Streit im Aldi-Clan Babette tanzt aus der Reihe

Das öffentlich gewordene Testament der Aldi-Matriarchin Cäcilie Albrecht offenbart ihr tiefes Zerwürfnis mit der Schwiegertochter und deren Kindern. Auslöser dürfte der Lebensstil von Babette Albrecht sein.

imago/Robert Michael

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Eigentlich war es ein inhaltlich recht harmloses Interview - sogar verbunden mit ein bisschen Werbung für Aldi Nord. Babette Albrecht, Witwe des 2012 verstorbenen Aldi-Nord-Miteigentümers Berthold Albrecht, plauderte kürzlich mit der Illustrierten "Gala". Die Zeitschrift verkündete stolz das erste private Interview der Konzernerbin. Als Verstärkung hatte sich Babette Albrecht ihren guten Freund Thomas Rath, Designer und derzeit Teilnehmer der RTL-Show "Let's Dance", an die Seite geholt.

Die beiden tauschten im Interview Komplimente aus. Rath schwärmte, Babette sei "eine unfassbar warmherzige und verlässliche Person" und man tanze gern gemeinsam. Frau Albrecht ließ wissen: "Unsere Freundschaft hat einen unschätzbaren Wert. Und außerdem: Bei Thomas gibt es immer leckeres Essen." Die Zutaten dafür wiederum kaufe man gemeinsam ein. "Wir legen viel Wert auf gesundes und ausgewogenes Essen, das wir bei uns im Sortiment finden und dann genießen", fügte Babette Albrecht hinzu. Und damit wirklich jeder versteht, worum es geht, erklärte "Gala", dass mit "bei uns" Aldi gemeint sei.

Besonders gern mag Albrecht demnach Hühnerfrikassee, Kassler mit Kraut und Salate. Man darf sich nun also vorstellen, wie die Milliardärin Babette Albrecht gemeinsam mit ihrem Designer-Freund bei Aldi Hähnchen, Champignons und Dosengemüse aufs Band legt und dann abends zusammen gekocht wird. Bodenständig also.

Na gut, für das Interview wurde eigens der 2000 Zuhörer fassende "Alfried Krupp Saal" in der Essener Philharmonie reserviert. "Die Kulisse ist einfach wunderschön", erklärte Babette Albrecht die Ortswahl. Und die Stadt Essen liege ihr sehr am Herzen.

Bei ihrem Schwager Theo Albrecht junior dürfte das Interview trotz der Aldi-Werbung weniger gut angekommen sein. Er warf Babette Albrecht bereits 2016 "teilweise peinliche" Auftritte in der Öffentlichkeit vor. Jahrzehntelang hielt sich die Familie Albrecht komplett aus dem Rampenlicht heraus. Von den Aldi-Gründern und ihren Familien gab es allenfalls verschwommene Schwarz-Weiß-Bilder. Doch Gründersohn Berthold und seine Frau Babette brachen mit dieser Regel - und sorgten damit für Streit im Clan.

Familie Albrecht um 1972 beim Kirchgang in Essen
Fredy Mies/ picture-alliance

Familie Albrecht um 1972 beim Kirchgang in Essen

Der Unternehmersohn war schwer erkrankt und begann, seinen Reichtum auch vor den Augen der Öffentlichkeit auszuleben. Er kaufte sich teure Oldtimer und nahm damit an Rallyes teil. Über den Düsseldorfer Kunsthändler Helge Achenbach schaffte sich Albrecht teure Gemälde an. Als nach Berthold Albrechts Tod herauskam, dass Achenbach den Milliardär um Geld geprellt hatte, zeigte die Witwe den Kunsthändler an. In einem aufsehenerregenden Prozess wurde Achenbach zu einer Gefängnisstrafe verurteilt - und das Publikum konnte bestaunen, wie freizügig Berthold Albrecht mit Geld umgegangen war.

