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12. November 2010, 11:51 Uhr

Airbus

Triebwerksdebakel könnte A380-Auslieferung verzögern

Beim A380 gibt es noch größere Probleme als zunächst angenommen: Aus Triebwerken des Herstellers Rolls-Royce tritt Öl aus, das sich entzünden kann. Das könnte jetzt auch die Auslieferung neuer Maschinen verzögern - und zu teuren Konsequenzen für Airbus führen.

Hamburg - Erst sah es nur nach einem Imageschaden aus, doch jetzt werden die Triebwerksprobleme beim A380 zum echten Desaster für Airbus. Konzernchef Thomas Enders rechnet nach eigenen Angaben mit einer Verzögerung bei der Auslieferung bestellter Flugzeuge.

Das heißt: Die Kunden des Riesen-Airbus müssen erneut Geduld aufbringen. Schon in der Vergangenheit wurde die Serienproduktion immer wieder verschoben, Airbus hielt Liefertermine wegen Problemen bei der Herstellung mehrfach nicht ein. Mehr als zwei Jahre Verspätung häuften sich an.

Enders begründete die neuerliche Verzögerung damit, dass der Triebwerkhersteller Rolls-Royce schärfere Kontrollen und den Austausch bestimmter Ersatzteile angemahnt hatte. Konkret betrifft dies den Trent-900-Antrieb. "Ich gehe davon aus, dass die Inspektionen und der Austausch Auswirkungen auf die Auslieferungen haben könnten, vor allem im Jahr 2011", sagte Enders am Freitag in einer Telefonkonferenz.

Rolls-Royce vermietet die Triebwerke direkt an die Airlines, Wartung und nötigenfalls Austausch inklusive. Derzeit sind 80 Exemplare des Trent-900-Antriebs weltweit im Einsatz, weitere 280 sind bestellt. Weil die Triebwerke parallel zur Flugzeugfertigung hergestellt werden, droht im Falle eines massenhaften Austauschs ein Engpass - eben auch bei Airbus.

Bekannt wurden die Probleme, als eine Qantas-Maschine mit 443 Passagieren an Bord vor gut einer Woche mit defektem Triebwerk notlanden musste. Seitdem gibt es Bedenken an der Zuverlässigkeit des Antriebs. Ein Ölleck hatte zu einem Brand geführt und den A380 durch Metallsplitter schwer beschädigt. Bei einer anschließenden Untersuchung der gesamten Qantas-A380-Flotte waren in weiteren drei Triebwerken Öllecks festgestellt worden. Auch bei Maschinen der Singapore Airlines wurden Ölflecken gefunden. Qantas zog seine sechs bis zu zwei Jahre alten Großraumjets sofort aus dem Verkehr, Singapore Airlines ließ drei Maschinen am Boden. Die wenige Monate alten A380-Maschinen der Lufthansa fliegen hingegen nach Kontrollen weiter.

Enders bestreitet Extrakosten für Airbus

Das Ölleck entwickelt sich damit auch zu einem finanziellen Problem. Dass auf den Triebwerkhersteller Rolls-Royce enorme Kosten zukommen, steht außer Frage. Wahrscheinlich muss aber auch Airbus durch die Lieferverzögerungen einen Dämpfer hinnehmen - selbst wenn Enders dies bestreitet: Es habe bisher keine Abbestellungen oder Diskussionen um Stornierungen gegeben, erklärte er.

Dem Airbus-Chef zufolge ist der Zwischenfall bedauerlich, er habe aber weder den guten Ruf des Triebwerkherstellers noch des Flugzeugs beeinträchtigen können. Die Sache habe vielmehr gezeigt, dass das Flugzeug dank seiner Auslegung auch mit extremen Situationen fertig werde. "Das Vertrauen in dieses Flugzeug bleibt intakt und wird sich noch verstärken", sagte Enders, der der Cockpit-Crew des Qantas-A380 ein Kompliment für ihr Verhalten bei dem Zwischenfall machte.

Turbinenhersteller Rolls-Royce hatte zuvor - mehr als eine Woche nach dem Zwischenfall - angekündigt, bei den Trent-900-Flugzeugtriebwerken fehlerhafte Module zu ersetzen. Der Fehler betreffe die gesamte Serie, sei aber beschränkt auf eine bestimmte Komponente im Turbinenteil des Triebwerks. Durch austretendes Öl habe ein Brand entstehen können.

Bei der Qantas-Maschine habe ein solcher Brand im Bereich der Mitteldruckturbine zum Bruch der Turbinenscheibe geführt, die vom Aussehen her einem Zahnrad ähnelt. Damit bestätigte das Unternehmen die ersten Untersuchungen der Flugaufsicht EASA.

Die von Rolls-Royce speziell für den Airbus A380 entwickelten Triebwerke werden gegenwärtig von den Fluggesellschaften Lufthansa, Singapore Airlines und Qantas verwendet. Emirates und Air France setzen bei ihren A380-Maschinen Triebwerke der Engine Alliance ein. Zu dem Konsortium gehören unter anderem General Electric, Pratt & Whitney und der Münchener Triebwerksbauer MTU Aero Engines. Die Fluggesellschaften sind vertraglich langfristig an die Hersteller gebunden, ein kurzfristiger Wechsel des Lieferanten ist nicht möglich.

Bislang hat Airbus 38 Flugzeuge vom Typ A380 ausgeliefert, 20 davon mit dem Trent-900-Antrieb. Weitere 234 Maschinen sind bestellt. Ursprünglich einmal hatte Airbus damit gerechnet, 300 Flugzeuge bis zur Profitabilität verkaufen zu müssen. Die Rechnung stammt allerdings aus einer Zeit, als das Projekt noch nicht mehr als zwei Jahre in Verzug geraten war - und bevor die Probleme mit den Triebwerken bekannt wurden.

In einer ersten Version wurde Enders mit den Worten zitiert, die Auslieferung werde sich verzögern. Tatsächlich sprach der Airbus-chef nur von der Möglichkeit, dass sich die Auslieferungen verzögern. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

ore/dpa/dapd/Reuters

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