Katastrophen-Maschine 737 Max Boeings teures Parkmanöver

Seit der Katastrophe mit zwei Boeing-Flugzeugen bleiben fast 400 Maschinen des Typs 737 Max am Boden. Airlines und Aktionäre wollen Schadensersatz. Wie teuer wird das für den Flugzeughersteller?
Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max in Kalifornien: Stillstand am Boden

Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max in Kalifornien: Stillstand am Boden

Foto: Mario Tama/Getty Images/AFP

Dennis Muilenburg hat seine gesamte berufliche Laufbahn bei Boeing verbracht. 1985 begann der 21-Jährige als Praktikant bei dem US-Luftfahrtkonzern, später arbeitete er sich als Ingenieur und Manager bis zum Vorstandschef hoch.

Doch nichts konnte Muilenburg auf die Schrecken dieses Jahres vorbereiten. "Die letzten paar Wochen", klagt er über die Abstürze zweier baugleicher Boeing-Maschinen und deren Folgen, "waren die herzzerreißendsten meiner Karriere."

Die Katastrophen von Indonesien und Äthiopien, bei denen 346 Menschen starben, haben eines der wichtigsten Unternehmen Amerikas ins Straucheln gebracht. Boeings Bestseller-Jet, die Boeing 737 Max, steht seit März still, viele Airlines mussten ihre Sommerflugpläne umbauen. Nun drohen die ersten Sammelklagen gegen Boeing.

Wie genau sich das alles auf den Konzern auswirkt, wird sich am kommenden Mittwoch zeigen, wenn Boeing seine nächsten Quartalszahlen vorlegt, die ersten seit den Unglücken. "Boeings Umsatz, Gewinn und Margen für 2019 sind gefährdet", schreibt Bloomberg-Analyst George Ferguson, der Quartalsverluste von etwa 3,6 Milliarden Dollar befürchtet.

Geparkte Boeing 737 Max im Firmenwerk bei Seattle

Geparkte Boeing 737 Max im Firmenwerk bei Seattle

Foto: Lindsey Wasson/ REUTERS

"Zwei Abstürze in so kurzer Folge ohne Überlebende sind beispiellos in der modernen Luftfahrtindustrie", sagte Chesley "Sully" Sullenberger, der pensionierte Pilot, der 2009 einen Passagierjet auf dem Hudson River landete, der "New York Times". Boeing müsse "nun alles tun, um zu beweisen, dass sie das Vertrauen der Öffentlichkeit verdienen".

Die Boeing-Aktie - die wichtigste im amerikanischen Dow-Jones-Leitindex - hat seit dem Ethiopian-Air-Absturz im März bereits mehr als zehn Prozent verloren. Das besorgt nicht nur die Anleger: Mit einem Jahresumsatz von zuletzt 101,1 Milliarden Dollar und mehr als 140.000 Angestellten ist Boeing der größte US-Exporteur. Was bei ihm schiefgeht, geht um die ganze Welt: Die globale 737-Max-Flotte umfasst fast 400 Maschinen bei 59 Airlines , von Aerolineas Argentinas bis Xiamen Airlines.

Die Jets bleiben vorerst im Hangar geparkt, bis die Steuerungssoftware MCAS, die für die Abstürze verantwortlich gemacht wird, modifiziert und neu zertifiziert ist. Allein die Flugstornierungen könnten Boeing nach Schätzung der Bank JP Morgan Chase etwa 115 Millionen Dollar im Monat kosten, da die betroffenen Fluglinien die anfallenden Rechnungen an Boeing weiterreichen dürften.

"Geduld und Verständnis"

So hat die weltweit größte US-Fluggesellschaft American Airlines, die zwei Dutzend 737 Max betreibt, bis Mitte August 115 Flüge pro Tag gestrichen. Das sind zwar nur 1,5 Prozent aller Verbindungen, doch zur sommerlichen Reisezeit wird das einen Dominoeffekt haben - weshalb American seine Umsatzerwartungen fürs erste Quartal drosselte.

"Wir wissen Ihre Geduld und Ihr Verständnis zu schätzen", schrieb Bridget Blaise-Shamai, die Chefin des American-Meilenprogramms AAdvantage, am Dienstag in einer E-Mail an die Stammkunden.

Die Gesellschaft Southwest Airlines, die 43 Max 737 besitzt, mehr als alle anderen Gesellschaften, hat das Modell ebenfalls bis Anfang August aus dem Flugplan genommen. United Airlines plant Stornierungen - gut 40 Flüge am Tag - zunächst nur bis Anfang Juni. "Aber zum Höhepunkt der geschäftigen Sommersaison werden diese Änderungen immer schwerer werden", warnte der Sprecher.

Eine Boeing 737 Max vor der Außerkraftnahme im März

Eine Boeing 737 Max vor der Außerkraftnahme im März

Foto: Joshua Roberts/ REUTERS

Die Max 737 bestreitet 80 Prozent des Boeing-Auftragsbestands. Nun versiegt diese Quelle: Im ersten Quartal gab es nur 32 neue Bestellungen, 90 weniger als im Vergleichszeitraum 2018. Boeing hat seine gesamte 737-Produktion deshalb von 52 auf 42 im Monat gedrosselt. Ob diese Flaute anhält, wird sich spätestens bei der Paris Air Show klären, der Branchenmesse im Juni.

Wann die 737 Max wieder fliegen darf, bleibt ungewiss. Boeing hat neulich weitere Softwareprobleme gefunden, was die Rezertifizierung verzögert. Erst danach können die Maschinen neu ausgestattet und die Piloten neu trainiert werden.

Wer will noch mit Boeing fliegen?

Zusätzliche Blockaden könnten vom amerikanischen Kongress kommen, der Boeings Nähe zur US-Flugsicherung FAA unter die Lupe nimmt. Auch das Justizministerium und das Transportministerium prüfen das Max-737-Design. JP-Morgan-Analyst Seth Seifman schreibt, dass das alles womöglich sogar bis November dauern könnte.

Aber selbst dann stellt sich die Frage, ob die Passagiere Boeing weiter trauen. Laut einer Umfrage wollen 53 Prozent der Amerikaner keine 737 Max mehr fliegen, auch wenn die FAA sie freigibt. Hinzu kommen die juristischen Folgen, die Boeing viele Milliarden Dollar kosten können. Die ersten Hinterbliebenen der Abstürze haben das Unternehmen verklagt, Boeing-Aktionäre erwägen ihrerseits eine Sammelklage.

(Keine) Angst vorm Fliegen: Boeing-Chef Dennis Muilenburg

(Keine) Angst vorm Fliegen: Boeing-Chef Dennis Muilenburg

Foto: BEN STANSALL/ AFP

Was tun? US-Präsident Donald Trump, der sich gerne als Markenexperte geriert, rät Boeing, die 737 Max - die eine modifizierte Version der jahrzehntealten 737 ist - einfach umzubenennen. Insider halten das für sinnlos: "Man kann die 737 nicht verstecken", sagte der Branchenanalyst Henry Harteveldt der Website "Business Insider", die wiederum spekulierte, dass Boeing ein komplett neues Modell entwerfen wird.

Dennis Muilenburg hält zumindest nach außen an der 737 Max fest. Neulich absolvierte er einen Testflug mit der aktualisierten Software. "Das Update funktionierte nach Plan", erklärte Boeing danach. "Die Piloten sind sicher gelandet."