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WERFTEN Unter Druck

Deutschlands größtes Schiffbau-Unternehmen, die Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW), geriet zum Streitobjekt zwischen dem Hamburger Senat und dem Oberhausener Stahlkonzern Gutehoffnungshütte.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Auf weißen Büttenkarten lud Hamburgs Wirtschaftssenator Helmuth Kern zum Presse-Tee in den Klubraum des Hamburg Centrums am Millerntor mit freiem Blick über die Reeperbahn: Als die Gäste vollzählig waren, schlug er auf den Tisch.

Als »übelsten Kapitalismus« beschimpfte der Gastgeber die Geschäftspolitik des Oberhausener Gutehoffnungshütte-Konzerns (GHH), der seit Monaten versucht, seine Anteile an Deutschlands größter Schiffsbau-Anstalt, der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW). zum »Überpreis« (Kern) von etwa 60 Millionen Mark an den bundeseigenen Salzgitter-Konzern zu verkaufen.

An der HDW-Werft ist die Besitzverwaltungsgesellschaft Deutsche Werft. die zu 53,3 Prozent der GHH, zu 30 der AEG und zu knapp 17 Prozent freien Aktionären gehört, mit 50 Prozent beteiligt. Die zweite Hälfte des HDW-Kapitals liegt schon heute im Besitz des Stahlkonzerns Salzgitter.

Als Salzgitter-Chef Hans Birnbaum im vergangenen März seine Anteile am Lkw-Werk Büssing für 30 Millionen Mark an die GHH verkaufte, hatten die beiden Partner sich auf einen Ring-Tausch geeinigt: Dafür, daß sich der Oberhausener Stahltrust das Büssing-Werk einverleibte. sollte das Staatsunternehmen in Salzgitter alle Anteile an der HDW-Werft übernehmen.

Als Thyssen-Chef Hans-Günther Sohl von dem Geschäft erfuhr, wollte auch er an das zum Verkauf stehende Aktienpaket heran. Sohl hatte sich im vergangenen Jahr auf eine 65-Prozent-Mehrheit bei der Hamburger Traditionswerft Blohm + Voss hochgekauft. Mit Birnbaum verabredete er daraufhin. die beiden Schiffbauunternehmen HDW und Blohm + Voss bis zum September zur drittgrößten Werft der Welt zu fusionieren.

Doch die Stahlkrise. in die im Verlaufe des Spätsommers auch Thyssen geriet, brachte Sohl von seinen Küsten-Plänen wieder ab: Das Geld. das er zum Ankauf von HDW-Aktien benötigte. konnte er nicht mehr aufbringen -- der Staatskonzern Salzgitter. selbst nicht sehr ertragskräftig. stand mit seinem Versprechen allein, die zweite Hälfte des HDW-Kapitals zu kaufen.

Zunächst bemühte sich Salzgitter-Manager Birnbaum, das mündlich vereinbarte Junktim zwischen dem Büssing-Verkauf und dem Werften-Zukauf herunterzuspielen: »Wir sind nicht verpflichtet«, gab er kund. »die HDW-Anteile zu übernehmen.«

Im Juli einigte er sich sodann mit GHH-Chef Dietrich von Menges über ein Rahmenabkommen, in dem er sich grundsätzlich -- vorbehaltlich der Zustimmung des Bundeswirtschaftsministeriums -- zum Kauf bereitfand. Über die Bewertung der Anlagen und über den Gesamtpreis, so meinte der Staatsunternehmer, müsse man allerdings noch einmal sprechen.

Mittlerweile aber ließ er einen Investitionsplan für die HDW ausarbeiten. nach dem die Docks des Unternehmens in Kiel und Hamburg mit mindestens 75 Millionen Mark rationalisiert und für den künftigen Bau von Großschiffen gerüstet werden sollten: Die Werftanlagen in Hamburg-Finkenwerder will Birnbaum schließen. Das Neubau-Geschäft des Konzerns soll allein auf die Kieler Werft und auf die Helling Roß im Hamburger Hafen konzentriert werden. Birnbaum: »50 Millionen in Kiel, 25 Millionen in Hamburg -- das ist für die Rationalisierung einfach erforderlich.«

Über diesen Investitionsplan geriet Birnbaum bald in Streit mit dem Gutehoffnungshütte-Chef von Menges: Der Ruhr-Manager war nicht mehr bereit, Investitionsgeld bereitzustellen, da er ohnehin aus der Werft aussteigen wollte. Solange der Kaufvertrag. ließ er dem Salzgitter-Management mitteilen, nicht endgültig zustande käme, solle die Werft sich seinetwegen auf das Reparaturgeschäft beschränken.

Alleingelassen und vom GHH-Chef unter Druck gesetzt, sahen die Bonner Aufsichtsräte der Salzgitter AG jetzt nur noch in der Verstaatlichung der HDW einen Ausweg: Der Hamburger Senat und die Kieler Landesregierung, die sich um 15 000 Werft-Arbeitsplätze sorgten, sollten sich über die staatliche Landesbank bei der Großwerft einkaufen. Denn Birnbaum wollte die Werft allein »nie übernehmen, dafür ist mir das Risiko zu groß«.

Hamburgs agiler Wirtschaftssenator Kern, künftiger Angriffe wegen kalter Sozialisierung gewiß, ging deshalb vorsorglich zur Attacke über: Die Handlungen des Oberhausener Stahlbosses, der das Büssing-Junktim verwirklicht sehen möchte, bezeichnete er unverblümt als »Erpressung«.

GHH-Vorstand Heinz Krämer dagegen. der sich in Vertretung des nach Südamerika gereisten von Menges letzte Woche allein den Senatsangriffen ausgesetzt sah: »Das Ganze reduziert sich auf ein Salzgitter-Problem: eine politische Aktion -- ganz klar.«

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