5x5 Fragen an Bahn-Chef Grube "Alle schnallen den Gürtel enger, auch ich"

Kein Unternehmen muss sich so harte Kritik anhören wie die Deutsche Bahn. Aber wie tickt eigentlich der mächtigste Mann des gigantischen Staatskonzerns? SPIEGEL ONLINE traf Rüdiger Grube zu einem etwas anderen Interview - und bekam recht persönliche Antworten.
Rüdiger Grube: Der Bahn-Chef will keine Orden annehmen - anders als Vorgänger Mehdorn

Rüdiger Grube: Der Bahn-Chef will keine Orden annehmen - anders als Vorgänger Mehdorn

Foto: ddp

Hamburg - Rüdiger Grube, als Bahn-Chef Herr über 240.000 Mitarbeiter, kommt ohne viel Aufhebens zur Tür herein, schüttelt freundlich-verbindlich die Hand und sagt mit einem verschmitzten Lächeln: "Mein Pressesprecher hat mich extra darauf hingewiesen, dass ich kurze Antworten geben soll. Da muss ich mich ja richtig anstrengen." Der frühere Automobil- und Luftfahrtmanager ist dafür bekannt, dass er gerne etwas umfangreicher antwortet.

Doch bei diesem Interview ist für ausschweifendes Manager-Sprech kein Platz. SPIEGEL ONLINE will mit Grube ein persönliches Gespräch führen. Motto: "Kurze Frage, knackige Antwort". Dazu soll der Nachfolger des umstrittenen Haudraufs Hartmut Mehdorn in fünf Themenbereichen jeweils eine Handvoll Sätze vervollständigen. Für 5x5 Fragen hat er knapp eine halbe Stunde Zeit.

Es geht dabei um ihn selbst, seine Karriere, die immer wieder kritisierte Deutsche Bahn, Grubes Lehren aus der Wirtschaftskrise - aber auch um all jene Kuriositäten, die Fahrgäste in den Zügen des Konzerns erleben.

Los geht's, Herr Grube!

Kopf: Warum Grube ganz "Hummeldumm" ist

1.) Das schönste Lob, das ich je bekommen habe, war…

...dass ich ein Vorbild bin. Das hat ein Auszubildender der Bahn über mich gesagt.


2.) Was mögen Ihre Frau und Ihre Kinder an Ihnen - und was nervt sie?

Meine Familie schätzt an mir, dass ich vor allem der Freund meiner Kinder bin und weniger der Vater. Sie ist aber der Meinung, dass ich öfter und pünktlicher nach Hause kommen sollte.


3.) Angela Merkel braucht verdammt wenig Schlaf. Und Sie?

Ich komme mit vier Stunden aus, im Zweifel sieben Tage die Woche. Das Motto "Wer bis 18 Uhr nicht fertig ist, macht seinen Job nicht richtig" gilt nicht als Chef eines Konzerns wie der Bahn.


4.) Ihr Lieblingsfilm-, -buch und -lied?

Ich mag "Iron Man", ich erkenne mich darin aber nicht wieder. Gerade lese ich "Hummeldumm" von Tommy Jaud, von dem ich einige Bücher habe, weil er einen besonderen Humor hat. An Musik höre ich - wenn überhaupt - Radio. Meistens im Auto. Und da richte ich mich dann nach dem Geschmack meiner beiden Kinder, die 17 und 18 sind.


5.) Eine Fähigkeit, die ich in den Jahren als Top-Manager verlernt habe, ist…

...Urlaub zu machen. Aber ich habe auch etwas gelernt: zuhören.

Karriere: Wieso der Bahn-Chef sich für gerecht bezahlt hält

1.) Was können Ihre Mitarbeiter von Ihnen lernen?

Ich bekomme von ihnen als Feedback, dass ich nicht Wasser predige und selbst Wein trinke. Ich habe fünf Führungsprinzipien: Glaubwürdigkeit, Respekt, Disziplin, Authentizität, Begeisterungsfähigkeit - zusammengefasst: Wertschätzung gegenüber Mitarbeitern. Mein Ansporn ist, dass ich mich auch daran halte.


2.) Ich habe mein Gehalt verdient, weil…

...ich Tag und Nacht arbeite.


3.) Wenn ich meinen aktuellen Job nicht hätte, wäre ich gerne…

...noch bei Daimler oder dem Luftfahrtkonzern EADS, wo ich meine Karriere begonnen habe.


4.) Welchen Titel wünschen Sie sich noch auf Ihrer Visitenkarte?

Ich lege keinen Wert auf so etwas. Menschen mit vielen Titeln auf der Visitenkarte sind mir suspekt.


5.) Was ist Ihr größter Erfolg? Und Ihr größter Misserfolg?

Mein größter Erfolg ist die Zusammenführung der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie in EADS, dem heutigen Mutterkonzern von Airbus. Beim Kauf des US-Autobauers Chrysler hat sich der Erfolg zweifellos nicht so eingestellt, wie wir es als Daimler-Vorstand damals erwartet hatten.

