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19. Oktober 2017, 09:00 Uhr

Korruptionsskandal

80 Millionen Euro für ausgeschiedenen Airbus-Manager

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Airbus-Chef Tom Enders schiebt im Korruptionsskandal die Schuld auf den Vertrieb in Frankreich. Doch nach SPIEGEL-Informationen genehmigte er dem Chef dieser Abteilung, Jean-Paul Gut, zum Abschied eine Zahlung von 80 Millionen Euro.

In Frankreich ist Jean-Paul Gut eine Legende. Einer, der den Flugzeugbauer Airbus groß gemacht hat, zur Nummer zwei in der Welt hinter Boeing. Monsieur Gut war im Konzern der Dealmaker: Airbus schickte ihn immer dann in die Schlacht, wenn Gespräche mit einem Käufer klemmten, vor allem bei den ganz dicken Dingern. Jenen Deals, bei denen es um Dutzende Flieger und zig Milliarden auf einen Schlag ging. Wie er das machte, blieb sein Geheimnis. Im Karriere-Netzwerk LinkedIn empfiehlt er sich noch heute als Mann "von großer Diskretion".

Klar ist: Jean-Paul Gut leitete bis 2007 jene Vertriebsabteilung in Paris, die heute im Zentrum des Schmiergeldskandals bei Airbus steht. Der deutsche Konzernchef Tom Enders hat sie als "Bullshit Castle" ausgemacht, als Ort, an dem vermutlich Schmiergeldgeflechte geknüpft wurden, um Airbus-Flieger zu verkaufen. 2016 hat Enders die Abteilung geschlossen - als lautes Ausrufezeichen, dass er es ernst meint mit seinem Saubermann-Kurs.

Nun aber haben nach Informationen des SPIEGEL und seines französischen Verbund-Partners Mediapart staatliche Korruptionsfahnder in Paris einen Vertrag bei Airbus angefordert, der Enders im besten Fall schlecht aussehen lässt. Im schlimmsten Fall könnte er Enders' Job gefährden.

Der Vertrag soll ausgerechnet Jean-Paul Gut den Abschied mit einer unverschämt hohen Summe versüßt haben: mit rund 80 Millionen Euro. Für den Konzern haben laut Mediapart zwei Manager die Verträge für den Goldenen Handschlag unterschrieben. Einer davon: Tom Enders.

Vertriebsmanager Gut stieg 2007 aus dem Luftfahrtkonzern aus; kurz vorher hatte er noch sein Meisterstück abgeliefert: Qatar Airways kaufte 80 Passagiermaschinen vom Typ A350 für 16 Milliarden Dollar. Ein Deal, bei dem Gut seine exzellenten Verbindungen spielen ließ, die er vor allem in Arabien aufgebaut hatte. Gut galt als Mann, von dem man im Konzern nicht wusste, was er so genau machte, wie er es machte, Hauptsache aber: er machte. Vor allem heuerte und steuerte er die Berater, die helfen sollten, Entscheider zu überzeugen, wo immer Airbus seine Flugzeuge verkaufen wollte.

Weder die Länder noch die Berater genossen stets den besten Ruf: So stand Gut im Kontakt zu einem Vermittler aus Arabien, an dessen Briefkastenfirma in Panama eine Millionenzahlung von Airbus ging.

Offiziell trennten sich Konzern und Manager 2007 im Guten. Es gebe keinen Streit mit der Führung um Enders und dessen damaligen Co-Chef Louis Gallois. So stellte es Gut dar.

Allerdings hieß es schon damals, Enders habe Gut nicht ausstehen können. Das Problem: Gut galt im deutsch-französischen Konzern als Mann der anderen Seite, eng verbunden mit dem Großaktionär Lagardère, kaum loszuwerden. Als Gut dann doch seinen Abschied nahm, sei Enders heilfroh gewesen, heißt es.

Einer der Gründe dafür soll die Hemdsärmeligkeit gewesen sein, mit der Gut seine Aufträge an Land zog. In einem "Handelsblatt"-Interview deutete Enders kürzlich in diese Richtung. Zum Personalwechsel 2007 sagte er, Guts Nachfolger habe ausdrücklich den Auftrag bekommen, eine neue Organisation zu schaffen, um die Compliance-Regeln einzuhalten.

