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19. Januar 2015, 19:53 Uhr

Babette Albrecht im Achenbach-Prozess

"Die waren wie Hyänen. Alle."

Aus Essen berichtet

Wiedersehen vor Gericht: Babette Albrecht, Schwiegertochter von Aldi-Gründer Theo, rechnet mit dem Kunstberater und mutmaßlichen Betrüger Helge Achenbach ab. Dabei gewährt sie Einblicke ins Leben von Deutschlands reichster Familie.

Sie strahlt, der Schritt ist fest. "Guten Morgen" ruft Babette Albrecht in Richtung der Zuschauer, während sie den großen Verhandlungssaal des Landgerichts Essen betritt. Hier kommt jemand, der sich von einer großen Last befreien will: Die Ehefrau des 2012 verstorbenen Aldi-Nord-Erben Berthold Albrecht und Schwiegertochter des Unternehmensgründers Theo Albrecht.

Wie alle Mitglieder der Familie lebt die 54-Jährige eigentlich zurückgezogen. Doch in diesem Fall schmerzte das Gefühl, über Jahre ausgenutzt und hintergangen worden zu sein, offenbar zu sehr. Albrechts Kinder haben den Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach angezeigt, weil sie überzeugt sind, dass der ihren verstorbenen Vater beim Kauf von Gemälden und Oldtimern in sehr großem Stil betrogen hat.

Die Staatsanwaltschaft beziffert die Schadenssumme auf mehr als 23 Millionen Euro. Es geht um 14 Bilder und neun Oldtimer, bei denen Achenbach zum Teil weit mehr als die vereinbarten fünf beziehungsweise drei Prozent Provision abgerechnet und dazu in mindestens 33 Fällen Belege gefälscht haben soll. Auch andere reiche Kunden des Kunstberaters sehen sich betroffen. Achenbach sitzt seit Monaten in Untersuchungshaft und hat in Teilen gestanden.

Babette Albrecht spielt auf Angriff

Der Prozess ist bisher also gut gelaufen für Albrecht, die als Zeugin aussagt. Frisch und angriffslustig wirkt sie zunächst mit knallrotem Lippenstift, den Jeans, dem blauen Jackett, der weißen Bluse mit großen Rüschen und den hohen Stiefeln. Eine Brille klemmt im Haar, die andere setzt sie immer wieder auf, wenn sie ihrer Erinnerung durch einen Blick in ihre Unterlagen nachhelfen will.

Eher teilnahmslos und meist weit nach vorn gebeugt sitzt dagegen Achenbach auf der Anklagebank. Das Gesicht noch etwas fahler als an den ersten Prozesstagen, das wallende weiße Haar ein wenig länger als bei früheren Anlässen. Wieder ein dunkler Anzug, das Hemd bis ganz oben zugeknöpft, keine Krawatte. Im Zuschauerraum seine Frau Dorothee in Schwarz, eingerahmt von ihren Söhnen.

Eigentlich sind die Rollen klar: Hier der gierige Kunstberater, der sich geschickt das Vertrauen des Milliardärs und seiner Familie erworben hat und jetzt, konfrontiert mit den Vorwürfen, gesellschaftlich und finanziell am Abgrund steht. Es drohen mehrere Jahre Haft. Und dort die Frau des mutmaßlichen Opfers, die im Namen ihrer Kinder Gerechtigkeit fordert und dabei schon gut vorangekommen ist.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn der Auftritt von Babette Albrecht gibt einen intimen Einblick in die Welt der Erben des wohl bekanntesten und bedeutendsten deutschen Familienunternehmens. Und dieser Einblick offenbart, wie gefangen, ja hilflos, die einzelnen Familienmitglieder als Milliardäre qua Erbschaft sein können. Wem kann man trauen? Wem nicht? Und vor allem: Wohin mit all dem Geld?

