentlich, »unter dem Strich« überwögen bei der Firma die Minuszeichen. Ende Januar ließen die HEW-Oberen zudem durchblicken, die gewohnte Zehnprozent-Dividende kürzen zu wollen.

Mitten im Boom an den deutschen Wertpapierbörsen war die HEW-Aktie vom vergangenen März bis September um ein Drittel - von 139 auf 95 Mark - gefallen und erholte sich nur lahm bis auf 99 Mitte März.

Die Aktionäre erfuhren von ihrer Stromfabrik alsbald auch, warum das alles so sei. Die atomfeindliche Politik des Hamburger Senats, der die ausgedienten Kraftwerke der HEW durch neue Kohle-Heizkraftwerke ersetzen wolle, schlage knallrot in die Bilanz ein.

Die Forderung, den 50-Prozent-Anteil am Kernkraftwerk Brokdorf aufzugeben, nage zudem am Image des Unternehmens: Nicht der ohnehin schon hohe Atomstromanteil der HEW sei schuld am Kurs- und Ertragstief, sondern die Verhinderung eines noch höheren.

Bei demnächst 66 Prozent Kernkraftanteil an der gesamten Stromerzeugung der Hansestadt liegen die HEW mit ihrem Atomstrom aber schon auf der Höhe des sogenannten Grundlastanteils: jenes Teils der Stromproduktion, der rund um die Uhr geliefert und von den Schwankungen der Elektrizitätsnachfrage nicht erreicht wird. In diesem Grundlastbereich, sagen die Experten, sei Atomstrom konkurrenzlos.

Auch nach dieser Regel müßten Rentabilität und Verdienstkraft der HEW also kaum noch zu steigern sein. Oder ist Atomstrom am Ende gar nicht so billig?

Für die schlechte HEW-Bilanz gibt es zunächst mildernde Umstände. Solange das Kernkraftwerk Brokdorf, gegenwärtig das teuerste in Deutschland, nicht fertiggestellt ist, kostet es Geld, nämlich Kapitalkosten ohne Rückfluß durch bezahlte Stromlieferungen.

Zudem mußten die HEW und ihr Partner NWK rund 450 Millionen Mark für die Ausrüstung des Kernkraftwerks Brunsbüttel mit neuen Leitungen und neuen Brennstäben ausgeben. Brunsbüttel fiel für 12 Monate aus. Das neue Kernkraftwerk Krümmel, gerade erst angelaufen, fordert hohe Abschreibungen ohne entsprechende Erlöse.

Auch die zumeist unterirdischen HEW-Stromleitungen kosten mehr Geld als die billigen Freileitungen anderer Elektrizitätswerke. Der Verkauf von Fernwärme lahmte wegen des milden Winters, die Investitionen in neue Heizkraftwerke und Wärmeleitungen sind teuer. Und schließlich darf der hansische Bürger mit dafür zahlen, daß besonders liebe Kunden von der HEW gelegentlich zu Vorzugspreisen bedient werden.

Das Hamburger Aluminium-Werk etwa zahlt nur zwei Pfennig für die Kilowattstunde Strom, weit weniger als der günstigste Nuklearstrom im Bereich der Grundlast kostet, und nur ein Elftel dessen, was der einfache Bürger dafür zu zahlen hat. Selbst die günstigsten Gutachten der Zunft setzen allein den nuklearen Brennstoffpreis mit 2,5 Pfennig je Kilowattstunde an. Den Kapitalkostenanteil des HEW-Stroms bekommen die Aluminium-Werke geschenkt.

Schon über solche Sondertarife wird nicht gern geredet. Andere Gründe, die den Strompreis bei einem vorwiegend mit Atommeilern bestückten Versorgungsunternehmen hochtreiben, werden ganz verschwiegen. Ein heimlicher Preistreiber solcher Art ist die Reservekapazität.

Obwohl die Leichtwasserreaktoren der deutschen Stromerzeuger als besonders zuverlässig gelten - das Kernkraftwerk Stade der Nordwestdeutschen Kraftwerke AG (NWK) und der HEW arbeitete zwölf Jahre lang mit 85 Prozent Durchschnittsauslastung -, müssen die Stromerzeuger bei einer Atomanlage stets auf Totalausfälle vorbereitet sein.