Konzern: Wo der Topmanager als erstes gespart hat

1.) Was macht Ihnen im Moment die geringste Sorge bei der Bahn?

Die Mitarbeiter.


2.) Und die größte?

Die technischen Herausforderungen beim ICE und bei der S-Bahn in Berlin. Immerhin haben wir mit der Industrie Lösungen gefunden, wie die Probleme schnell behoben werden können.


3.) Haben Sie eine Lieblingsposition in der Konzernbilanz?

Ganz eindeutig "Gewinn und Verlust". Und zwar dann, wenn wir Gewinn machen und gleichzeitig Schulden abbauen. Immerhin hat die Bahn als einziger Branchenvertreter in Europa in der Krise deutlich schwarze Zahlen geschrieben und gleichzeitig die Schulden um fast eine Milliarde Euro abgebaut. Das war kein Selbstläufer.


4.) Dass bei der Bahn jetzt auch Führungskräfte Economy fliegen müssen, finde ich…

...normal in Zeiten, in denen ein Unternehmen zweimal prüfen muss, was es ausgibt. Wenn alle Mitarbeiter den Gürtel enger schnallen müssen, heißt das auch wirklich: alle. Einschließlich meiner Person.


5.) Meine erste Sparmaßnahme im Unternehmen war…

...die Streichung aller Buntspechte. So nenne ich all diese bunten und teuren Broschürchen für den internen Gebrauch.

Krise: Was es mit dem Prinzip "Cash in de Täsch" auf sich hat

1.) Wo waren Sie, als die Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 Pleite ging?

In den USA. Die Krise hat mich nicht wirklich überrascht. Im Jahr vorher war ich sehr oft in Detroit, um die Trennung von Daimler und Chrysler federführend zu verhandeln. Bereits da spitzte sich die Lage zu. Die Subprimekrise gab es schon damals - und war Gift für eine gesunde Wirtschaft. Soll niemand sagen, wir seien davon überrascht worden.


2.) Hatten Sie in der Wirtschaftskrise schlaflose Nächte?

Nein. Ich schlafe in der Regel gut. Und die Bahn ist bisher auch gut durch die Krise gekommen. Wir haben diesen Stresstest bestanden.


3.) Durch die Finanzkrise hat sich doch gar nichts geändert, oder?

Bei uns ziemlich viel. Wir steuern unsere liquiden Mittel bewusster und halten uns an den Grundsatz, nicht mehr Geld auszugeben, als wir verdienen. Die Regel: "Cash in de Täsch is the name of the game".


4.) Wie finden Sie es, dass Spekulanten jetzt sogar ganze Staaten in Europa attackieren?

Wir müssen endlich den Leuten das Handwerk legen, die uns die Misere eingebrockt haben. Dass Zocker bei manchen Banken und Hedgefonds weitermachen wie eh und je - das ist eine Schweinerei und nicht nachvollziehbar. Kurzum: Hier brauchen wir eindeutig mehr Regulierung.


5.) Wer sind Deutschlands beste Krisenmanager?

Noten zu verteilen, ist nicht meine Art und schon gar nicht meine Aufgabe. Viele Spitzenmanager haben einen super Job gemacht - was die Wirtschaftselite angeht, brauchen wir uns weltweit nicht zu verstecken. Auch vor den Leistungen der Finanzminister Wolfgang Schäuble und Peer Steinbrück habe ich großen Respekt.

Kurioses: Wann die Bahn krude Durchsagen auf Englisch abschaffen will

1.) Wer hat bei der Bahn die Wortungetüme "Impulsverkäufer" und "Mobiler Brezelverkäufer" erfunden - und warum werden Sie nicht abgeschafft?

Wer solche Begriffe in die Welt gesetzt hat, weiß ich nicht. Wir sprechen jedenfalls nur von "Servicemitarbeitern".


2.) Meine Lieblingsdurchsage im Zug ist…

..."Wir sind pünktlich."


3.) Dass die Bahn freitags und sonntags keine längeren Züge als an anderen Tagen einsetzt…

...ist wirtschaftlich vernünftig.


4.) Warum hören Bahnfahrer immer noch Sätze wie "In Kassel-Wilhelmshöhe ju can ritsch se ritschenel express to Fulda weia Bad Salzdetfurth from track nein"?

Glauben Sie mir: Wir sind da dran und werden einige Durchsagen bald abschaffen. In der Nähe eines internationalen Flughafens wie Frankfurt brauchen wir so etwas auf Englisch. In Buxtehude ist es eher verzichtbar.


5.) Wie finden Sie es, dass sich Ihr Vorgänger Hartmut Mehdorn angesichts seiner Leistungen selbst das Bundesverdienstkreuz verleihen würde?

Ich bin in Hamburg geboren und ein hanseatischer Kaufmann. Deshalb würde ich keine Orden annehmen. Übrigens sollten wir fair bleiben: Hartmut Mehdorn hat das in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt.

Das Interview führte Sven Böll
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.