VW-Vergleich in USA 15 Milliarden Dollar sind erst der Anfang

Mehr als gedacht zahlt Volkswagen für seine Dieseltricks: In den USA sind es 15 Milliarden Dollar. Weltweit summieren sich die Kosten auf weit mehr - hier ist die Liste.
Volkswagen-Chef Matthias Müller

Volkswagen-Chef Matthias Müller

Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERS

Der Gigantismus hat Volkswagen verwundbar gemacht, nun erhält Europas größter Autokonzern die Quittung dafür: In den USA muss sich das Unternehmen mit 15 Milliarden Dollar vom Skandal um manipulierte Abgaswerte seiner Dieselautos freikaufen - im größten Vergleich der Automobilgeschichte.

Nach monatelangem Ringen um eine einvernehmliche Lösung hat sich der Konzern mit Umweltbehörden, mehreren Bundesstaaten und Autobesitzern auf den Vergleich geeinigt, dem der zuständige US-Richter Charles Breyer zustimmte. VW will damit schnell einen Strich unter seine bislang größte Krise setzen. "Wir sind uns bewusst, dass wir noch viel tun müssen, um das Vertrauen der Menschen in Amerika zurückzugewinnen", teilte VW-Chef Matthias Müller mit. Der Vergleich sei eine "sehr erhebliche Bürde für unser Geschäft", sagte Finanzchef Frank Witter.

In der Tat hatten Experten damit gerechnet, dass VW zehn Milliarden Dollar genügen würden, um sich von den US-Forderungen freizukaufen. Jetzt sind es noch mal fünf Milliarden mehr geworden. Und das ist nicht alles: Auch in Europa drohen Gerichtsprozesse und Rückrufe wegen der Abgasaffäre, von der weltweit elf Millionen Wagen betroffen sind. In Deutschland und anderen Ländern drohen Sammelklagen betroffener Autofahrer. Investoren reichten bereits Klagen ein. Außerdem muss VW Rückrufe für die Reparatur der manipulierten Diesel einplanen und obendrein könnten Umweltbehörden Strafzahlungen fordern.

An wen muss VW in den USA zahlen? Was kommt auf den Konzern noch zu? Und wie teuer wird die Affäre insgesamt? Der Überblick.

Einigung in den USA:
15 Milliarden Dollar

  • Allein an die Besitzer von rund 475.000 manipulierten 2-Liter-Dieselautos in den USA fließen Entschädigungen von mehr als zehn Milliarden Dollar - bis zu 10.000 Dollar pro Autokäufer.
  • Den US-Umweltbehörden EPA und CARB zahlt VW 2,7 Milliarden Dollar.
  • Der Konzern sicherte zudem zu, zwei Milliarden Dollar in Technologien zur Abgasreduzierung zu stecken.
  • Ein Vergleich mit mehreren US-Bundesstaaten kostet VW darüber hinaus rund 600 Millionen Dollar.

Dem Vergleich müssen sich zudem nicht alle US-Kläger anschließen. Sie könnten sich mehr erhoffen und individuell weiter vor Gericht ziehen, auch wenn dies nach der nun erzielten Einigung unwahrscheinlicher wird.

Klagen wegen 3-Liter-Diesel:
geschätzte zwei Milliarden Dollar

Mit dem US-Vergleich hat VW nur die Manipulationen bei 2-Liter-Dieselmotoren ad acta gelegt, nicht jedoch die bei rund 80.000 Diesel mit 3-Liter-Maschinen. Diese hatten eine andere Softwareversion und könnten VW noch weitere Probleme bereiten.

Rückrufe und Reparaturen:
rund zwei Milliarden Dollar

Volkswagen muss die betroffenen Autos wieder in einen Zustand bringen, die der Konzern den Autobesitzern beim Kauf einmal versprochen hatte. "Um rund zehn Millionen Autos in die Werkstätten zu rufen, wird Volkswagen zwei bis drei Milliarden Dollar aufwenden müssen", sagt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

Klagen von VW-Aktionären:
ein bis zwei Milliarden Dollar

Zahlreiche VW-Investoren und Kleinaktionäre fühlen sich vom Konzern zu spät über die Manipulationen informiert. VW hatte erst Tage nachdem die US-Umweltbehörde EPA ihre Betrugsvorwürfe am 18. September öffentlich machte, über drohende finanzielle Konsequenzen informiert. Der Börsenwert des Unternehmens war daraufhin um etwa 25 Milliarden Euro abgestürzt. Volkswagen weist Vorwürfe einer zu späten Information zurück.