"Wir wollten für die Bilder keinen 'Albrecht-Aufschlag' zahlen"

Babette Albrecht sieht die Bekanntschaft zu den Achenbachs heute so: Sie und ihr Mann sind in eine Falle getappt. In eine Falle, die nicht besonders gut getarnt war, könnte man allerdings einwenden. Mit anderen Worten: Eine besonders glückliche Figur haben er und seine Frau dabei nicht gemacht.

Doch wie schwierig muss es sein, als Superreicher echte, neue Freunde zu finden? Und wie stark muss ein Milliardär sein, um Nein zu sagen, wenn es bei der Freundschaft plötzlich um Geld geht und daraus vielleicht ein schlechtes Gefühl erwächst?

Berthold Albrecht hatte nach Auskunft seiner Frau vor der Bekanntschaft mit Achenbach ein einfaches Rezept, mit dieser Frage umzugehen. "Mein Mann war eher reserviert", sagt sie mit Blick auf Einladungen, Anfragen und sonstige Formen sozialer Kontaktaufnahme.

Beim Abendessen brach das Eis

Doch bei Achenbach brach das Eis sehr schnell. Bei einem Abendessen in der Essener Nachbarschaft hätten sich die Paare kennengelernt, sagt Albrecht. "An diesem Abend blühte mein Mann auf." Er habe einfach interessant gefunden, was der Kunstberater erzählte. Kunst sei am Anfang gar nicht das wichtigste Thema gewesen. "Wir haben uns viel über die Kinder unterhalten." Die Albrechts haben fünf, die Achenbachs acht.

Über anderthalb Jahre entstand ein mehr oder weniger fester Kontakt zu den Düsseldorfern. Ein Essen in Achenbachs Restaurant "Monkey's" hier, eine Einladung zum Geburtstag dort. "So entwickelte sich eine ganz nette Freundschaft", sagt Albrecht.

Dann schließlich - sie war einmal ohne ihren Mann im "Monkey's" - fragte Achenbach, ob ihr Mann Kunst kaufen wolle. "Wir hatten ja schon Kunst", erinnert sich Albrecht. Sie habe ihren Mann aber gefragt, und der fand die Idee gut. Achenbachs Provision sollte bei fünf Prozent liegen.

Achenbach brachte ein Bild nach dem anderen

Detailreich schildert die Witwe dann, wie Achenbach ein Bild ums andere zur Villa der Albrechts heranfahren ließ - und mit recht einfachen Argumenten für den Kauf warb. Die Towerbridge von Oskar Kokoschka habe ihr auch deshalb so gut gefallen, weil ihre Kinder gerade in London waren, sagt Albrecht. Eine Löwenskulptur fand später bei ihr auch deshalb Gefallen, weil ihr Sternzeichen Löwe ist.

Auf Kunstmessen in Basel und Miami ging der Aldi-Erbe mit seiner Frau stets in gebührendem Abstand hinter Achenbach her. "Wir wollten ja unerkannt bleiben", sagt Albrecht. "Sonst hätten wir sofort einen 'Albrecht-Aufschlag' für die Bilder gezahlt."

"Meinem Mann sah man an, dass er kein normaler Albrecht war"

Und so sei es ausschließlich Achenbach gewesen, der mit den Ausstellern über Preise geredet hätte. "Er kannte sich aus, er konnte verhandeln." Dass er dies nicht nur zum Vorteil der Albrechts getan haben könnte, daran hätten sie keinen Gedanken verschwendet.

War der Drang, im Hintergrund zu bleiben, und alles Achenbach zu überlassen, nicht etwas zu stark ausgeprägt, will Richter Johannes Hidding wissen. Schließlich seien die Albrechts in der Öffentlichkeit ja gar nicht bekannt gewesen, und Menschen mit diesem Namen gebe es zuhauf. "Meinen Mann erkennt man sofort, der war eine ganz besondere Erscheinung", sagt Albrecht. "Dem sehen Sie an, dass er kein normaler Albrecht ist."

Anselm Kiefer, Gerhard Richter, Roy Lichtenstein, Neo Rauch - die Namen der hochrangigen Künstler purzeln dem Richter nur so aus dem Mund, und Babette Albrecht fällt es oft schwer, sich an jedes Bild zu erinnern, das ihr Mann über Achenbach erworben hat.

