Euro-Krise Amerikanische Großkonzerne fliehen aus Südeuropa

Alcoa, Kimberly-Clark, Merck: Auf breiter Front treten internationale Großkonzerne den Rückzug aus Südeuropa an. Wegen der Dauer-Rezession ist dort die Nachfrage zu stark gesunken. Immer mehr Manager fürchten zudem um die Stabilität der Region.
Von Deborah Ball und Vanessa Fuhrmanns
Alcoa-Werk auf Sardinien: Der Aluminiumkonzern schließt den italienischen Standort.

Alcoa-Werk auf Sardinien: Der Aluminiumkonzern schließt den italienischen Standort.

Foto: © Alessandro Bianchi / Reuters/ REUTERS

Mailand/Berlin - Über zehn Jahre lang haben international aufgestellte Unternehmen stark in Südeuropa investiert. Die Einführung des Euro heizte dort das Wirtschaftswachstum an. Aber das ist jetzt anders.

Wegen niedriger Geburtenraten, sinkenden Preisen und starkem Wettbewerb hat der US-Multi Kimberly-Clark im Oktober sein Europageschäft mit Windeln zum größten Teil aufgegeben. Der Metallkonzern Alcoa und der französische Einzelhändler PPR ziehen sich aus Südeuropa zurück - ohne Pläne zu haben, noch einmal zurückzukehren. Sie alle stehen für den Exodus der Unternehmen, der genau das Kapital, die Innovation und die Führungspersönlichkeiten abzieht, die Südeuropa dringend braucht, um Schuldenkrise und Rezession zu überwinden.

Die sinkenden Ausgaben der Verbraucher und die Sparpakete der Regierungen sind die Wurzeln des Problems. Die deutsche Putzmeister GmbH ist ein typisches Beispiel dafür. Zehn Jahre lang hat der Hersteller von Zementpumpen stark in Südeuropa investiert. Jetzt zwingen wirtschaftliche Stagnation in Italien und die geplatzte Immobilienblase in Spanien das Unternehmen zum Rückzug. Putzmeister hat in den vergangenen drei Jahren ein Werk in Italien geschlossen und das in Spanien deutlich verkleinert. Das Unternehmen rechnet nicht damit, sich in Europa noch einmal so stark zu engagieren.

Langfristiger Schaden droht

"Damit wir in Märkten expandieren, müssen diese drei Dinge haben: Eine wachsende Bevölkerung, steigenden Wohlstand und intakte Staatshaushalte", sagt Norbert Scheuch, Vorstand der Geschäftsführung. In großen Teilen Europas seien diese Bedingungen nicht erfüllt. "Und es wird in den nächsten fünf Jahren auch nicht besser."

Auch andere Unternehmen ziehen sich zurück. Der deutsche Pharmahersteller Merck hat kürzlich ein Fünftel seiner spanischen Belegschaft abgebaut. Ein Grund dafür war, dass Madrid die Zuschüsse zu Medikamenten gesenkt hat. Der britische Caterer Compass Group hat seine Raststätten in Portugal dicht gemacht, weil wegen höherer Mautgebühren der Verkehr abnimmt.

Den Volkswirtschaften Südeuropas droht dadurch langfristiger Schaden. Marco Mutinelli von der Universität Brescia hat sich auf ausländische Investitionen spezialisiert. Er sagt, dass die multinationalen Unternehmen zwar nur 10 Prozent der Arbeitsplätze in Italien ausmachen, aber ein Drittel der gesamten Ausgaben in Forschung und Entwicklung. Das können sich viele der kleinen Familienbetriebe im Land nicht leisten.

Daher sind Schließungen wie die des Mailänder Forschungszentrums von Sanofi, wo 500 Mitarbeiter beschäftigt waren, besonders schmerzhaft. Die klammen Staaten haben immer weniger Möglichkeiten, Arbeiter umzuschulen. Volkswirte fürchten, dass der südliche Rand Europas noch lange unter hoher Arbeitslosigkeit leiden wird, so wie es Nordeuropa in der Kohlekrise der siebziger und achtziger Jahre erlebt hat. "Ausländische Unternehmen investieren meist mehr in die Entwicklung", sagt Marie Diron, Volkswirtin bei Oxford Economics. "Es ist zu bezweifeln, ob heimische Firmen diese Lücke füllen können. Wenn nicht, würde das die Wachstumsrate der Länder langfristig senken."

