Zur Ausgabe
Artikel 28 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AKTIEN Unter Wert

Verkaufen oder zukaufen? Die Aktien-Experten sind ratlos, sie können die Kurse nicht mehr deuten. *
aus DER SPIEGEL 48/1987

Nach dem großen Krach vom 19. Oktober war Wolfgang Röller, der Chef der Dresdner Bank, um Erklärungen nicht verlegen. Vor allem ausländische Börsen hätten »übertrieben«, erklärte der Frankfurter Bankier den schwarzen Montag. Die »Korrektur« sei längst überfällig gewesen.

Auf einmal. Es war noch gar nicht so lange her, da erklärten Röllers Experten der Kundschaft genau das Gegenteil. Die boomenden ausländischen Börsen lägen richtig, war zu erfahren, die Deutschen hätten einen großen »Nachholbedarf«. Es gäbe nur eins: Aktien kaufen. Es war ein teurer Rat.

Nun sind Banker und Börsianer verwirrt. Was sich seither in den Börsensälen tut, ruiniert ihr gesamtes Wertesystem. Die schönen Modelle und Studien, die ausgefeilten Analysen und Prognosen - alles, meint das Fachblatt »Finanz und Wirtschaft«, wurde gleichsam »über Nacht zur Makulatur«.

Trostreich nur, daß die gesamte Zunft der Anlagenhelfer daneben lag, die schreibenden Experten eingeschlossen. Daß deutsche Aktien bald die »Nr. l« sein würden, hatte bis kurz vor dem schwarzen Montag Hans A. Bernecker, Herausgeber des Börsenbriefs »Die Actien-Börse« in Zeitungsanzeigen verkündet. »Nutzen Sie jetzt ihre Chance«, schrieb »Capital« auf den Oktober-Titel, »50 Aktien vor neuem Boom«. Die heißen Tips gerieten zum capitalen Flop.

Niemand schien von Zweifeln in die Aufwärtsentwicklung der deutschen Börsen geplagt - welcher der beiden konkurrierenden Experten-Richtungen die Zukunfts-Schauer auch angehörten.

Da gibt es einmal die Fundamentalisten, vornehmlich in den Forschungsabteilungen von Banken und Brokerhäusern zu finden. Die Fundis stützen sich auf wirtschaftliche und politische Faktoren. Sie fragen danach, ob die Wirtschaft wächst, die Auftragsbestände und die Gewinne steigen oder ob die Zinsen sinken. All das sei gut für die Kurse.

Besonders hilfreich erscheint den Anhängern der fundamentalen Analyse der »Gewinn pro Aktie«. Ausschlaggebend für den Wert einer Aktie, so der Gedanke, sei nicht die ausgeschüttete Dividende, sondern der tatsächliche Gewinn.

Daraus wird dann nach komplizierten Formeln das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis ausgerechnet. Kostet beispielsweise eine Aktie mehr als das Zwanzigfache des letzten Gewinns, gilt sie als vergleichsweise teuer. Liegt die Relation unter zehn, gilt das Papier als billig, wäre also kaufenswert.

Das schlichte Schema verhilft nicht immer zur richtigen Erkenntnis. Weil eben die Fundamente so solide erschienen, empfahlen die Fundamentalisten der Dresdner Bank bis kurz vor dem Crash den Kauf deutscher Aktien. »Die konjunkturellen Perspektiven« hätten

sich gebessert, so war im August zu lesen, die »Unternehmenserträge« würden steigen. Eine »neue zyklische Aufwärtsbewegung« sei deshalb im Gang.

Die andere Expertengruppe unter den Aktien-Analysten heißen im Branchenjargon »Techniker«. Sie arbeiten vorzugsweise mit Graphiken, »Charts« genannt .

Die Chartisten gehen davon aus, daß sich menschliche Verhaltensweisen in bestimmten Situationen immer wiederholen. Mit Zirkel und Lineal malten sie früher ihre Kurskurven, heute besorgen das die Computer.

Die populärste Regel der Kurventechniker besagt: Alle Aktienkurse schwanken stets um einen langfristigen Trend. Sinkt der Kurs unter den Trend, wird an der Börse zum Ausstieg geklingelt. Steigt der Kurs aber darüber, dann blasen die Profis zum Kauf.

Den Crash konnten die Techniker genausowenig wie die Fundamentalisten voraussehen. Viele Aktien deutscher Unternehmen werden mittlerweile unter dem vermeintlichen Wert gehandelt. Als letzte Woche der Elektrokonzern Siemens ankündigte, die Dividende werde gekürzt, stürzte der Kurs auf 382 Mark. Alle Aktien des Konzerns zusammengezählt, sackte der Aktienwert von Siemens in Jahresfrist von 36 Milliarden Mark auf unter 19 Milliarden.

Soll heißen: Für 19 Milliarden Mark ließe sich, theoretisch, einer der größten Elektrokonzerne der Welt kaufen. Das ist geschenkt: Allein die flüssigen Mittel der Firma liegen bei 22 Milliarden Mark. Grundstücke und Gebäude, Know-how und Maschinen bekäme der Käufer quasi umsonst - und noch 3 Milliarden obendrauf.

Ähnlich VW. Der Kurs des Autobauers lag vorige Woche bei 260 Mark. Wer alle VW-Aktien zu diesem Kurs aufkaufen würde, der zahlte weniger, als die Wolfsburger zuletzt in ihrer Bilanz an Kassenbeständen und Wertpapieren auswiesen.

Solche Zahlen aber zählen im Augenblick wenig. Die Besitzer deutscher Aktienwerte können nur feststellen, daß die angeblich ganz billigen deutschen Aktien durch den weltweiten Krach am ärgsten gedrückt wurden.

Seit Jahresanfang verfielen die Kurse um mehr als ein Drittel, der Kurswert aller Papiere schrumpfte um knapp 170 Milliarden Mark. Niemand weiß, wie es weitergeht .

Was ist schließlich schon der wahre Wert einer Aktie? Viele Wissenschaftler, vor allem Briten und Amerikaner haben nach diesem Wert geforscht, seit es solche Aktien gibt. Der Physiker Isaac Newton hat dabei viel Geld verloren, der Ökonom John Maynard Keynes zuweilen etwas gewonnen. Der Amerikaner Paul Samuelson faßte schließlich die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen: »Eine Aktie ist soviel wert, wie der Käufer dafür ausgibt«.

Es bleibt wohl wahr, was Altspekulant Andre Kostolany sagt: Neben den Zinsen bestimmt vor allem die Psychologie die Kurse. »Die Spekulationen über die Spekulationen anderer Spekulanten, die alle dasselbe machen - sind Seifenblasen«, grübelte Nobelpreisträger James Tobin.

Die Experten der Dresdner Bank haben noch immer Mühe, sich dieser Erkenntnis anzuschließen. Mit ganzseitigen Anzeigen ging die Bank letzte Woche auf Kundenfang. »Die deutsche Börse« so die frohe Botschaft, werde wieder mal »unter Wert gehandelt«.

[Grafiktext]

Klarer Fall; Entwicklung der Aktienkurse in der Bundesrepublik; FAZ-Index 31.12.1958=100

[GrafiktextEnde]

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.