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20. Juni 2017, 20:15 Uhr

Kriselnde Fluggesellschaft

Air Berlin verzichtet auf Staatsbürgschaften

Bund und zwei Länder prüfen bereits den Antrag - doch nun will Air Berlin seine Finanzprobleme doch ohne Staatsbürgschaft bewältigen: Man habe die Kosten jüngst senken können.

Air Berlin steckt in einer existenziellen Krise. Die Fluggesellschaft will nun aber ohne die bereits beantragten staatlichen Bürgschaften auskommen. "Eine Absicherung von Krediten durch die öffentliche Hand ist nicht mehr nötig", sagte Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann dem "Tagesspiegel". Ende der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass entsprechende Anträge von den Landesregierungen Berlins und Nordrhein-Westfalens sowie dem Bund geprüft werden.

Mit derartigen Zusagen können Bund und Länder die Rückzahlung von Krediten an ein Unternehmen garantieren, das sonst keine Darlehen mehr bekommen könnte. Air Berlin hat sehr hohe Schulden und kann den Betrieb nur durch die Finanzspritzen des arabischen Großaktionärs Etihad aufrechterhalten. Laut Winkelmann zahlt die Airline im Jahr 140 Millionen Euro für Zinsen.

Der Air-Berlin-Chef begründete den Rückzieher nun damit, dass die Leasingkosten für gut ein Dutzend Flugzeuge zuletzt gedrückt werden konnten. Auch habe man Büroflächen in der Berliner Zentrale verringert. Das entlaste Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft um 50 Millionen Euro.

Am vergangenen Mittwoch hatte Winkelmann bei der Air-Berlin-Hauptversammlung noch betont, die Voranfrage auf Prüfung einer Bürgschaft an die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Berlin gehöre "zu unserer vorausschauenden Unternehmensführung. Wir loten alle Möglichkeiten aus - für alle Fälle." Man sei trotz Verschuldung zahlungsfähig.

Die Fluggesellschaft schreibt seit vielen Jahren fast ununterbrochen Verluste. Allein vergangenes Jahr waren es knapp 800 Millionen Euro. Großaktionär Etihad sicherte Air Berlin zwar weitere Unterstützung bis Herbst 2018 zu, sucht aber gleichzeitig nach Wegen, das glücklose Engagement in Deutschland zu beenden. Die Lufthansa ist am Kauf des kleineren Rivalen interessiert, will aber nicht die Schulden von gut einer Milliarde Euro schultern.

Zuletzt waren Verhandlungen zwischen Etihad und dem Tui-Konzern über eine gemeinsame Ferien-Fluggesellschaft der Air-Berlin-Tochter Niki mit Tuifly gescheitert. Air Berlin kämpfte zudem mit Problemen bei der Gepäckabfertigung in Berlin-Tegel, wo viele Flüge ausfielen oder sich verspäteten. "Wir haben die Lage jetzt wieder im Griff. Aber ich weiß, das Vertrauen der Kunden neu zu gewinnen, braucht Zeit", sagte Winkelmann.

fdi/Reuters/dpa

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