Aktien im Dax Krisen-Rallye frustriert Anleger

Trotz einiger Turbulenzen hat der Dax seit März rund 50 Prozent zugelegt. Viele Anleger fragen sich: Warum bin ich nicht dabei? Selten war ein Börsenaufschwung so frustrierend - den passenden Einstieg haben die meisten verpasst.

Börsenhändlerin in Frankfurt: Der Aufschwung geht an vielen Anlegern vorbei
dpa

Börsenhändlerin in Frankfurt: Der Aufschwung geht an vielen Anlegern vorbei

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Hamburg - Im März war die Stimmung an der Börse noch frostig. Auftragseingänge, Industrieproduktion - wann immer Konjunkturdaten veröffentlicht wurden, schauten viele Anleger am liebsten gar nicht mehr hin. Bis auf 3589 Punkte war der Dax Chart zeigen gefallen. Es fehle "jeder Ansatz einer Bodenbildung", analysierten die Aktienexperten einer Landesbank.

Ein halbes Jahr später ist klar: Die unklare Gemengelage im Frühjahr bot genau die Chance, die sich furchtlose Investoren als optimales Einstiegsszenario wünschen.

Das Problem: Furchtlos war im März fast niemand mehr. Der Lehman-Schock, das Debakel in der Autoindustrie und finsterste Konjunkturprognosen hatten Zweifel daran genährt, ob es überhaupt je wieder aufwärtsgehen würde. Wer sich im Zuge des Kursabsturzes von seinen Aktien verabschiedet hatte, blieb dem Markt fern.

Das rächt sich nun: Die Aktienrallye der vergangenen Monate haben die meisten verpasst. Darauf deuten niedrige Umsätze und stetig sinkende Aktionärszahlen hin.

"Dieser Aufschwung geht an weiten Kreisen der Anleger völlig vorbei", sagt Aktienstratege Robert Halver von der Baader Bank. Viele Privatanleger und institutionelle Investoren stünden abseits, gelähmt vom vorherigen Kurssturz. "Eine derart panische Risikoaversion war zuvor selten zu sehen", sagt Halver. "Die Schockstarre war so groß, dass kaum jemand an eine liquiditätsgetriebene Hausse glaubte. Doch genau diese findet derzeit in mustergültiger Form statt."

Die Handelsaktivitäten sind schwach

Die Umsätze in Frankfurt scheinen zu bestätigen: Diesen Aufschwung hat der Markt vergleichsweise wenigen Akteuren zu verdanken. Die meisten haben nur ängstlich zugeschaut. Seit Beginn der Rallye im März gingen die monatlichen Aktivitäten im Xetra-Handel von 15,7 auf 13 Millionen Transaktionen zurück. Das Umsatzvolumen sank seit April von 211 Milliarden Euro auf 166 Milliarden im August - bei steigenden Kursen, wohlgemerkt. Erst im September gab es wieder ein leichtes Plus.

Ob es eine Trendwende ist, weiß niemand mit Gewissheit zu sagen. Sicher ist hingegen: Eine wachsende Zahl von Anlegern will mit Aktien nichts mehr zu tun haben. Seit dem Jahr 2000 sank die Aktionärsquote bei den Deutschen ab 14 Jahre von 9,7 auf 5,2 Prozent im zweiten Halbjahr 2009. Die Bankenprobleme seit 2007 verschärften die Lage. "Im Zuge der Finanzkrise haben rund eine Million Anleger dem Aktienmarkt den Rücken gekehrt", sagt Gerrit Fey vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). "Leider haben sich viele Menschen von dem massiven Kurssturz verunsichern lassen."

Nun müssen sie beim Aufschwung die Zuschauerrolle einnehmen. Anlegerprofis und Vermögensverwaltungen bekamen ebenfalls kalte Füße. "Auch institutionelle Anleger haben zum Teil die Aktienquoten reduziert", sagt Fey. Mit anderen Worten: Sie hatten nicht den Mut, genau dann zu kaufen, als der Markt am Boden war. "Das macht natürlich viele zornig", sagt Halver. "Der Frust bei Vermögensberatern ist momentan sehr groß, weil sie riesige Wertsteigerungsbeiträge nicht genutzt haben", sagt Halver.

"Vermögensberater beten inständig für eine Konsolidierung"

Viele Geldmanager müssen sich mittlerweile unangenehmen Fragen stellen lassen. Schon zum Halbjahr lag mancher von ihnen weit unter den Möglichkeiten, die der Markt eröffnet hatte. Zum Jahresende könnte die Bilanz noch düsterer aussehen, wenn die Märkte in etwa auf Kurs bleiben. "Viele Vermögensberater beten inständig für eine Konsolidierung", sagt Halver. Ein Rücksetzer um 20 bis 30 Prozent würde ihre vorsichtige Strategie nachträglich rechtfertigen - und zugleich endlich die ersehnte Einstiegsmöglichkeit bieten.

