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NORMEN Unterderhand

Um die Exportindustrie vor Millionenschäden zu bewahren, wollen westdeutsche Schraubenhersteller ein neues amerikanisches Normensystem verhindern.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Als es um Bruchteile von Millimetern ging, waren sich die Europäer einig wie selten.

Großkonzerne und Familienbetriebe, EG-Kommissare und Parlamentarier aller EG-Länder Vereinten sich, um den Angriff amerikanischer Multis auf die Freizügigkeit des Welthandels abzuwehren. Mit Petitionen und Protesten wehrten sie sich gegen die von den US-Autogiganten General Motors und Ford geförderten neuen Normen für Schrauben. Sie prophezeiten, das US-Maßsystem werde zu einem Handelskrieg führen, der die weltweiten Konjunkturprobleme verschärfe.

Mit Millionenaufwand hatten die Amerikaner unter dem Slogan »US goes metric« eine Kampagne für ihre neuen Schrauben aufgezogen -- ohne deutlich zu machen, daß ihre metrischen Gewinde vom europäischen Standard abwichen. 1964 nämlich hatten sich die 75 in der International Organization for Standardization (Iso) zusammengeschlossenen Länder auf einheitliche Normen für Schraubenmuttern und Verbindungselemente mit Gewinden geeinigt. Auch die Vereinigten Staaten hatten zugestimmt, das Iso-metrische System einzuführen, das die Europäer schon bald in ihre Produktion übernahmen.

Doch wie der Meile, dem Acre und der Gallone blieben die US-Unternehmen auch ihrem Zoll-Gewinde treu:

Schon fünf Jahre später mußten die Amerikaner erkennen, daß sie mit ihrem Traditionsmaß allmählich zurückschrauben mußten und das metrische Maßsystem zur beherrschenden Norm im Welthandel wurde. Sie beschlossen, das Europamaß zu akzeptieren.

1971 dann »klingelten«, so erinnert sich der Geschäftsführer des Fachverbandes Schrauben und Normteile, Erhard Peters, »in Europa die Alarmglocken«. Denn anstatt die Iso-Vorschriften zu übernehmen, kreierten die Amerikaner nun eine neue Form, das »Optimum Metric Fastener System« (OMFS). Ihre Schrauben sollten einen dickeren Kern haben, dafür aber mit geringeren Gewindetiefen auskommen.

Triebfeder der amerikanischen Normenschöpfer ist die Furcht vor einem Wettbewerbsvorsprung der Europäer und Japaner: Die Kosten der Umstellung auf Iso-Norm -- von der Konkurrenz bereits verkraftet -- müßten jetzt allein die US-Waren verteuern.

Technische Vorteile boten die US-Muster kaum: Sie waren den europäischen Standards -- etwa in der Belastbarkeit -- ebenbürtig. Um so einschneidender könnten die wirtschaftlichen Folgen sein.

In der Tat liebäugelten die Konzernstrategen aus Detroit mit Gesetzesinitiativen, die Europas Autohersteller empfindlich treffen würden. Dürften etwa -- wie beabsichtigt -- in Amerika künftig nur Personenwagen verkauft werden, die nach OMFS-Normen zusammengeschraubt sind, müßten allein die vier größten westdeutschen Automobilhersteller in der nächsten Dekade jährlich etwa 150 Millionen Mark zusätzlich investieren.

Überdies fürchteten die Autobauer um die Sicherheit ihrer US-Exporte. Weil die Schrauben nach US- beziehungsweise nach Iso-Norm kaum auseinanderzuhalten sind, könnten allzu leicht amerikanische Muttern auf deutsche Schrauben gewürgt werden. Folge: Das Gewinde wird zerstört. »Im sechsten Gang klemmt's«, schildert Helmut Reihlen, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Normenausschusses, etwa das Anziehen einer US-metrischen Radmutter an einem nach deutscher Norm gebauten Volkswagen, »und dann verliert man nach 50 Kilometern das Rad.«

Um gegen die »Normenpolitik mit dem Kanonenboot« (Reihlen) anzukreuzen, mobilisierten Industrielle ihre Bundestagsabgeordneten und Freunde in der Regierung. Staatssekretär Martin Grüner (FDP) aus dem Wirtschaftsministerium alarmierte Verteidigungsminister Georg Leber, die Nato-Armee sei nur noch bedingt einsatzfähig, wenn zu den bisher üblichen Schrauben noch ein drittes Muster in die Depots käme.

Und als die EG-Kommission formell in Washington protestierte, versicherte die US-Regierung lau, sie beabsichtige einstweilen nicht, ihre Konzerne im Normenkrieg zu unterstützen. Aufmerksam registrierten die Verbandsmanager, daß andere Branchen den US-Autokonzernen nicht folgten und sich weiterhin für die Iso-Normen interessierten.

Die neuen Friedenszeichen aus Übersee machten auch den deutschen Schrauben-Funktionären neuen Mut. Peters hofft: »OMFS ist noch vom Eis zu bringen.« Auf dem Ende April in Budapest stattfindenden Show-down zwischen amerikanischen und europäischen Schraubendrehern wollen die Deutschen deshalb hart in der Sache, aber vorsichtig in der Tonart auftreten. Denn, so weiß Arthur Strecker, Leiter des Referats Normenrecht im Bonner Wirtschaftsministerium: »Das muß etwas unterderhand geschehen.«

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