Kernkraftwerke können nicht gedrosselt werden. Bei einem Störfall, bei der regelmäßig fälligen Inspektion und beim Auswechseln der Brennstäbe müssen sie stets ganz abgeschaltet werden. Da es kommerzielle Atomkraftwerke nur als

Großeinheiten von etwa 600 bis 1300 Megawatt gibt, fällt schon mit jeder Routineabschaltung ein großer Teil des Grundlaststroms aus.

Deshalb halten die EVU für Kernkraftwerke bis zu 50 Prozent Reservekapazität, und zwar oft in Form kleinerer konventioneller Anlagen, die technisch veraltet sind. Die Kosten dieser Reservekapazitäten aber - bundesweit etwa ein Drittel der Nuklearkapazität - werden dem Atomstrom nicht zugeschlagen. Sie belasten in der Betriebsabrechnung den konventionellen Bereich und lassen ihn im Vergleich zu den nuklearen Kraftwerken noch teurer aussehen.

Hamburgs HEW fanden denn auch nichts dabei, die besonders hohen Ölkosten, die beim Ausfall des Kernkraftwerks Brunsbüttel durch den vorübergehenden Betrieb alter Kraftwerke entstanden, als Profit-Killer hinzustellen. Daß dieser Aufwand ein Kostenbestandteil des Atomsystems ist, wurde ignoriert.

Das ist schon betriebswirtschaftlich unsauber. Ganz und gar verkehrt aber wird das atomare Kostenbild, wenn volkswirtschaftlicher Aufwand bewertet werden soll - also die vollen Systemkosten der Kerntechnik. Zu den Systemkosten nuklearer Stromerzeuger nämlich gehören neben den Kosten des Kraftwerksbetriebs und der Reservekapazitäten auch die der Endlagerung, der Wiederaufarbeitung von Brennstäben und des Abbruchs der nach 20 bis 25 Jahren ausgedienten Atommeiler.

Weil der Kern eines Atomreaktors radioaktiv ist, muß er nach Abbruch genauso wie die ausgeglühten Brennstäbe in nuklearen Endlagern untergebracht oder an Ort und Stelle fest verplombt werden. Er läßt sich nicht, wie andere Industrieanlagen, verschrotten und ins Materialrecycling einfügen: Zum ersten Male in der Industriegeschichte ist Verschrottung von Anlagen damit eine gesonderte Investition. Sie kann in Mark und Pfennig teurer kommen als der Neubau des Kernkraftwerks 20 oder 25 Jahre zuvor.

Hermann Krämer, Chef der ebenfalls atomstarken NWK (Nordwestdeutsche Kraftwerke), gibt unter Kollegen gern zu, von dem Ausmaß dieser Kosten so gut wie nichts zu wissen. »Wir leben mit einer gewissen Unsicherheit bei der Feststellung der Entsorgungskosten.«

Ob die dafür zurückgestellten Summen, die in die Kostenrechnung der Stromerzeuger eingehen, ausreichen werden oder schon zu hoch sind, weiß niemand in der Branche. Bei Krämers NWK, dem HEW-Geschäftspartner beim Betrieb der Kernkraftwerke Stade, Brunsbüttel, Krümmel und Brokdorf, sind rund 350 Millionen Mark für Entsorgung und Abbruch der Nuklearkraftwerke in der Bilanz zurückgestellt.

Wie hoch solche Summen aber wuchern können, hat den EVU schon im vergangenen Sommer das von ihnen ungeliebte Freiburger Öko-Institut vorgerechnet. Auf einer 550-Seiten-Studie, deren Inhalt inzwischen auch von atomfrommen Zeitungen wie der »FAZ« ohne viel Häme zitiert wird, versuchen die Freiburger, das angeblich billige Atomstromsystem gar als besonders teuer hinzustellen.

Jedes deutsche Kernkraftwerk, steht da zu lesen, verursache im Laufe seines Wirkens einen volkswirtschaftlichen Verlust von 25 bis 45 Milliarden Mark. Auf die Dauer werde das Atomsystem damit eklatante Strompreiserhöhungen verursachen - oder höhere Steuern.

