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»Unter den Verhältnissen gelebt«

aus DER SPIEGEL 45/1976

Der Lebensstandard der Gesamtbevölkerung«, rechnete einst der englische Ökonom William Beveridge vor, »ist ein einfacher Quotient; er ist die Summe aller von der Bevölkerung erzeugten Güter, geteilt durch die Anzahl ihrer Köpfe.«

Diese einleuchtende Formel gilt im Zeitalter wachsender internationaler Außenhandels- und Kapitalverflechtung für den einzelnen Staat längst nicht mehr. In dem nach dem Zweiten Weltkrieg installierten System fester Wechselkurse wurden Güter im Werte von Milliarden von einem Land ins andere verschenkt -und damit der Wohlstand der Bevölkerung zugunsten des Auslands geschmälert.

Gerade die Westdeutschen zählten zu den großzügigsten Spendern. Denn sie leisteten sich Jahr für Jahr riesige Exportüberschüsse.

In dem Maße nämlich, in dem die Ausfuhren die Einfuhren überstiegen, verzichtete die deutsche Bevölkerung auf reale Entschädigung für Güter, die sie produziert hatte. Statt dessen begnügte sie sich damit, Milliardenforderungen gegen das Ausland in Form von Devisen aufzutürmen.

Denn die Devisenreserven der Notenbanken stellen nichts anderes dar als Ansprüche auf das Sozialprodukt jenes Landes, aus dem diese Devisen stammen. Sie sind deshalb nichts anderes als ein Kredit an dieser Land.

Die Devisenreserven der Bundesbank in Höhe von 60 Milliarden Mark bestehen fast ausschließlich aus US-Dollar -- ein Kredit an die USA also, den diese für Vietnamfinanzierung und den Aufkauf deutscher Firmen nutzten.

Daran nahm niemand Anstoß. Hohe Exportüberschüsse galten (und gelten) vielmehr als Gütesiegel einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik. Und in der Tat: Exporterfolge sicherten einen hohen Beschäftigungsstand und bügelten manchen Konjunktureinbruch aus.

Die Exportoffensive wurde vor allem durch einen falschen Wechselkurs der Mark begünstigt. Denn die Bundesregierungen sperrten sich stets, die wegen der höheren Inflationsraten in den Partnerländern ökonomisch gebotenen Aufwertungen zu beschließen.

Aufgrund des künstlichen Wettbewerbsvorteils der international zu billigen Mark wurden Waren und Sachkapital verschleudert. »Das Festhalten am unterbewerteten Wechselkurs«, analysierte der Kieler Wirtschafts-Ordinarius Manfred Willms, »hat also zu einer Art Enteignung deutschen Kapitals geführt.«

»Richtig ist«, schloß auch Werner Steuer, Geschäftsführer der Gemeinschaft zum Schutz der deutschen Sparer, »daß Deutschland lange Zeit -- nämlich unter den Bedingungen fester Wechselkurse -- unter seinen Verhältnissen lebte, indem es gegen Auslandsforderungen einen beträchtlichen Teil seines Sozialprodukts dem Ausland überließ. also praktisch verschenkte.«

Die konjunkturellen Gefahren starker Ausfuhrabhängigkeit (jeder fünfte Erwerbstätige in der Bundesrepublik arbeitet direkt oder indirekt für den Export) wurden erstmals im Weltrezessions-Jahr 1975 sichtbar.

Als der Welthandel um sieben Prozent schrumpfte, traf dies die Bundesrepublik mit einem Einbruch des realen Exports um zwölf Prozent überproportional. Rund vier Fünftel des Sozialprodukt-Rückgangs im ersten Halbjahr 1975 waren allein auf die gesunkene Auslandsnachfrage zurückzuführen.

Nach der weitgehenden Freigabe der Wechselkurse im März 1973 blieben zwar die Devisenfluten aus. Aber das Handels-Ungleichgewicht verschärfte sich eher noch (Exportüberschuß 1974: 50 Milliarden Mark).

Denn durch höhere Lieferantenkredite an ihre Auslandskunden und steigende Direktinvestitionen im Ausland verringerten die deutschen Unternehmen den durch das Handels-Ungleichgewicht ausgelösten Aufwertungsdruck auf die Mark.

Auch Staatskredite an devisenknappe Partnerländer wie England, Italien und Dänemark bremsten die durch Handelsströme verursachten Kursbewegungen auf den Devisenmärkten.

Daß Regierung und Unternehmen die deutschen Exportüberschüsse durch Kapitalexporte aufrechterhalten, einen Teil der Güterlieferungen also durch Auslandskredite praktisch selbst finanzieren, ändert im Vergleich zur Zeit fester Wechselkurse mit ihren regelmäßigen Devisen-Überschwemmungen

an der Geschenkpraxis wenig. Allenfalls das: Kann ein devisenschwacher Staat wie Italien seine Schulden nur durch neue Schulden tilgen, ist der Kredit in aller Öffentlichkeit als Geschenk enttarnt.

Verloren dagegen die Dollarreserven der Bundesbank durch eine Aufwertung der Mark an Wert, nahm kaum jemand davon Notiz, daß auf diese Weise ein Kredit an die USA teilweise als verloren abgebucht wurde.

Der Verlust, den die Bundesbank seit 1969 durch Mark-Aufwertungen erlitt, beträgt fast 23 Milliarden Mark -- etwa 1100 Mark für jeden westdeutschen Haushalt.

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