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INDUSTRIE Unter Streß gesetzt

Mit rabiater Rationalisierung soll die Deutsche BP aus den Verlusten gesteuert werden. Die Londoner Zentrale erwartet Vollzugsmeldung.
aus DER SPIEGEL 36/1976

Für die viereinhalbtausend Bediensteten des Hamburger Mineralölunternehmens BP, Branchenviertes in der Bundesrepublik, verkündete Chef Hellmuth Buddenberg das »Ende des Empire-Denkens«.

Künftig, so befand der Vorstandsvorsitzende, als einstiger Finanzdirektor der Firma mit Gewinn und Verlust wohlvertraut, gebe es keine Erbhöfe mehr, in denen der Hausmeier ohne Verantwortlichkeit für das Geschäftsergebnis vor sich hin wursteln könne, sondern nur noch »Profit Center«.

Dieser aus amerikanischen Management-Schulen stammende Begriff soll eine Organisationsform umschreiben, in der jeder Abteilungs- oder Bereichsleiter innerhalb und außerhalb des Konzerns wie ein selbständiger Unternehmer auftreten kann.

Am Ende allerdings muß ungefähr das an Gewinn herausschauen, was vorher, zu Jahresbeginn, veranschlagt worden ist. Buddenberg: »Wenn der Leiter des Profit Center Straßentankstellen meint, Kühne & Nagel mache es billiger, dann kann er auch unsere werkseigene Spedition rausschmeißen.«

Mit innerbetrieblicher Rationalisierung und Personalabbau -- bis Ende 1976: 424 Mitarbeiter, die teils vorzeitig in Pension gehen -- will der BP-Chef (Branchenname: »Zack-Zack") dem chronisch von Verlusten im Ölgeschäft heimgesuchten Konzern jährlich 100 Millionen Mark an »sinnlosen Kosten« (Buddenberg) ersparen.

Reine Kostenfilzerei allerdings bringt das Ölunternehmen nicht wieder aus der Schlagseite. Der Konzern nämlich liegt im Vergleich zu den großen Konkurrenten Esso und Shell strukturell schief: Die beiden Marktführer können ihre Verluste in der Ölverarbeitung durch petrochemische Geschäfte, vor allem aber durch gewaltige Gewinne beim Verkauf von Erdgas und aus deutschem Boden gefördertem Öl ausgleichen. Der BP-Konzern zieht Entlastung allein aus seinen Chemiegeschäften.

Die Deutsche BP betreibt Petrochemie gemeinsam mit dem Leverkusener Chemie-Multi Bayer. Beide Unternehmen besitzen je zur Hälfte die bei Köln angesiedelte Erdölchemie GmbH, die Vorprodukte für die bei Bayer produzierten Kunststoffe und Chemiefasern liefert.

Nur etwa ein Fünftel der Bayer-Chemikalien aber wurde bislang aus diesen Vorprodukten hergestellt -- den großen Rest muß der Konzern auf dem internationalen Markt einkaufen. Das will der BP-Mann ändern: »Die Chemie muß ihre Versorgungsbasis im eigenen Lande haben.«

Um dies zu bewerkstelligen, verhandelt der BP-Chef gegenwärtig mit Bayer-Generaldirektor Herbert Grünewald, der als 50-Prozent-Partner der Erdölchemie GmbH sein Plazet zum Ausbau der Anlagen geben muß.

Dieser Ausbau ist keine Kleinigkeit. Rund eine Milliarde Mark darf die Bayer/BP-Tochter in den nächsten drei Jahren investieren, um ihre Verarbeitungskapazitäten von 2,0 auf 3,5 Millionen Tonnen Rohöl aufzustocken. Jetzt aber reden Buddenberg und Grünewald über einen weiteren Ausbau -- und über die dreifache Summe.

Dabei hoffen die Manager eine neue Technologie der Ölverarbeitung hinzustellen. Sie wollen die Rückstände des Raffinerieprozesses, das heute nur für Industrie und Stromerzeuger verwendbare schwere Heizöl, durch Vergasung oder weitere Spaltung unmittelbar zu Grundstoffen der Chemie verarbeiten.

Schweres Heizöl nämlich gilt bislang als Branchengeißel. Es ist mit satten 30 Prozent an der Raffinerieproduktion beteiligt, aber pro Tonne nur für 190 Mark, 50 Mark unter dem Einkaufspreis für Rohöl, aus dem es nach einem komplizierten Fertigungsgang erst gewonnen wird, abzusetzen.

Leichtes Heizöl -- für Haushalte -- dagegen bringt pro Tonne 300, Auto-Benzin 420 Mark, Chemiebenzin noch etwas mehr. Je weniger schweres Heizöl die Ölunternehmen verkaufen müssen, desto mehr Geld bleibt mithin am Ende in der Kasse.

Und die Kasse stimmte bei BP längst nicht mehr. Als Buddenberg zum Jahresanfang Chef wurde, übernahm er einen Bilanzverlust von 276 Millionen Mark, den er seinen Londoner Herren rasch wegzubügeln gelobte. Für 1976 hofft er ein auf 100 Millionen Mark gemindertes Defizit melden zu können.

Auf bessere Bilanzen in der Provinz sind die Londoner BP-Herren jetzt besonders scharf. Denn sie selber haben eine etwa vierjährige Durststrecke zu überwinden, die sie vom großen Geld noch trennt. Der BP-Konzern hat sich aus den beiden größten Ölentdeckungen außerhalb der Opec gegen schweres Geld die jeweils größten Anteile gesichert und will eines Tages gut davon leben.

An der riesigen Ölblase von Alaska ist die BP zusammen mit ihrer US-Tochter Sohio zu über 50 Prozent beteiligt. Fließt das Alaska-Öl, steigt der britische Konzern zum zweitgrößten Produzenten amerikanischen Rohöls (hinter der Exxon) auf und verdient je Barrel Rohöl (159 Liter) um die drei Dollar.

In der Nordsee besitzt die BP-Gruppe, die heute zu knapp 70 Prozent dem britischen Staat gehört, drei der vier ergiebigsten Felder des britischen Sektors: Forties, Ninian und Magnus. Aus dem Forties-Feld, dessen Ausbeutung 1975 begann, zieht die Londoner BP 2,87 Dollar Reingewinn je Barrel -- gut zehnmal soviel, wie die Opec-Länder den Konzernen bei der Ölförderung lassen.

Bis die Gewinne so richtig sprudeln, hat die Gruppe sich aber stark strapaziert. Nach Alaska flossen 7,5 Milliarden Dollar BP-Investitionen, in die Nordsee 1,75 Milliarden. Noch 1970 kam der Multi mit jährlich etwa 530 Millionen Dollar Investitionsmitteln aus, 1981 werden es 2,3 Milliarden sein.

Bei solcher Lage stören rote Zahlen in den Tochterunternehmen sehr. Während aber Buddenberg-Vorgänger Albert Hallmann, ein Genie der Improvisation, den Briten die hohen Ölverluste ihrer deutschen Tochter stets mit dem Hinweis auf ähnliche Verhältnisse bei der Konkurrenz erklärt hatte, lieferte Buddenberg, noch bevor er Chef wurde, eifrig Denkmodelle für die Tilgung der roten Zahlen.

Nun steht er im Streß. Ein Spitzenmanager der Konkurrenz: »Der hat sich jetzt selber unter Erfolgszwang gesetzt.«

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