Airbnb in der Coronakrise 250 Millionen Dollar, um "Sorry" zu sagen

Die Vermietungsplattform Airbnb kämpft um ihr Geschäft. Der Tourismus pausiert, den Gastgebern fehlen die Einnahmen. Das Unternehmen will mit viel Geld gegensteuern.
Airbnb-CEO Brian Chesky: "Was ihr von uns braucht, sind Taten, nicht nur Worte"

Airbnb-CEO Brian Chesky: "Was ihr von uns braucht, sind Taten, nicht nur Worte"

Foto: Eric Risberg/ AP

Brian Chesky, Chef der Vermietungsplattform Airbnb, wollte sich entschuldigen und schrieb einen Brief an seine Geschäftspartner. Geschäftspartner, das sind die Vermieterinnen und Vermieter von weltweit mehr als sieben Millionen Unterkünften in mehr als 220 Ländern und Regionen, die Airbnb vermittelt. Die globale Reisebranche sei zum Stillstand gekommen, schreibt Chesky. "Reisen, wie wir es kennen, ist nahezu unmöglich."

Schon vor der Corona-Pandemie hatte das Unternehmen mit negativen Schlagzeilen zu kämpfen. Von ausufernden Partys, sexuellen Übergriffen von Gastgebern oder versteckten Kameras in manchen Wohnungen war die Rede. Eine Halloween-Party in einem über Airbnb gemieteten Haus endete in einer tödlichen Schießerei.

Airbnb reagierte und kündigte Sicherheitsmaßnahmen an. Für 150 Millionen Dollar. Mitte Februar berichtete dann das "Wall Street Journal" , Airbnb habe in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres satte 322 Millionen Dollar Verlust gemacht.

Dann kam Covid-19, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Das "Handelsblatt" meldete  Ende März, die Plattform müsse empfindliche Umsatzeinbrüche in Europa verschmerzen, und berief sich auf Daten der Analysefirma AirDNA.

So habe sich der Umsatz in Deutschland von 31 Millionen Euro Mitte Februar auf 13 Millionen Euro Mitte März mehr als halbiert. Ein ähnliches Bild zeige sich für Frankreich, Italien und Spanien. Auch die Zahl der Vermieter sei gesunken. In Deutschland von 162.000 im Januar auf 151.000 im März. Das Unternehmen wollte die Zahlen laut "Handelsblatt" nicht kommentieren.

Wieder muss das Unternehmen reagieren und tief in die Tasche greifen, um den Schaden zu begrenzen. Und um seine Geschäftspartner zu besänftigen.

"Taten, nicht nur Worte"

Die waren nämlich sauer, weil Airbnb den Reisenden die Stornierungsbedingungen erleichterte. Die Gäste konnten eine vollständige Rückerstattung erhalten. Nur: Die Gastgeber waren vorab nicht von Airbnb darüber informiert worden. Obwohl es sich vielleicht nicht so angefühlt habe, schreibt Chesky: "Wir sind Partner. Wenn euer Geschäft leidet, dann leidet unser Geschäft." Er wisse, dass viele der Gastgeber jetzt Probleme hätten: "Was ihr von uns braucht, sind Taten, nicht nur Worte."

Airbnb kündigte an, 250 Millionen Dollar bereitzustellen, um Gastgeber, die von Stornierungen betroffen sind, zu unterstützen. Unter bestimmten Bedingungen erhält ein Vermieter 25 Prozent des Erstattungsbetrags, den er bei einer regulären Stornierung erhalten hätte.

Das sei eine "tolle Geste", sagt ein Gastgeber, der eine Wohnung in Stuttgart über Airbnb vermietet. Begeistert sei er trotzdem nicht davon, dass Stornierungen plötzlich nicht mehr gezahlt werden. "Es wird nur ein Viertel von dem erstattet, was fehlt. Das macht den Braten nicht fett", sagt er. Die Hilfe wolle er nicht in Anspruch nehmen.

Die Wohnung vermiete er berufsbedingt unter der Woche, sagt er. Finanziell abhängig sei er davon nicht, aber die Einnahmen fehlten. Er sei nahezu ausgelastet gewesen, doch dann hätten die Reisenden ihre Buchungen nahezu komplett storniert. Immerhin habe er mittlerweile eine neue Klientel: Menschen, die Abstand von zu Hause bräuchten.

Doch die vielen Reisenden werden auch genervte Eltern, die in Ruhe arbeiten wollen, nicht ersetzen. Ein anderer Vermieter, ebenfalls aus Stuttgart, der ein Zimmer in seiner Wohnung anbietet, erzählt, er habe seinen Buchungskalender deaktiviert, um sich und seine Frau gesundheitlich nicht zu gefährden. Auch er könne die fehlenden Einnahmen verschmerzen.

Doch nicht jeder Gastgeber wird die fehlenden Einnahmen so gut verkraften, wie die Vermieter aus Stuttgart. Schon jetzt stellt sich die Frage, ob durch die Coronakrise Airbnb-Wohnungen wieder auf den regulären Wohnungsmarkt gelangen, weil die Gastgeber dringend Geld brauchen.

Bewegung auf dem Immobilienmarkt

Eine Sprecherin der Plattform wg-gesucht.de teilt auf Anfrage mit, die Corona-Pandemie sorge "für Bewegung auf dem Immobilienmarkt". Die Plattform habe "schon einige Anfragen von Anbietern von Ferienwohnungen erhalten". Diese "inserieren die Zimmer und Wohnungen jetzt für mehrere Monate befristet". Ein genereller Trend sei allerdings nicht zu erkennen. 

Vera Demary leitet das Kompetenzfeld Digitalisierung, Strukturwandel und Wettbewerb beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Sie ist Expertin für Sharing Economy, wozu auch das Geschäftsmodell von Airbnb zählt. "Dass der Umsatz einbricht, ist überhaupt nicht verwunderlich, schließlich finden Tourismus und auch Geschäftsreisen kaum noch statt", sagt sie.

Eine Prognose, auch hinsichtlich des für 2020 geplanten Börsengangs des Unternehmens, sei aktuell kaum möglich. Airbnb könne die Coronakrise gut überstehen, glaubt Demary. Es könne sein, dass sich der Markt für Übernachtungen verändere, wenn Hotels pleitegingen und dadurch die Nachfrage nach Alternativen steige. Und: Das Geschäftsmodell von Airbnb basiere schließlich darauf, "dass die Kosten vor allem von den Gastgebern getragen werden".

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