Als Gründe dafür führten die Verfasser der Studie - Jürgen Franke und Dieter Viefhues - die explosiv gestiegenen Baukosten eines Kernkraftwerks an. Sie seien pro Kilowattstunde allein von 1976 bis 1982 um jährlich 25 Prozent geklettert. In Zukunft würden sie der höheren Kapitalkosten wegen noch weiter klettern: Geld ist in den 80er Jahren nicht mehr so billig wie in den 60er und 70er Jahren.

Die Abrißkosten, so Franke und Viefhues, seien nach den Erfahrungen beim Abbau des US-Reaktors Elk River mit 30 bis 75 Prozent der Investitionskosten angenommen worden. Die Stromfabriken dagegen begnügen sich bei ihren Rückstellungen zumeist mit zehn bis 15 Prozent.

Als besonders exotisch und unvorhersehbar aber gelten die Kosten der Endlagerung und Wiederaufarbeitung. Industrie und Öko-Studie veranschlagen die Kosten neuerdings zwischen 4,2 und zehn Milliarden Mark, gelegentlich war gar von 20 Milliarden Mark für eine einzige 1400-Tonnen-Wiederaufarbeitungsanlage die Rede.

NWK-Chef Krämer hatte den Anteil der Entsorgung und Wiederaufarbeitung vor wenigen Jahren noch mit nur einem Pfennigbruchteil je Kilowattstunde verharmlost. Nun gibt selbst die Stromwirtschaft zu, unter 1,5 bis zwei Pfennig werde es wohl nicht abgehen.

Daß auch Krämer die Kosten inzwischen dramatischer sieht, gab er vergangenen Herbst indirekt zu erkennen. Öffentlich kritisierte der NWK-Chef einen in den USA eingerichteten Entsorgungs- und Wiederaufarbeitungsfonds, den die US-Stromversorger jährlich mit einem Cent je zehn Kilowattstunden Atomstrom füttern müssen. Krämer: »Dazu würde ich mich sofort bereit erklären, wenn ich daraufhin die Brennelemente, ich sage mal, vorm Weißen Haus abladen darf.«

Neidgefühle anderer Art hegen Krämer und seine deutschen Kollegen gegenüber den amerikanischen Stromversorgern allerdings nicht. Die US-Elektrizitätswerke nämlich kommen schon ohne die ihnen demnächst drohenden volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemkosten mit ihren Kernkraftwerken in Schwierigkeiten. Und diese Schwierigkeiten, so fürchten die deutschen Atombarone, könnten dem Ruf der Kernkraft überall in der Welt schaden.

Schon 1978 meldete ein Spezialbericht des US-Kongresses über die Kosten der Kernkraft gleich im ersten Satz: »Im Gegensatz zu einem weitverbreiteten Glauben kann Kernkraft nicht mehr länger als eine billige Energiequelle gesehen werden.«

Von 1975 bis zum November 1983 sind in den USA 87 Kernkraftwerke stillgelegt oder gar nicht erst fertiggestellt worden. Sämtliche in den vergangenen zehn Jahren dort erteilten Kernkraftaufträge sind storniert oder zurückgestellt worden. Die US-Nuklearindustrie lebt allein noch von den vor 1974 erteilten Aufträgen. In den abgebrochenen Bauvorhaben sind inzwischen zehn Milliarden Dollar untergegangen.

Die Kosten der Kernkraftinvestitionen, vermerkt eine Studie des Washingtoner Worldwatch-Instituts, hätten sich in den vergangenen zehn Jahren in den USA verdreifacht, in Westdeutschland verdoppelt und in Frankreich um 60 Prozent erhöht. Insgesamt, behauptet die Studie, sei Strom aus Kernkraft in fast sämtlichen Ländern teurer als Kohle-Elektrizität.

Atomstrom aus neuen Kraftwerken koste in den USA zehn bis zwölf Cents je

Kilowattstunde, Kohlestrom fünf bis sieben Cents. Selbst Biomasse (acht bis 15) und Windkraft (12 bis 20) könnten im Grenzbereich mit der Kernkraft bereits konkurrieren. Sie sind nur deshalb keine Wettbewerber, weil sie zur Massenerzeugung nicht taugen.