Diese Regeln für saubere Geschäfte waren wohl nicht die Stärke von Gut gewesen. Bei einem Libyen-Geschäft stießen französische Fahnder zum Beispiel auf einen Millionenvertrag mit einem Vermittler aus dem Jahr 2009. Dabei waren die Flieger schon 2006 verkauft worden. Ein Insider klärte die Behörden in einer Vernehmung auf, bis dahin sei der Millionenvertrag mit dem Berater nur mündlich gewesen. Hemdsärmelig eben.

Nach außen hin sah es dann so aus, als komme der Konzern bei der Trennung von Gut günstig davon. EADS gab bekannt, dass der Spitzenmanager mit nur 2,8 Millionen Euro Abfindung gegangen sei. Obendrauf seien Pensionsansprüche gekommen, nicht weiter beziffert. Und schließlich habe man noch einen "langfristigen Dienstleistungsvertrag" mit ihm abgeschlossen, um sich seine "ausgesprochene Expertise im Bereich Marketing" zu erhalten. Jean-Paul Gut sollte also wohl weiter Flugzeugverkäufe ankurbeln, jetzt aber als freier Mitarbeiter. Gerüchte über eine Abfindung in Höhe von 12 statt 2,8 Millionen Euro wies er selbst empört ins Reich der Fantasie zurück.

Damit aber täuschten Konzern und Manager die Öffentlichkeit. In Wahrheit umfasste das Abschiedspaket offenbar rund 80 Millionen Euro, die in den Geschäftsberichten verschleiert wurden. Den Löwenanteil des Geldes soll Gut über den Beratervertrag eingesteckt haben, den er zum Abschied bekam. So schildert es ein früherer Konzernaufseher und verweist auf ein gut verstecktes Indiz im EADS-Geschäftsbericht von 2008.

Während der Beratervertrag im Bericht von 2007 erwähnt wird, mit dem Namen Gut, aber ohne eine Summe, taucht ein Jahr später auch eine Summe auf. Allerdings nur in einer Fußnote - und nun ohne den Namen Gut. Nur Eingeweihte konnten erkennen, dass beides anscheinend zusammengehört.

Im Bericht 2008 heißt es dazu in einer nebulös formulierten Erklärung: "Die Zugänge der sonstigen immateriellen Vermögenswerte im Geschäftsjahr enthalten in Höhe von 86 Millionen Euro den Kauf von Rechten, die vorher in einer Diensleistungsvereinbarung enthalten waren." Verklausulierter geht es kaum.

Übersetzen lässt sich das so: Nicht gleich nach dem Ausscheiden, aber mit etwas Abstand zahlte EADS 2008 die Millionen an Gut aus. Airbus kommentiert das nicht. Aber so wie es der Ex-Aufseher schildert, war der Beratervertrag das Vehikel, um auch Guts Handschlag nachträglich zu vergolden.

Die Verhandlungen führte damals nach Informationen von SPIEGEL und Mediapart EADS-Chef Louis Gallois. Co-Chef Enders zeichnete den Ausstiegsdeal gegen, wie dem Portal Mediapart aus französischen Quellen und dem SPIEGEL aus dem damaligen Aufsichtsrat bestätigt wurde.

Angeblich handelte es sich bei einem großen Teil der Millionensumme um Provisionen aus Flugzeugverkäufen, die Gut noch für sich reklamiert haben soll. Darunter die 80 Maschinen des Typs A350, die nach Katar gingen. Das Ausstiegspaket sei allerdings auch deshalb so exorbitant gewesen, um Gut einen Anreiz für den Abgang zu geben - von "Schmerzensgeld" ist die Rede, um Gut loszuwerden.

Oder war es eher Schweigegeld? Gut wusste immerhin viel über Verkäufe von Flugzeugen in korruptionsanfälligen Ländern. Und wenn Enders bei Gut schon tatsächlich Compliance-Schwächen bemerkt hatte, warum ließ er zu, dass Gut als Berater weiter Verkäufe für Airbus einstielen sollte? Nun als externer Berater, ohne direkte Kontrolle der Führung?

Der damalige EADS-Chef Gallois wollte sich auf Anfrage von Mediapart und SPIEGEL zu den Abschiedsverträgen nicht äußern. Auch von Gut kam keine Antwort. Von Airbus hieß es nur, man könne zu der Sache wegen laufender Ermittlungsverfahren in Frankreich und Großbritannien nichts sagen.

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