In den Augen des restlichen Albrecht-Clans - also Bertholds Bruder Theo junior und dessen Mutter Cäcilie - war Babette Albrecht die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung. So begründete Theo Albrecht jr. den mäßigen Kontakt zu seinem Bruder vor dessen Tod folgendermaßen: "Die Lebensführung meiner Schwägerin hat mich gestört. Das hat dann auch auf den privaten Kontakt mit meinem Bruder Einfluss gehabt."

Das Problem der Albrechts: Die Geschäfte laufen nicht mehr so gut wie früher - und die Familienmitglieder brauchen einander, um das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Gründer Theo Albrecht hatte einst ein Konstrukt aus Stiftungen ersonnen. Die Familie von Theo Albrecht junior regiert die Lukas-Stiftung, die Berthold-Seite die Jakobus-Stiftung. Sie kontrollieren jeweils 19,5 Prozent des Aldi-Nord-Kapitals. Die Markus-Stiftung, in der Gründerwitwe Cäcilia "Cilly" Albrecht den Ton angab, hält 61 Prozent.

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Aldi-Geschichte: Billig, will ich

Doch im November vergangenen Jahres ist Cilly Albrecht gestorben, und nun geht es darum, welche Familienmitglieder künftig das Sagen haben. Seit dem Tod der Mutter ist Theo junior Vorsitzender der Markus-Stiftung. Und der verstorbenen Matriarchin war offenbar vor allem eines wichtig: Dass ihre Schwiegertochter und deren fünf Kinder möglichst wenig zu sagen haben. Denn das nun öffentlich gewordene Testament von Cilly Albrecht liest sich wie eine Abrechnung mit der Schwiegertochter und den fünf Enkeln.

Allein die Vorstellung, dass Berthold Albrechts Kinder "als Vorstandsmitglieder der Markus-Stiftung irgendwann einmal mit der Markus-Stiftung so verfahren könnten wie mit der Jakobus-Stiftung, erfüllt mich mit großer Traurigkeit und Sorge", schrieb Cilly Albrecht laut "Bild am Sonntag" in ihrem Testament. Da Berthold Albrechts Kinder sich bewusst dafür entschieden hätten, "den Willen ihres Vaters zu missachten und die Jakobus-Stiftung allein für ihre Destinatär-Interessen zu nutzen, sind sie ungeeignet für die Übernahme von leitender Verantwortung in der Markus-Stiftung".

Beobachter werten Babette Albrechts Verhalten als eine Art Ausbruch aus dem goldenen Käfig. Sie wird als lebenslustige Frau beschrieben, die auf ein Leben im Luxus gehofft hatte - und nicht mit dem strengen Familiendiktat der Albrechts gerechnet hatte. Seit Theo Albrecht senior 1971 entführt wurde und gegen Lösegeld freikam, schottete sich der gesamte Clan ab und achtete darauf, nicht zu protzen. Mit 25 Jahren heiratete Babette 1985 Berthold Albrecht, bekam Vierlinge (drei Mädchen und einen Jungen) und noch eine weitere Tochter. Den Kontakt zu ihrer eigenen Familie habe sie mit der Heirat abgebrochen, schrieb das manager magazin in einem Porträt. Schwiegereltern und Schwager hätten sie aber nie gemocht.

Doch Schwiegermutter Cilly ist tot, und die lebenslustige Witwe will sich offenbar auch von ihrem Schwager nichts vorschreiben lassen. Theo junior schrieb bereits 2014 an Babette Albrecht: "Du bist mit Deiner Einstellung und Lebensführung eine Belastung für unser Unternehmen." Die so Geschmähte ließ sich davon offensichtlich nicht beirren. Sie fuhr beim Oktoberfest beim Schaulaufen der Wiesn-Wirte auf einem der Festwagen mit, sie setzte sich bei der RTL-Show "Let's Dance" ins Publikum und lief beim Wiener Opernball auf.

