Wirtschaft

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Revolte bei Air Berlin

Piloten kämpfen gegen den Pleitegeier

Die Pleitelinie Air Berlin kämpft mit einem neuen Rückschlag. Mehr als 200 Piloten melden sich krank, 100 Flüge fallen aus. Die Revolte ist ein Hilferuf der Kapitäne - doch bringt sie ihnen etwas?

Von

DPA

Air-Berlin-Flugzeuge (am Flughafen Düsseldorf)

Dienstag, 12.09.2017   14:28 Uhr

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Statt Air Berlin fliegen heißt es Schlange stehen an diesem Dienstag. Ob in Berlin-Tegel, Düsseldorf, Hamburg, Köln oder Stuttgart - überall warten Menschenmengen vor den Schaltern der insolventen Fluggesellschaft. Einige Passagiere haben Glück und ergattern eine Bordkarte von Air Berlin oder einer anderen Linie, andere kommen heute nicht mehr weg.

Mindestens 100 Flüge hat Air Berlin an diesem Morgen gestrichen. Das Unternehmen erklärt das offiziell mit "außergewöhnlich vielen Krankmeldungen im Cockpit".

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Tatsächlich spielt sich an diesem Morgen ein wilder Streik ab bei Air Berlin. Es ist eine spontane, illegale Revolte der Piloten, die alle überrascht: die Fluggäste, das Management, den Insolvenzverwalter - ja selbst die Pilotengewerkschaft Cockpit (VC).

Es ist ein neuer Tiefpunkt im Geschacher um die Überbleibsel der Pleitelinie und ein Hilferuf der Kapitäne, die um ihre Pfründe, aber auch ihre Existenzen fürchten und deswegen meutern. Und es ist auch ein Aufstand gegen die Lufthansa, die wie ein Pleitegeier über den Resten von Air Berlin kreist.

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Rund 200 von insgesamt 1500 Piloten hatten sich am Montagabend und Dienstagmorgen spontan krank gemeldet, heißt es aus Unternehmenskreisen. Das könne kein Zufall sein. Ohnehin ist die Personaldecke extrem dünn. Eine kurzfristige Krankmeldung könnte dann den Ausfall mehrerer Flüge verursachen - etwa wenn die stornierte Maschine Crews zum Abflughafen befördern sollte.

Auslöser für den Ausstand war offenbar ein geplatztes Gespräch am Montag. Insidern zufolge drängen Vertreter der Piloten seit Langem das Management, dass bei der Übergabe der Air-Berlin-Betriebsteile auf die neuen Betreiber (voraussichtlich größtenteils die Lufthansa-Gruppe) eine Sozialauswahl stattfindet. Dies würde bedeuten, dass viele ältere und hochbezahlte Piloten ihre Jobs beim künftigen Arbeitgeber behalten könnten.

Das Air-Berlin-Management um den ehemaligen Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann kann oder will aber keine solche Sozialauswahl garantieren; am Montag wurden die Verhandlungen abgebrochen. "Für viele von uns hat es das Fass zum Überlaufen gebracht", sagt ein Air-Berlin-Pilot. "Wir haben den Eindruck, da läuft ein abgekartetes, dreckiges Spiel: zugunsten der Lufthansa-Gruppe." Und Christine Behle, Bundesvorstandsmitglied bei Ver.di, erklärt: "Angst und Wut der Air Berliner eskalieren, weil es hier um Existenzen ganzer Familien geht."

Neben der Lufthansa-Gruppe zählen unter anderem Condor, Easyjet, der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl sowie der frühere Chef des Energiekonzerns Utz Claassen zu den Bewerbern.

Sollen die gut bezahlten Piloten vorher "entsorgt" werden?

Die Air-Berlin-Piloten sind frustriert. Die Insolvenzerklärung Mitte August hatten viele noch relativ gelassen aufgenommen: weil sie die Pleite seit Langem kommen sahen. Und weil sie davon ausgingen, dass sie von der Lufthansa-Gruppe im Paket mitsamt den Start- und Landrechten sowie den Maschinen übernommen werden würden. Doch diese Perspektive hat sich in den vergangenen vier Wochen immer mehr eingetrübt.

