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29. Juli 2010, 17:37 Uhr

Aldi-Entführung

Zwölf Tage, die zwei Milliardäre zum Schweigen brachten

Von und

Milliarden-Phantom auf der Flucht vor der Öffentlichkeit: Der verstorbene Theo Albrecht lebte zurückgezogen wie kaum ein anderer Unternehmer. Seit der Entführung des Patriarchen im Jahr 1971 waren er und sein Clan traumatisiert - der Discounter-Chef verbrachte zwölf Tage in einem Kleiderschrank.

Essen/Hamburg - Die Überschriften aus dem Februar dieses Jahres waren symptomatisch: "Karl Albrecht vermutlich 90 Jahre", hieß es da. Oder: "Geburtstag eines Phantoms, das heute 90 werden soll". Es hieß "werden soll" und nicht "wird" - denn genau wusste niemand, ob der legendäre Gründer des Discount-Riesen überhaupt noch lebt. Das gleiche galt zum damaligen Zeitpunkt für seinen am vergangenen Samstag verstorbenen Bruder Theo Albrecht, von dem ebenfalls weder das genaue Geburtsdatum noch sein Wohnort bekannt waren.

Wohl kaum eine Unternehmerfamilie hat aus ihrem Privatleben ein solches Geheimnis gemacht wie die beiden Brüder, die den Krämerladen ihrer Mutter binnen weniger Jahrzehnte zum erfolgreichsten Handelskonzern Deutschlands machten. Und die mit ihrem radikalen Discount-Prinzip nicht nur den Einzelhandel grundlegend beeinflusst und verändert haben.

Der als scheu bekannte Apple-Gründer Steve Jobs gibt kaum Interviews, feiert dafür aber seine Produktvorstellungen als öffentliche Events. Die Queen redet mit Journalisten, und selbst der Papst meldet sich hin und wieder in der Presse - nur die Aldi-Brüder schwiegen komplett - Karl ebenso wie der nun verstorbene Theo. Und mit ihnen schwiegen der Konzern, ihr Umfeld, die ganze Region Essen.

Der Grund für die absolute Verschwiegenheit ist so einfach wie dramatisch: "Wenn Sie zwölf Tage in einem Kleiderschrank gesessen und um Ihr Leben gebangt haben, dann reduzieren Sie ganz zwangsläufig Ihre öffentlichen Auftritte", sagt ein langjähriger Vertrauter von Theo Albrecht. Er spielt damit auf das Ereignis an, das Theo, seinen Bruder Karl, aber auch die gesamte Familie für immer traumatisiert hat: die Entführung Theos im Jahr 1971.

Die dreiwöchige Leidensgeschichte des Theo Albrecht

Damals, im November 1971, begann für den Aldi-Mitbegründer ein Martyrium: Der Unternehmer wurde von zwei 47 und 39 Jahre alten Tätern entführt - einem Rechtsanwalt mit hohen Spielschulden und einem mehrfach vorbestraften Tresorknacker. Die Entführer wurden zwar wenig später gefasst und zu langen Haftstrafen verurteilt. Knapp die Hälfte des für damalige Verhältnisse extrem hohen Lösegelds von sieben Millionen Mark wurde jedoch nie gefunden. Und das, obwohl Theo einen Finderlohn von 600.000 Mark in Aussicht gestellt hatte.

Dreimal hatten die Kidnapper dem damals 49 Jahre alten Aldi-Gründer vor der Hauptverwaltung in Herten aufgelauert. Beim ersten Mal verließ sie im letzten Moment der Mut, beim zweiten Mal hatten sie ihre Waffen vergessen. Am 29. November 1971 verschleppten sie schließlich ihr Opfer mit vorgehaltener Pistole in die Kanzlei des 47-jährigen Anwaltes mitten in der Düsseldorfer Innenstadt.

Sie kaperten seinen Mercedes 280 SL mit dem Kennzeichen RE-AL 280, mit dem Albrecht gerade auf dem Weg nach Hause war. Weil sie zunächst nicht glaubten, dass der unscheinbare Insasse ohne Chauffeur tatsächlich der millionenschwere Unternehmensgründer war, ließen sie sich zuerst den Personalausweis zeigen. Albrecht, der einen abgewetzten Anzug von der Stange trug, schien ihnen wenig glamourös.

Lösegeldübergabe an den Bischof

"Im Unternehmen hieß es damals zunächst, Theo Albrecht bleibe wegen eines Schnupfens zu Hause", erzählt ein ehemaliger Manager, der einst zum engsten Führungsgremium des Konzerns gehörte. Aber das sorgte umso mehr für Verwunderung, weil das noch nie vorgekommen war. Wenige Tage später wurde dann auch öffentlich bekannt, dass der Newcomer aus der Handelsbranche verschwunden war.

Im Essener Polizeipräsidium lief die bis dahin größte Fahndung der Bundesrepublik an. 164 Ermittler einer Sonderkommission gingen jedem brauchbaren Hinweis nach, um das Versteck der Kidnapper aufzuspüren. Nach zähen Verhandlungen der Polizei mit den Entführern, die sich per Brief oder Telefon meldeten, erklärte sich schließlich der Ruhrbischof Franz Hengsbach bereit, "unter der Schweigepflicht des Beichtgeheimnisses" für die Lösegeldübergabe zu sorgen. Am 16. Dezember 1971 händigte der Bischof auf einem dunklen Feldweg in Breitscheid bei Düsseldorf den Entführern in zwei Koffern das Lösegeld aus und sorgte damit für die Freilassung Albrechts.

Anschließend blieb der Unternehmer - wie mit den Kidnappern vereinbart - noch 24 Stunden in der Residenz des Bischofs. Am Abend des 17. Dezember 1971 kehrte er wohlbehalten zu seiner Familie zurück. Bei den Beamten der Sonderkommission, die mehr als 10.000 Überstunden gemacht hatten, bedankte sich Albrecht mit 120 Flaschen Sekt, zwei Fässern Bier und zwölf Flaschen Schnaps.

Theo sprach nie wieder mit Journalisten

1979 wurde die Entführung noch einmal zum Thema. Damals versuchte Albrecht, die Lösegeldsumme steuerlich als "betriebliche Sonderausgaben" geltend zu machen. Das Finanzamt und später auch das Düsseldorfer Finanzgericht ließen den Milliardär jedoch abblitzen.

Aus den Tagen nach der glücklichen Freilassung Theos stammen auch die letzten Fotos von ihm. Welche Schlüsse er aus dem Erlebnis für sich selbst zog, konnten Journalisten und andere Interessierte damals noch nicht ahnen: Nie wieder sprach Theo mit Reportern, ließ sich nicht mehr fotografieren und mied die Öffentlichkeit. "Das Ganze ist ja nur passiert, weil irgendwie öffentlich geworden ist, dass da ein großer Neustarter unterwegs war", erklärt ein enger Vertrauter das Verhalten.

Die extreme Zurückhaltung habe sich dann auch auf das gesamte Unternehmen erstreckt. Deshalb haben Theo und Karl, ihre Kinder und ihre Firmen stets geschwiegen - und schweigen bis heute eisern. Egal, ob die Anfragen aus Deutschland, Europa oder den USA kommen. Die Erklärung zum Tod Theo Albrechts (siehe unten), spottet ein Aldi-Kenner, sei deshalb wahrscheinlich das längste Fax der Unternehmensgeschichte gewesen.

Mit Material von dpa

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