Absturz am Aktienmarkt "Das Misstrauen hat Gründe"

Das Schlimmste der Krise schien vorbei, doch plötzlich taumeln die Börsen ins Bodenlose. Warum? Selbst der Geschäftsführer der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS ist überrascht. Im Interview spricht Asoka Wöhrmann über die Fehler der US-Regierung - und prophezeit einen weiteren Kurssturz.

Börsenhändler in New York: Nach den Lösungen kam die Panik
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Börsenhändler in New York: Nach den Lösungen kam die Panik


Ob in Europa, den USA oder Japan: Weltweit brechen die Kurse ein, der Deutsche Aktienindex erreichte bereits den tiefsten Stand des Jahres. Zugleich steigen die Risikoaufschläge für Italien und Spanien auf neue Rekordstände. Was ist nur an den Märkten los? Fragen an Asoka Wöhrmann, den Geschäftsführer der Fondsgesellschaft DWS.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wöhrmann, haben wir in den vergangenen Tagen irgendein Großereignis verpasst?

Wöhrmann: Fühlt sich so an, oder? Doch politisch oder wirtschaftlich ist nichts passiert. Das einzige Großereignis war der stärkste Kurssturz der Anleihen- und Aktienmärkte seit Anfang 2009. Selbst das Erdbeben in Japan hat keine so drastische Korrektur verursacht.

SPIEGEL ONLINE: Aber diesmal ist in der realen Welt nichts Dramatisches passiert. Warum dann dieser Absturz?

Wöhrmann: Wir hatten zwei große Themen in den letzten Monaten: Die europäische Schuldenkrise und die unselige Diskussion über die Schuldenobergrenze in den USA. Für beides gab es eine Lösung, doch danach kam Panik auf.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wöhrmann: Es gibt noch ein drittes Thema: Anfang des Jahres haben alle noch deutliches Wachstum in den USA erwartet. Seitdem gab es immer wieder schlechte Nachrichten zur Konjunktur, auch in den letzten Tagen.

SPIEGEL ONLINE: Die Tendenz ist nicht neu. Wieso diese Dramatik?

Wöhrmann: Die Zuspitzung kommt mehr aus der Eintrübung der Wirtschaftsaussichten. Denn das letzte Rettungspaket der Europäer hat die Erwartungen der Märkte übertroffen, die Lage in Griechenland beruhigte sich. Aber jetzt haben wir mit Italien und Spanien zwei neue Problemfälle.

SPIEGEL ONLINE: Aber Reformen sind nicht innerhalb von zwei Wochen möglich.

Wöhrmann: Sie haben recht, die Investoren sind zu ungeduldig. Doch das Misstrauen hat auch Gründe: Die US-Regierung hat jetzt kaum noch Optionen. Steuern für Reiche werden nicht erhöht, stattdessen wird bei Sozialleistungen gespart. Schlecht für das Wachstum in einem Land, das stark vom Konsum abhängt. Und die USA standen immerhin vor der Pleite. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich in meiner Karriere mit einem solchen Szenario auseinandersetzen muss.

SPIEGEL ONLINE: Die Investoren fliehen aber sogar aus deutschen Aktien - dabei geht es unserer Wirtschaft derzeit blendend.

Wöhrmann: Das Problem sind überzogene Erwartungen. Seit acht Quartalen wurden die Ergebnisse immer nach oben korrigiert, weil der Aufschwung unterschätzt wurde. Jetzt denken die Investoren, die Erwartungen müssten immer deutlich übertroffen werden. Außerdem meinen die Anleger schon jetzt auf 2012 reagieren zu müssen, wenn ein geringeres Wachstum erwartet wird.

SPIEGEL ONLINE: Wohin führt das?

Wöhrmann: Das Sicherheitsbedürfnis wird immer größer. Gold ist schon auf einem Höchststand, jetzt wird der Schweizer Franken zum Gold der Währungsmärkte. Wenn das so weitergeht, muss bald die Schweizer Nationalbank mit frischem Kapital versorgt werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben die extremen Marktbewegungen auch etwas damit zu tun, dass viele Investoren im Sommerurlaub sind?

Wöhrmann: Ja. Bei solchen dünnen Märkten können sich Trends stärker auswirken - vor allem, weil immer mehr über starre Modelle Vermögen gemanagt wird.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Absturz denn vorbei?

Wöhrmann: Ich denke nicht. Wir sehen den Dax aber nicht unter 5800 Punkten.

SPIEGEL ONLINE: Wo können Anleger denn überhaupt noch investieren?

Wöhrmann: Deutsche und europäische Aktien sind zurzeit sehr attraktiv bewertet - man darf damit nur nicht schon die nächste Urlaubsreise finanzieren wollen. Auch Pfandbriefe sind unterschätzt. Und schließlich Fonds, die in Schwellenländeranleihen investieren.