Zum einen stampft Air Berlin auffallend viele Langstreckenverbindungen ein - obwohl manche dieser Routen noch Profit abwerfen dürften. Der Chef der Pilotengewerkschaft VC, Ilja Schulz, mutmaßte, dies könne dazu dienen, die gut bezahlten Langstreckenpiloten noch vor der Übergabe loszuwerden. "Die [Piloten] könnte der Insolvenzverwalter bei einer Einstellung der Langstrecke sofort entlassen", sagte Schulz der "Rheinischen Post": "Die Braut wird quasi für die Hochzeit hübsch gemacht."

Zum anderen fürchten immer mehr Piloten, keine Perspektive bei der Lufthansa-Gruppe zu haben. Deren Billigtochter Eurowings soll nach Plänen von Konzernchef Carsten Spohr das Gros der Air-Berlin-Flugrechte und -Maschinen übernehmen. Doch das Interesse an den Air-Berlin-Mitarbeitern ist offenbar längst nicht so groß. Verwaltungs- und Bodenpersonal braucht Eurowings ohnehin kaum, und Piloten hat die Lufthansa-Tochter selbst noch einige in der Hinterhand.

"Viele meiner Kollegen haben sich schon bei Eurowings beworben", berichtet ein Air-Berlin-Pilot, "aber offenbar lassen sie unsere Leute bei Eurowings reihenweise durchfallen." Der Pilot mutmaßt, das diene vor allem dazu, die Bewerber unter Druck zu setzen und ihre Gehälter massiv abzusenken. Manche altgediente Piloten bei Air Berlin dürften noch 200.000 Euro oder mehr verdienen.

Ein Eurowings-Sprecher sagte, es habe keine Massenabsagen gegeben; für Air-Berlin-Piloten biete man sogar ein verkürztes Einstellungsverfahren an. Er erklärte aber auch: "Wir können keine Air-Berlin-Leute einstellen, die nicht in das Eurowings-Tarifsystem passen."

"Pures Gift" für die Übernahmeverhandlungen

Nach Einschätzung des Luftfahrtexperten Gerald Wissel muss Lufthansa-Chef Carsten Spohr die Air-Berlin-Piloten ihrer Privilegien berauben. "Eurowings ist seit jeher ein Konstrukt gewesen, um Druck auszuüben auf die gut bezahlten Piloten der Lufthansa", sagt Wissel, Chef des Beratungshauses Airborne Consulting. "Da kann Spohr jetzt nicht den Air-Berlin-Piloten bessere Konditionen geben als seinen eigenen Eurowings-Leuten."

Ob der wilde Streik die Verhandlungsposition der Air-Berlin-Kapitäne verbessert, ist mehr als fraglich. Der Ausstand schadet nicht nur Tausenden Passagieren und dem Ruf der Piloten, er könnte Air Berlin theoretisch auch dazu berechtigten, den Mitarbeitern zu kündigen und sogar Schadensersatz von ihnen einzufordern, sollte sich herausstellen, dass sie gar nicht krank waren. Zudem ist im jetzigen Chaos nicht auszuschließen, dass jemand die Namen der Krankgemeldeten erfasst und möglichen künftigen Arbeitgebern zuspielt.

Für die Übernahmeverhandlungen seien die Ausfälle "pures Gift", schreibt der für den Flugbetrieb verantwortliche Vorstand Oliver Iffert in einer internen Mitteilung, aus der die Nachrichtenagentur dpa zitiert. Dies gelte auch für das Ziel, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten.

"Die heutigen Ereignisse gefährden das gesamte Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung massiv", sagte der Air-Berlin-Generalbevollmächtigte Frank Kebekus. "Wenn sich die Situation nicht kurzfristig ändert, werden wir den Betrieb und damit jegliche Sanierungsbemühungen einstellen müssen."

Selbst die Pilotengewerkschaft distanziert sich von den Meuterern: "Zu keinem Zeitpunkt hat die VC dazu aufgerufen, sich krankzumelden", heißt es in einer Stellungnahme. Sie habe daher "alle von ihr vertretenen Cockpitmitarbeiter darauf hingewiesen, ihren arbeitsvertraglichen Pflichten nachkommen zu müssen, sofern kein akuter Grund für eine Krankmeldung besteht".

Am Donnerstag kommender Woche soll der Gläubigerausschuss darüber beraten, was mit dem Rest von Air Berlin geschieht. Die Ereignisse von heute machen klar: Eine schnelle Entscheidung muss her.

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