Immer mehr Geld fließt in die Schwellenländer

Bei den Verbraucherausgaben ist jedenfalls keine Besserung in Sicht. Standard & Poor's schätzt, dass das verfügbare Einkommen in Südeuropa im kommenden Jahr weiter sinkt. Daher halten viele Unternehmen, im Gegensatz zu früheren Abschwüngen, ihren Rückzug für unumkehrbar.

Das Unternehmen Putzmeister, das in diesem Jahr von der chinesischen Sany Heavy Industry übernommen wurde, erzielte noch vor fünf Jahren 60 Prozent seiner Umsätze in Europa. Heute sind es nur noch 30 Prozent. "Wenn es jetzt in Europa noch schlimmer wird, betrifft uns das nicht so sehr", sagt Chef Norbert Scheuch.

Auch Fletcher Building, ein Hersteller von Baumaterialien aus Neuseeland, hat ein Jahrzehnt lang vom spanischen Immobilienboom profitiert. Aber seit 2006 ist die Zahl der Baustarts um 80 Prozent abgestürzt, und die Nachfrage ist so stark zurückgegangen, dass Fletcher im Juni sein Werk für Resopalplatten in Bilbao schließen musste. "Es ist unwahrscheinlich, dass wir unseren Standort Bilbao wieder eröffnen werden", sagt Sprecher Philip King.

Die schweizerische Holcim hat vor drei Jahren ein Zementwerk und drei weitere Standorte in Spanien geschlossen. Nun würden auch das Werk in Lorca und zwei weitere Brennöfen dicht gemacht, erklärte das Unternehmen kürzlich. Als Grund nannten die Schweizer die gesunkene Nachfrage auf dem Zementmarkt, der "noch jahrelang stagnieren wird".

Seit Anfang des Jahres gibt es klare Anzeichen, dass sich die direkten Investitionen aus dem Ausland in Südeuropa abschwächen. In der ersten Jahreshälfte flossen aus Italien 1,2 Milliarden Euro mehr ab als hereinkamen, wie Zahlen der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (Unctad) zeigen. Ausländische Direktinvestitionen in Portugal, Spanien, Griechenland und Italien sind seit 2007 um 38 Prozent zurückgegangen. Immer mehr Anleger setzen lieber auf Schwellenländer. Von Januar bis Juni floss erstmals die Hälfte aller ausländischen Investitionen in Schwellenländer, sagt die Unctad.

Kein Käufer für Aluminiumwerk

"Es gibt eine Flucht hin zur Sicherheit", sagt Lawrence Evans, der die Umfrage für die Beraterfirma BDO International durchgeführt hat. "Aber in Europa gibt es nicht mehr viele sichere Häfen."

In Italien müssen sich Anleger zudem mit der Bürokratie herumschlagen. Der französische Sportartikelhändler Decathlon wollte eigentlich eine neue Italien-Zentrale in Mailand bauen. Diese hätte 19 Millionen Euro gekostet und 250 Arbeitsplätze geschaffen. Doch nachdem man acht Jahre lang nicht die notwendigen Genehmigungen bekam, sucht Decathlon nach einer Alternative.

Alcoa hat im November ein Aluminiumwerk auf Sardinien stillgelegt, das wegen fallender Preise und hoher Arbeits- und Energiekosten rote Zahlen schrieb. Trotz aller Bemühungen der Regierung in Rom fand sich kein Käufer. In der ohnehin von Arbeitslosigkeit geprägten Region müssen sich jetzt Hunderte Anwohner, die direkt oder indirekt von dem Werk abhängen, neue Jobs suchen.

"Die Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit Italiens sind zweifelsohne ein Problem", sagt Giampietro Castano, der sich im italienischen Wirtschaftsministerium mit angeschlagenen Unternehmen befasst. "Die Krise hat das nur noch einmal verdeutlicht."

Originalartikel im Wall Street Journal Deutschland