Vor dem Landgericht Braunschweig wird der Konzern nun von mehreren Aktionären verklagt, die argumentieren, durch den Kursverfall Verluste erlitten zu haben. Im November 2015 haben fast 300 Aktionäre Volkswagen auf Schadensersatz in Höhe von rund drei Milliarden Dollar verklagt. Mehrere Pensions- und Staatsfonds reichten dieses Jahr eine weitere Anlegerklage ein mit der Forderung nach rund 700 Millionen Euro. Gerichtsprozesse zu solchen Themen ziehen sich allerdings oft über viele Jahre hin.

Den Klägern hilft, dass die Finanzaufsicht BaFin Strafanzeige gegen den ehemaligen VW-Vorstand gestellt hat und die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen den damaligen Konzernchef Martin Winterkorn und den jetzigen VW-Markenvorstand Herbert Diess ermittelt.

Strafen von EU-Umweltbehörden:
weniger als eine Milliarde Dollar

Mit der Abgasmanipulation verstößt Volkswagen gegen eine EU-Verordnung, die den Einsatz von Abschaltautomatiken für die Abgasreinigung von Pkw verbietet.

Anwaltskosten:
rund 500 Millionen Dollar

Durch die Vielzahl an Prozessen, vor allem auch in den USA, kommen auf Volkswagen hohe Kosten für Anwälte und Verhandlungen zu. Analyst Pieper schätzt, dass sie sich letztlich auf 500 Millionen bis eine Milliarde Dollar summieren könnten.

Schadensersatzklagen in Europa:
unsicher

Mehrere Rechtsanwälte in Europa wollen Volkswagen mit Sammelklagen überziehen und so Entschädigungen für europäische Autokäufer erzielen. Sehr Erfolg versprechend seien Sammelklagen in Deutschland im Gegensatz zu den USA nicht, sagt Analyst Pieper. Es sei zudem fraglich, ob ein Wertverlust bewiesen werden könne.

Politiker der EU und Deutschlands fordern von VW, die europäischen Kunden so zu behandeln wie die in den USA und drängen auf freiwillige Entschädigungen. Grünen-Rechtsexpertin Renate Künast sagte SPIEGEL ONLINE, VW müsse seine Rücklagen umgehend erhöhen, damit die geschädigten Verbraucher in der EU nicht leer ausgingen. "Ich erwarte von VW endlich eine klare Zusage für Entschädigungszahlungen in der EU. Schluss mit der Hinhaltetaktik!" Auch der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller, kritisierte: "In Deutschland haben wir offenkundig Kunden zweiter Klasse."

So oder so wird es sehr teuer für VW. Die Einigung in den USA war erst der Anfang. "Auf den Konzern kommen global betrachtet weit mehr als 20 Milliarden Dollar zu", erwartet Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Auch Metzler-Analyst Pieper rechnet mit ähnlich hohen Ausgaben. Die bisher eingeplanten Rückstellungen in Höhe von 17,6 Milliarden Dollar würden nicht reichen, warnt er.

Ein kleiner Trost: Das Unternehmen dürfte auch mehr als 20 Milliarden Euro aus der Firmenkasse aufbringen können. Erst ab 50 Milliarden Dollar müsste der Autokonzern aus Sicht Piepers Firmenteile verkaufen. "Natürlich hätte VW dieses Geld lieber in Zukunftsthemen stecken sollen", sagt Autoexperte Bratzel.

Zusammengefasst: Volkswagen hat in den USA den ersten großen Vergleich in der Dieselaffäre erzielt. Doch der Konzern hat noch mehrere Verfahren offen, die ihn weitere Milliarden kosten dürften.