Doch auch beim jüngsten Rücksetzer in dieser Woche ist der Dax nur rund fünf Prozent gefallen - immer wieder steigen ungeduldige Nachzügler in den Markt ein, bevor sich die kurzfristige Schwäche zu einer echten Konsolidierung entwickeln kann. Gerade weil noch viele Investoren an der Seitenlinie warten, sei die Chance für einen Kursrutsch von 20 Prozent gering, heißt es am Markt. Der Dax Chart zeigen mag seit März immer mal wieder für ein paar Tage schwächeln - doch wirklich fallen mag er nicht.

Und so interpretiert manch ein Marktteilnehmer die schwachen Umsätze, die in den vergangenen Monaten an den Börsen erzielt wurden, vielleicht nicht ganz uneigennützig auf negative Weise. Der Aufschwung stehe nicht auf einem stabilen Fundament, orakeln manche. Doch genau diese laut bekundeten Zweifel bewerten verhaltensorientierte Börsianer als Zeichen, dass viele Anleger eben noch nicht investiert sind - und dies ist eine gute Absicherung gegen den Kursrutsch.

Erst wenn Kurse und Umsätze gemeinsam steigen, wird es problematisch

An einer "Wall of Worries" klettern Indizes am liebsten hoch, heißt es an der Börse. Solange die Kurserholung von Zweifeln begleitet wird und noch nicht in Euphorie umschlägt, ist man auf vergleichsweise sicherem Terrain. Für den Markt muss die Umsatzflaute also nichts Schlechtes verheißen. "Es gibt noch jede Menge Liquidität da draußen - und die will angelegt werden", sagt Halver. Sowohl das Umsatzvolumen als auch die Kurse würden deshalb steigen, sofern es keine extrem negativen Überraschungen in der Realwirtschaft gebe.

Demnach warten viele Investoren einfach noch mit einem Engagement, bis sich der Konjunkturaufschwung verstetigt. "Ein in den letzten Jahren häufig zu beobachtendes Phänomen ist, dass zu Beginn eines Börsenaufschwungs die Umsätze schwach sind", sagt Analyst Klaus Deppermann von der BHF-Bank. Dass die Transaktionszahlen im September wieder leicht anzogen, sei "ein gesundes Zeichen". Problematisch sei die Lage erst nach einer Phase, in der Kurse und Umsätze gemeinsam steigen, neue Höchststände bei den Kursen nicht mehr von neuen Umsatzhochs bestätigt werden. Dieses Szenario sei jedoch nicht in Sicht.

Für Anleger, die im März keine Angst hatten, ist es eine gute Nachricht. Die anderen müssen auf den nächsten echten Kursrutsch warten - und dafür womöglich ein bisschen Geduld mitbringen.



insgesamt 1577 Beiträge
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Seite 1
lalito 13.08.2009
1. tja
Zitat von sysopDie deutsche Wirtschaft wächst wieder, wenn auch nur leicht. Ist die Rezession jetzt vorbei? Oder muss man mit weiteren Rückschlägen rechnen - zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt?
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wär schön, käme es nicht so schlimm wie befürchtet! Mal sehen wie es nach der Wahl wird, wenn die Zeche für die "systemrelevante" Rettung bei jedem einzelnen Individuum des Systems eingefordert wird.
Crom 13.08.2009
2.
Der Arbeitsmarkt wird nicht so schnell nachziehen, aber eine Rezession ist auch eine Chance. Die Unternehmen rationalisieren und werden dadurch wieder profitabel, was Ausgangspunkt für neues Wachstum darstellt.
sinnsucher, 13.08.2009
3. Huch! Kurz vor den Wahlen häufen sich die guten Nachrichten...
...ein Schelm, wer böses dabei denkt... wenn ich mir auch bei sonst nicht vielem mehr sicher bin, eins weiß ich genau: ich möchte nicht, dass alles einfach weiter geht wie VOR der Krise.
tmayer, 13.08.2009
4. Der Spiegel
hat sich hier wohl ein gewaltiges Eigentor geschossen mit seiner ständigen Schwarzmalerei. Düstere Aussichten und ewige Vergleiche mit der Weltwirtschaftskrise von vor 80 Jahren. Jetzt muss man sich die Frage gefallen lassen, ob man mit dieser Negativpolemik nicht gewaltig übertrieben hat und ob der Spiegel nicht an Glaubwürdigkeit verloren hat.
I'm a Substitute 13.08.2009
5.
Zitat von sysopDie deutsche Wirtschaft wächst wieder, wenn auch nur leicht. Ist die Rezession jetzt vorbei? Oder muss man mit weiteren Rückschlägen rechnen - zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt?
Meinen Sie diese Frage wirklich ernst? Als Mitarbeiter des Online-Portals eines großen Nachrichtenmagazins, das doch nun wirklich jahrzehntelang deutsche Politik und Wirtschaftsgeschichte begleitet und (zeitweilig sogar kritisch!) unter die Lupe genommen hat, ist Ihnen doch klar, daß ein "numerisches Wachstum" von vielleicht 2% (Containerumschlag im Hamburger Hafen) KEINEN Effekt auf den Arbeitsmarkt besitzt.
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