SPIEGEL ONLINE: In den Schwellenländern drohen doch schon die nächsten Blasen - etwa am chinesischen Immobilienmarkt.

Wöhrmann: Manche Länder sind sicherlich überbewertet. Aber für die Anleihen von Unternehmen aus diesen Ländern zum Beispiel entsteht gerade ein Riesenmarkt.

SPIEGEL ONLINE: Gerade der Bundesregierung ist ja häufig vorgeworfen worden, sie habe in der Krise die Märkte verunsichert. Sehen Sie da eine Verbesserung?

Wöhrmann: Die deutsche Politik hat sich im Verlauf der Krise deutlich bewegt. Sie hat nur leider nie eine ihrer Positionen durchgekriegt. Die Aussicht auf Euro-Bonds, also gemeinsame europäische Anleihen, finde ich nicht gut, da stimme ich der Bundesregierung zu. Doch wenn es so weitergeht, werden Euro-Bonds kommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat schon ein Tabu gebrochen, indem sie selbst Anleihen von Krisenländern aufkauft. Wird die EZB so etwas wie die US-Notenbank Fed, die sich auch nicht allein auf Währungsstabilität beschränkt?

Wöhrmann: Ich fände das gar nicht gut. Die EZB sollte sich nicht wie die Fed politisch instrumentalisieren lassen. Deswegen ist es richtig, dass jetzt der europäische Rettungsfonds die Anleihenkäufe übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Märkte trotz allem weiter verrückt spielen - wie sollen Europas Politiker dann reagieren?

Wöhrmann: Mit noch klareren Ansagen. Nach dem letzten Gipfel hätten sie sagen müssen: Das sind unsere Beschlüsse, sie werden innerhalb von drei Monaten umgesetzt - und wer vorher gegen uns spekuliert, der wird sich die Finger verbrennen. Und wichtig: Die Politik darf nicht erst dann handeln, wenn die Märkte sie dazu zwingen.

Das Interview führte David Böcking

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
einszweidrei, 05.08.2011
1. Großanleger
Einen solchen systematischen Abverkauf können nur Großanleger durchführen - der Kurs geht nach unten, aber anscheinend kontrolliert. Also verkaufen Banken und Versicherungen, denen die meisten Aktien gehören. Ich frage mich nur - zu jedem Verkauf gehört doch auch ein Käufer? Wer kauft derzeit die Aktien auf? China?
chagall1985 05.08.2011
2. Immer das gleiche
Der Markt reagiert völlig unlogisch (wenn nicht schwachsinnig) aber an logischen Begründungen im Nachhinein fehlt es Nie. Nach einem Ereignis kann Ich immer irgendwelche Motive aus den Fingern saugen. Ein Satz ist allerdings wirklich wahr in dem Interview: Zitat: Wöhrmann: Mit noch klareren Ansagen. Nach dem letzten Gipfel hätten sie sagen müssen: Das sind unsere Beschlüsse, sie werden innerhalb von drei Monaten umgesetzt - und wer vorher gegen uns spekuliert, der wird sich die Finger verbrennen. Und wichtig: Die Politik darf nicht erst dann handeln, wenn die Märkte sie dazu zwingen. 100% Agree hoffentlich lernen die das irgendwann!
curti 05.08.2011
3. Erst überrascht sein und.......
dann gleich neue Abstürze prophezeien. Diese Aussage unterstreicht entweder die Unfähigkeit dieser Leute, ihr Arbeitsfeld wirklich beurteilen zu können. Oder aber die gezielte "Verdreherei" zum eigenen Vorteil und zu Lasten derart berauschter Anleger. Ich prognostiziere mal das Letzteres der Fall sein wird ;-)
axel h. 05.08.2011
4. Prophet
Zitat von sysopDas Schlimmste der*Schuldenkrise schien vorbei, doch*plötzlich*taumeln die Börsen*ins Bodenlose. Warum? Selbst der*Chef der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS*ist überrascht. Im Interview*spricht Asoka Wöhrmann über die Fehler der US-Regierung - und prophezeit einen weiteren Kurs-Sturz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778371,00.html
Selten so gelacht.
seine-et-marnais 05.08.2011
5. Ach wie so truegerisch
Zitat von sysopDas Schlimmste der*Schuldenkrise schien vorbei, doch*plötzlich*taumeln die Börsen*ins Bodenlose. Warum? Selbst der*Chef der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS*ist überrascht. Im Interview*spricht Asoka Wöhrmann über die Fehler der US-Regierung - und prophezeit einen weiteren Kurs-Sturz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778371,00.html
Da haette der gute Mann mal in die naechste Eckkneipe zum Stammtisch gehen muessen. Aber wie gesagt, gesunder Menschenverstand ist ja heute nicht mehr gefragt.
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