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Streit im Aldi-Clan: Die lustige Witwe

Babette Albrecht und ihre fünf Kinder haben sich in den vergangenen Jahren mehr als 100 Millionen Euro aus der Jakobus-Stiftung ausschütten lassen. Nach dem Tod von Berthold Albrecht war ein Erbstreit entbrannt. Berthold Albrecht hatte 2010 eine Satzungsänderung unterzeichnet, nach der er seinen eigenen Kindern Macht entzog und im Gegenzug den Einfluss seines Bruders Theo stärkte. Das wollten die Witwe und die Kinder vor Gericht kippen. Doch bislang konnten sie sich damit nicht durchsetzen.

Wenn es um große Entscheidungen und Investitionen bei Aldi geht, müssen die drei Stiftungen zusammenarbeiten. "Durch den Familienvertrag sind jegliche Auszahlungen aus den Stiftungen an das Unternehmen daran gebunden, dass alle Stiftungen zustimmen. Keine Stiftung kann die andere überstimmen, und keine Stiftung kann allein handeln", erklärte es Theo junior 2016. Ein gutes Konstrukt, wenn alle Familienmitglieder das Unternehmen stets an erster Stelle sehen. Doch daran hapert es.

Immerhin: Trotz des Streits beschlossen die Familienstiftungen 2017 ein milliardenschweres Modernisierungsprogramm für Aldi Nord. Doch aus den juristischen Streitigkeiten und dem öffentlichen Schlagabtausch der vergangenen Jahre wurde klar: Am liebsten würde Theo seine Schwägerin und deren Kinder aus der Firma rausbekommen.

Diesen Gefallen allerdings tut Babette Albrecht ihrem Schwager nicht. Zwischen den Zeilen lässt sie durchblicken, dass sie Ambitionen hat. So sagte ihr Designerfreund Rath im "Gala"-Interview, er frage Babette "auch firmentechnisch gern um Rat" und attestierte ihr: "Da ist nichts Oberflächliches." Im Februar berichtete Babette Albrecht in der "Bunten" über ihr finanzielles Engagement für eine Stiftung der Uniklinik Essen. "Ich bin ein echtes Familientier und weiß, was es heißt, viel Verantwortung zu tragen und sich zu kümmern", verkündete sie. Es dürfte auch eine Botschaft an den anderen Teil der Albrecht-Familie gewesen sein.



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hansa_vor 01.04.2019
1. Toller Artikel
und mit Sicherheit geeignet an erster Stelle der Startseite platziert zu sein. Habe ich nen Virus im Rechner der mich statt auf SPON zur Bunten umleitet?
rant.biden 01.04.2019
2. Stillos
Die sieht aus wie eine gealterte Pferdedompteuse aussem Zirkus. Wieso haben deutsche Geldsäcke eigentlich für keine zwei Pfennige Stil??
gigi76 01.04.2019
3. Das größte Risiko...
...für eine etablierte Firma ist immer die liebe Verwandtschaft. Warum soll das bei den deutschen Oligarchen anders sein?
vic_dorn78 01.04.2019
4. Thomas Rath...
...nicht Sandro. Ist eigentlich gar nicht so schwer, wenn man in der Lage ist, einen Artikel in der Gala verstehen zu könnnen. - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
Emderfriese 01.04.2019
5. Anstiften
Interessant an der ganzen Story ist eigentlich nur der Umgang der Superreichen mir "ihren" Stiftungen. Gemeinhin denkt doch das normale Volk, Stiftungen seien eine positive Nach-Tod-Geldanlage, um Gutes zu tun. Und zu diesem altruistischen Zweck Steuern zu sparen. Weit gefehlt. Man liest: es geht um den schnöden, aber teuren Luxuslebensstil Superreicher. Damit ja nicht ein Zuviel an die Allgemeinheit fällt. Danke für die Aufklärung, SPON.
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