Lediglich Solarenergie aus Photozellen, technisch das aussichtsreichste Verfahren einer Stromerzeugung aus regenerativer Energie, liege mit 50 bis 100 Cents noch weit darüber. Konkurrenzlos niedrig dagegen sei der Preisanteil des Stroms in Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung: Er koste vier bis sechs Cents je Kilowattstunde.

Bis zum Jahre 1990, vermuten die Worldwatch-Forscher, werde sich der Strompreis aus Kohle-, Kern- und Wasserkraft erhöhen, während die Kosten der alternativen Systeme erheblich abnehmen würden. Bereits im Jahre 1990 werde Kernkraft deswegen teurer als fast alle anderen Stromquellen sein. Während Strom aus *___der Kraft-Wärme-Kopplung dann vier bis sechs Cents je ____Kilowattstunde kosten werde, *___Kohle sieben bis neun, *___Wind sechs bis zehn, *___Biomasse sieben bis zehn, *___Wasserkraft zehn bis zwölf, *___Photozellen 10 bis 20 Cents, müßten für Kernkraftstrom ____dann 14 bis 16 Cents gezahlt werden.

In der Bundesrepublik, deren konventionelle Kraftwerke vorwiegend teure und auch noch subventionierte heimische Kohle verbrennen müssen, kann die Kernkraft nach Meinung der Worldwatcher bei Grundlast noch am besten antreten. Doch gegenüber den Stromerzeugungskosten von Heizkraftwerken, die aus der Abwärme ihrer Stromproduktion die Wohnungen ganzer Städte oder Stadtteile wärmen können, ist Kernkraftstrom auch in Deutschland nicht billig.

Den Managern der deutschen Stromfabriken, so eisern sie auch nach außen hin ihre Investitionsentscheidungen für die Kernkraft verteidigen, ist diese Art Wende nicht entgangen. Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder, bis vor kurzem der profilierteste Atomrecke des Landes, rüttelte vergangenen Herbst in einem Vortrag vor Vertrauten an den Grundfesten der damals allgemein-verbindlichen Wachstumsphilosophie, mit deren immerwährender Gültigkeit einst der Weg in den Atomstaat begründet worden ist.

»Wir müssen überlegen«, philosophierte der Veba-Fürst damals »ob wir für die Zukunft nicht besser gerüstet wären, wenn wir nicht weiterhin alles Denken und Handeln allein nur auf die traditionelle 'Wachstumskarte' setzen würden.«

Nur ein Jahr nach der politischen Wende, die unter anderem mit dem unsinnigen Vorwurf vom »Investitionsstau«

bei Kraftwerken propagiert worden war, leitete CDU-Mann Bennigsen die Wende zum Investitionsstopp bei Großkraftwerken ein. Die Bundesregierung - wie immer - folgte den Wünschen der Industrie.

Statt der einst vorgesehenen Leistung von 55 000 Megawatt Atomstrom wird nach dem neuen Entsorgungsbericht der Bundesregierung im Jahre 2000 nur noch mit 30 000 Megawatt Kernkraftkapazität zu rechnen sein. Offizielle Begründung: Die Stromnachfrage wächst - als Folge moderner Technologien - langsamer.

Intern sieht der Rückzug an der Atomfront noch radikaler aus: Das geschlossene Nuklearsystem wird von seinen eigenen Propagandisten nun in Frage gestellt. Siemens-Aufseher Bernhard Plettner etwa bezeichnet die Absatzchancen der Siemens-Tochter KWU für komplette Kernkraftwerke als miserabel.

Insgeheim fürchten Hersteller und Betreiber von Kernkraftwerken einen unvermutet schnellen Wandel der Energieszene: *___Die allgemeine Öl- und Gasschwemme drückt das ____Energiepreisniveau derart, daß die EVU die angestrebte ____Eroberung des Wärmemarktes - Raumheizung - zunächst ____aufgegeben haben; *___die modernen Mikro-Techniken und neue Elektrogeräte ____vermindern die Stromnachfrage; *___neue Kernkraftwerke sind so teuer, daß die EVU - wie in ____Baden-Württemberg geschehen - lieber billigen Strom aus ____der französischen Überproduktion abnehmen wollen, statt ____selbst neue Kernkraftwerke zu bauen; *___der Bau von Heizkraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung ____wie in Flensburg wird von regionalen ____Versorgungsunternehmen als wirtschaftliche Alternative ____gesehen.

