AKW-Stilllegung Energieverband provoziert Zoff mit Atomkonzernen
Energiewende-Demo vor dem Brandenburger Tor: Schwieriger Atomkonsens
Foto: Maurizio Gambarini/ dpaBerlin - In der deutschen Energiewirtschaft ist ein offener Streit über den Atomausstieg ausgebrochen. Grund ist eine überraschende Kehrtwende des Bundesvorstandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Er spricht sich jetzt offen für einen "schnellen und vollständigen Ausstieg aus der Kernenergienutzung" aus - gegen den Willen der Atomkonzerne im Verband.
Möglichst schon 2020, spätestens aber 2023 soll nach dem Willen des Verbandes der letzte deutsche Reaktor vom Netz gehen, beschloss der BDEW-Vorstand auf einer außerordentlichen Sitzung. Doch diese Meinung vertreten nicht alle Verbandsmitglieder.
Deutschlands größter Energieversorger E.on ging in einer ersten Reaktion auf Distanz zum BDEW-Beschluss. Das Unternehmen erklärte, es halte die vom Branchenverband beschlossene Festlegung auf konkrete Jahreszahlen für eine Abschaltung der Kernkraftwerke in Deutschland für "grundsätzlich falsch" und trage sie nicht mit. Erst müsse eine neue Energiestrategie für Deutschland erarbeitet werden, bevor neue Ausstiegsdaten terminiert werden könnten. Ein E.on-Sprecher betonte, der Konzern werde seine Mitgliedschaft im BDEW vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung prüfen.
Auch der AKW-Betreiber RWE lehnte die Verbandsentscheidung ab: "Wir sprechen uns eindeutig gegen eine Festlegung auf konkrete Jahreszahlen für ein Ende der friedlichen Nutzung der Kernenergie in Deutschland aus", erklärte ein Sprecher. In Kreisen des BDEW-Vorstands hieß es, auch Vattenfall habe gegen den Beschluss gestimmt. Der vierte AKW-Betreiber EnBW habe an der Sitzung nicht teilgenommen.
Hildegard Müller, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, sagte inzwischen: "Wir haben das nach intensiver Debatte gemeinsam beschlossen. Natürlich werden einzelne Unternehmen diesen Beschluss für sich gesondert bewerten. Das ist legitim, stellt aber den Branchenkompromiss insgesamt nicht in Frage."
Grafiken: Deutschlands Energiewirtschaft
Der BDEW erklärte, die Entwicklungen nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima stellten eine Zäsur dar. Nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen und Parteien hätten in kürzester Zeit eine Neubewertung der Kernenergie-Risiken vorgenommen. Dem könne sich die Energiewirtschaft nicht entziehen.
Gleichzeitig drängte der Verband auf eine Sicherstellung von Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Bezahlbarkeit des Stroms. Dazu müsse das erst kürzlich vorgelegte Energiekonzept der Bundesregierung weiterentwickelt werden. Die fossilen Energieträger Kohle und Erdgas seien noch für lange Zeit unverzichtbar für eine zuverlässige und wirtschaftliche Energieversorgung, hieß es. Diese Rolle sei im bisherigen Energiekonzept weitgehend unberücksichtigt geblieben.