"Eigentlich immer das genommen, was er empfohlen hat"

Irgendwann wurde es ihrem Mann und ihr zu viel. Mal hatte ein Bild "eine negative Aura" - es wurde schließlich dennoch gekauft. Ein anderes war zu groß. "Es hat bis heute keinen richtigen Platz im Haus." Doch damit war noch nicht Schluss. "Die Wände bei uns waren irgendwann voll, aber Herr Achenbach sagte, wir finden schon einen Platz."

Für insgesamt etwa 120 Millionen Euro erwarben die Albrechts Kunst und später Oldtimer über Achenbach. "Er wollte ja immer nur die Meisterwerke haben", erinnert sich Albrecht. Ich hätte ja auch mal andere schöne Sachen genommen, die nicht so teuer waren. Aber es wurde eigentlich immer das genommen, was er empfohlen hat."

Schließlich verlegten sich Berthold Albrecht und Achenbach auf den Kauf von besonders seltenen Oldtimern - für zum Teil über zehn Millionen Euro. Alte Ferraris, Bentleys, und nicht zuletzt der Mercedes 540k Roadster, den auch Alfried Krupp von Bohlen und Halbach sein Eigen nannte.

Doch nach einigen schönen Erfolgen mit den Wagen bei Oldtimer-Rallyes stellte sich bei Babette Albrecht auch hier ein ungutes Gefühl ein. Der Gesundheitszustand ihres Mannes verschlechterte sich zusehends. Nach ihren Angaben ließ Achenbach nicht locker. "Er wusste, dass mein Mann sehr krank war, und ich fand es nicht in Ordnung, dass er wieder einen Autokauf machen wollte."

Der mimosengelbe Jaguar entpuppte sich als Reinfall - es hat hineingeregnet

Vor allem, wenn sich dann herausstellte, dass die Wagen für ihren Mann zu klein waren. "Er hat sich in einem sogar an den Armen verletzt und war sehr enttäuscht. Er hat auch geweint." Denn eigentlich seien die Oldtimer so etwas wie ein Trostpflaster für ihn gewesen. Von "Vertrauensbruch" spricht Babette Albrecht später.

An das Zusammenspiel Achenbachs mit dem eingeschalteten Oldtimer-Händler erinnert sie sich mit Grausen. "Die waren wie Hyänen. Die wollten meinem Mann dauernd etwas verkaufen. Alle."

Auch der mimosengelbe Jaguar E-Type, den Berthold ihr - vermittelt von Achenbach - zum Geburtstag schenkte, habe sich als Flop erwiesen. "Es hat hineingeregnet, ich war sehr enttäuscht."

Babette Albrecht sagt das alles mit sonorer Stimme. Oft sucht sie lange nach einfachen Worten. Beschreibt die Gemälde eher oberflächlich, mit Worten wie "schön", "selten" oder sagt einfach, es habe ihr "gut gefallen". Zwischendurch kann sie sich einmal nicht an ein Bild erinnern. Er könne da auch nicht helfen, sagt der Richter. Man habe auch leider keinen Experten... Obwohl: "Herr Achenbach könnte es natürlich sagen."

Und kaum setzt der Angeklagte zu einem seiner wenigen Wortbeiträge an, bricht Babette Albrechts mitunter gleichgültiger Tonfall. Natürlich, jetzt könne sie sich wieder an das Werk von Anselm Kiefer erinnern! Und schon sprudelt aus ihr heraus, wie sie sich damals dafür begeistert hatte.

Da springt er noch einmal über, der Funke, von Helge Achenbach auf Babette Albrecht. Doch dann schweigt er wieder, der selbst ernannte "Kunstanstifter". Und die Witwe spricht nicht mehr von "Helge", sondern nur noch von "Herrn Achenbach".

Bilderstrecke: Odtimer, Kunstwerke und viele verletzte Gefühle bei den Aldi-Erben

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