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Air Berlin: Letzter Aufruf

Foto: Gregor Fischer/ dpa

Air-Berlin-Flug AB6210 Abschiedsreise

Deutschlands zweitgrößte Fluglinie ist seit der Nacht Geschichte. Den letzten Flug AB6210 von München nach Berlin-Tegel prägen Jubel und Tränen.

Joachim Hunold steht vor dem Schalter von Gate A16 am Münchner Flughafen. Er will seine Bordkarte ausgedruckt haben. "Die hebe ich mir auf", sagt er. Die Mitarbeiterin hinter dem Computer verlangt seinen Ausweis. Hunold hält einen Moment inne, doch statt seinen Ausweis zu zücken, buchstabiert er seinen Namen: "H-u-n-o-l-d." Die Dame, Diana Butz-Weigl ist ihr Name, schaut verdutzt und zieht schnell eine Bordkarte aus ihrer Jackentasche, sie hatte sie vorsichtshalber schon ausgedruckt, Platz 1C.

Wenig später stehen unzählige Gäste vor Butz-Weigl und wollen ein Souvenir wie Hunold, der 1991 Air Berlin ein zweites Mal gründete und jahrelang Chef der Linie war, ein nicht unumstrittener Chef.

Nichts ist normal an diesem Abend auf dem Flug AB6210 von München nach Berlin-Tegel. Es ist der letzte Flug von Air Berlin - wenn er den Boden der Hauptstadt berührt, ist Deutschlands zweitgrößte Fluglinie nach der Insolvenzanmeldung im August endgültig Geschichte. Gekommen sind Fans der Linie aus der ganzen Republik, unerschütterliche Romantiker, Mitarbeiter, Journalisten.

Fast jeder hat eine Kamera dabei; wer hier fotografiert, fotografiert Fotografierende. Ein Mann in Funktionsjacke hält Blumen in der Hand, wer sie bekommt, werde "sich zeigen", sagt er. Eine Vielfliegerin stellt ein Porzellansparschwein auf, um für die Crew des Abends zu sammeln, nicht wenige stecken Scheine in den Schlitz.

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Christian Gaisböck ist extra aus Kiel angereist. Der 42-Jährige arbeitet bei einer Firma, die mit Saatgut handelt und ist so viel mit Air Berlin unterwegs gewesen, dass er den Platinum-Status im Vielfliegerprogramm hat. "Die waren einfach immer herzlich und viel weniger muffig als das Personal bei Lufthansa", sagt er. Ein grauhaariger Mann, der gerade mit einer anderen Maschine angekommen ist, versucht Passagier August Ulrich, 29, seine Bordkarte abzukaufen. Doch die gebotenen 500 Euro sind Ulrich zu wenig, um auf den letzten Air-Berlin-Flug zu verzichten. "Unter 2000 Euro geht nichts", sagt er.

Air Berlin war in der jüngeren Geschichte stets der Pflegefall der deutschen Luftfahrtindustrie. Die Bilanzen glichen Jahr für Jahr einem Desaster; dass der Tag des letzten Fluges irgendwann kommen musste, wurde in den vergangenen Jahren immer wahrscheinlicher.

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Air Berlin: Letzter Aufruf

Foto: Gregor Fischer/ dpa

Doch als im Münchner Terminal 1 die Durchsagen durch die Lautsprecher scheppern, in denen sich Mitarbeiter des Bodendienstleisters verabschieden, weinen einige. Sie wirken, als wollten sie diesen Moment einfach nicht wahrhaben. Dass die Maschine heillos verspätet ist, interessiert heute nicht. Niemand fragt nach einem Upgrade, niemand will einen anderen Sitzplatz, niemand mal eben noch umgebucht werden.

In der Fluggastbrücke stehen jubelnde Mitarbeiter, die Air-Berlin-Hymne "Flugzeuge im Bauch" wird noch häufiger zu hören sein in dieser Nacht. Mit einem Stift verewigen sich manche am Rumpf des Airbus A320 neben der Eingangstür.

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Auch die Crew nach Berlin ist besonders auf Flug AB6210: Auf 195 Jahre Berufserfahrung bringen es die Mitarbeiter in Cockpit und Kabine. Zum Beispiel Annette Meister, 54 Jahre alt und seit dem 1. März 1990 als Flugbegleiterin dabei. Ihr erster Flug für Air Berlin ging nach Orlando, damals mit einer Boeing 707. Ihr letzter Einsatz endet nun in Berlin-Tegel - mit einer ungewissen Zukunft.

"Es ist wirklich bitter, was mit Air Berlin passiert ist", sagt Meister. Sie spricht mehrere Sprachen fließend, versteht ihren Beruf als zuvorkommende Gastgeberin. Die permanente Bedrohung ihres Arbeitsplatzes wurde für Meister über die Jahre zum Normalfall. "Ich weiß nicht, wie es konkret weitergeht", sagt sie.

Der Purser hält eine rührende Ansprache an die Passagiere, dann unterbricht Kapitän David McCaleb ihn per Lautsprecherdurchsage: "Wir sind glücklich, aber bitte doors armed und cross check." Es ist ganz still an Bord, als der Airbus A320 auf der Startbahn 26 in München beschleunigt und abhebt. Der Caterer hat eine Piccolo-Flasche Sekt für jeden spendiert, es gibt Kanapees vom Porzellanteller. Kurz erinnert die Reise an das Fliegen in den glanzvollen Zeiten der Luftfahrtindustrie.

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Geschichten werden ausgetauscht, Anekdoten von Flügen und ihren Zwischenfällen erzählt. Gäste stecken Speisekarten und Übelkeitstüten ein, am Ende fehlen an vielen Sitzen die Karten mit den Sicherheitsinstruktionen.

Es wird über ehemalige Air-Berlin-Manager gelästert, andere Passagiere sind so erschöpft, dass sie im Sitz dösen. Ein Mann, seit 1984 Mitarbeiter bei der Air-Berlin-Technik, schaut aus dem Fenster. Ihm laufen Tränen über die Wangen.

Über Berlin fährt der Kapitän das Fahrwerk früh aus, nur so kann das Logo der Fluglinie am Leitwerk beleuchtet werden - ein Muss für die Ehrenformation. Die Flugsicherung hat die Genehmigung erteilt, in niedriger Höhe über Berlin zu fliegen: Schönefeld, Tempelhof, Tegel. Am Ende wird die Route der Maschine über Berlin ein Herz ergeben.

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Chronik in Bildern: Aufstieg, Sinkflug und Absturz von Air Berlin

Foto: AXEL SCHMIDT/ AFP

Die Flughafenfeuerwehr erwartet das Flugzeug mit einer Wasserfontäne; um Punkt Mitternacht rollt der letzte Air-Berlin-Flug der Firmengeschichte auf seine Parkposition vor dem Crewhaus in Berlin-Tegel. Hunderte Mitarbeiter in gelben Warnwesten erwarten den Jet. Sie feiern nicht sich selbst, sondern vor allem die Passagiere. Bei jedem einzelnen Fluggast, der die Treppe herabschreitet, brechen sie in Jubel aus. Hände werde gedrückt, es wird umarmt.

Das einzig Normale an diesem letzten Flug: Beim Aussteigen gibt es für jeden Gast ein Schokoherz. Die Herzen reichen nur knapp. Im Bus zum Terminal sagt ein Passagier zu seinem Begleiter: "Warum war Air Berlin eigentlich nicht immer so toll wie heute?"

Im Video: Martin U. Müller mit Eindrücken aus dem Flieger

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