Weil ihr Atomrausch abebbt, will die Stromindustrie nun rasch den Marsch in exotische Systemkosten abblocken - so etwa den Bau der luxuriösen 1400-Tonnen-Wiederaufarbeitungsanlage.

Im Aufsichtsrat der von Industrie und Stromerzeugern satt ausgestatteten Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) herrscht seit vergangenem Herbst eine Art Endzeitstimmung.

Dem gern pompös auftretenden DWK-Chef Günter Scheuthen wurden die Finanzmittel gestutzt. Zudem wurde er aufgefordert, sich billigere Anlagen auszudenken als das von ihm für allgemeinverbindlich erklärte 1400-Tonnen-Monster. Die Siemens-Tochter KWU wurde beauftragt, von sich aus kleinere und billigere Anlagen zu planen.

DWK-Scheuthen kann seinen Laden einstweilen nur zusammenhalten, weil die Stromwirtschaft noch in drei Fraktionen gespalten ist: *___Die erste meint, eine eigene deutsche ____Wiederaufarbeitungsanlage werde zu teuer. Verträge mit ____der nur schwach ausgelasteten Anlage der französischen ____Cogema in La Hague würden billiger. *___Die zweite glaubt, auf die Wiederaufarbeitung ganz ____verzichten zu können. Wegen der nur noch gering ____wachsenden Kernkraftwerkskapazität sei Uran unerwartet ____billig und reichlich zu haben. Die Wiederaufarbeitung ____werde deshalb teurer als der einmalige Einsatz von ____Brennstäben. *___Nur die dritte Fraktion, geführt von dem Essener ____Strom-Konzern RWE, beharrt auf einer eigenen deutschen ____Anlage. Mangels ausreichenden Bedarfs an ____wiederaufgearbeiteten Brennstäben soll sie aber sehr ____viel kleiner werden - etwa 350 statt 1400 Tonnen ____Jahreskapazität.

Wenn sich die zweite Fraktion durchsetzt, vermutete der SPD-Energieexperte Harald Schäfer schon 1981, »wird der Schnelle Brüter sinnlos«, denn der Plutoniumkreislauf ist dann nicht mehr gewünscht. Wenn die erste Fraktion sich durchsetzt, stellt sich nach einer Schamfrist das gleiche Ergebnis ein. Wenn sich aber die dritte Fraktion behauptet, werden die hohen Systemkosten der Nuklearwirtschaft durch neue Subventionen vertuscht.

Wolf Häfele, Deutschlands einstiger Schnellbrüter-Papst, inzwischen Chef der Kernforschungsanlage Jülich, hält eine kleine Wiederaufarbeitungsanlage für unwirtschaftlich, aber nötig. Deshalb, so Häfele und das DWK, solle sie über das Kernforschungszentrum Karlsruhe finanziert werden.

Mit öffentlichem Geld. Allzu offenbar würden sonst, fürchten die Atomleute, die wirklichen Systemkosten der Nuklearenergie. Entsatz allerdings kam vom Frankfurter Battelle-Institut. In einem für die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen gefertigten Gutachten schrieben die Battelle-Forscher, Kernkraftwerke würden zunehmend nicht nur in der sogenannten Grundlast, sondern auch schon in der Mittellast rentabel.

Als Grund geben die Wissenschaftler an, der extrem hohe Investitionsaufwand für Kernkraftwerke werde in Deutschland durch den extrem hohen Rohstoffpreis bei Kohlekraftwerken mehr als ausgeglichen. Im Vergleich dazu sei der Preis für den Kernbrennstoff Uran unerwartet niedrig geblieben.

Allerdings: Bei einem weltweiten Ausbau des Kernkraftsystems würde die Uran-Nachfrage sofort steigen und den Brennstoffpreis in die Höhe jagen. Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen hätte es mithin nicht nötig, das Atomgutachten monatelang im Schrank zu lassen: Die Wirtschaftlichkeit der deutschen Kernkraftwerke hängt auch nach Battelle vor allem davon ab, daß möglichst wenig Atomanlagen gebaut werden und Uran deshalb billig bleibt.

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