Zu wenig Platz Aldi schließt älteste Aldi-Filiale

Aldi verlässt sein Essener Stammhaus: Hundert Jahre nach Gründung der Kette ist die Filiale in der Essener Huestraße zu klein geworden und wird geschlossen. Der Schritt hat auch mit einer Machtverschiebung im Konzern-Management zu tun.

Zeugnis eines bescheidenen Anfangs: 1919 verlegten die späteren Eltern von Karl und Theo Albrecht ihren kleinen Backwarenhandel in der Huestraße, von Hausnummer 87 ging es in die Nr. 89. Das neue Geschäft hieß "Kaufhaus für Lebensmittel Karl Albrecht" - die Keimzelle ihres Imperiums.
Marcel Kusch/ DPA

Zeugnis eines bescheidenen Anfangs: 1919 verlegten die späteren Eltern von Karl und Theo Albrecht ihren kleinen Backwarenhandel in der Huestraße, von Hausnummer 87 ging es in die Nr. 89. Das neue Geschäft hieß "Kaufhaus für Lebensmittel Karl Albrecht" - die Keimzelle ihres Imperiums.


Nach 100 Jahren ist das Aldi-Stammhaus in Essen für das wachsende Sortiment des Lebensmittelhändlers zu klein geworden. Das Unternehmen Aldi Nord will noch in diesem Jahr mit dem Bau einer mehr als doppelt so großen Filiale in unmittelbarer Nähe des Gebäudes beginnen, in dem die Aldi-Gründer Karl und Theo Albrecht geboren und aufgewachsen sind.

Der neue Markt mit knapp 1300 Quadratmetern Verkaufsfläche soll nach Unternehmensangaben Ende 2020 fertig sein. Der Bebauungsplan ist nach Angaben der Stadt Ende August 2019 in Kraft getreten.

Die Verkaufsräume im Aldi-Stammhaus sollen nach einem Jahrhundert Lebensmittelhandel künftig anderweitig genutzt werden. "Hierfür werden derzeit zahlreiche Möglichkeiten mit Interessenten geprüft", teilte das Essener Unternehmen mit. Aldi Nord macht deutlich, dass es auch auf einen externen Nutzer für die traditionsreiche Gewerbefläche hinauslaufen könnte.

Die Filiale in der Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck im Jahr 1930
obs/ALDI Einkauf

Die Filiale in der Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck im Jahr 1930

Die Gründerfamilie habe sich allerdings aufgrund des emotionalen Bezugs zur Huestraße 89 dafür ausgesprochen, dass das Gebäude im Besitz der Unternehmensgruppe verbleibe, heißt es. Aldi hatte schon seit Längerem einen Alternativstandort gesucht.

Keimzelle des Konzerns

Der erste Laden der Unternehmerfamilie Albrecht war zunächst ein Backwarenhandel, den die späteren Eltern von Karl und Theo 1913 im heutigen Essener Stadtteil Schonnebeck eröffneten. Er befand sich in der heutigen Huestraße 87, in Anna Albrechts Elternhaus. Im Frühjahr 1919 verlegten die Albrechts ihr Geschäft in das benachbarte Wohn- und Geschäftshaus Nummer 89, das das Ehepaar gekauft hatte. Den neuen, deutlich größeren Laden nannten sie "Kaufhaus für Lebensmittel Karl Albrecht", wie aus einer Unternehmensdarstellung hervorgeht. Das 1909 errichtete Gebäude wird von Aldi selbst als Stammhaus bezeichnet.

Die Discounter-Paletten fehlen da noch: Der "Tante-Emma"-Laden der Albrechts in der Huestraße 89 (1930)
obs/ALDI Einkauf

Die Discounter-Paletten fehlen da noch: Der "Tante-Emma"-Laden der Albrechts in der Huestraße 89 (1930)

Handelsanalyst Matthias Queck sieht in dem geplanten Auszug von Aldi aus dem Stammhaus weit mehr als nur einen Filialumzug. Dieser Schritt verdeutliche die neuen Freiheiten des heutigen Managements im Gegensatz zu den puristischen Konzepten der gestorbenen Aldi-Gründer. "Das ist schon eine Abnabelung von den manchmal übermächtigen Übervätern des Discounts, Karl und Theo Albrecht." In manchen Punkten sei es eine "konzeptionelle Befreiung". Das Ausweiten des Sortiments berge aber auch ein Kostenproblem von der Logistik über das Personal bis zum Filialnetz selbst. Besondere neue Standorte kosteten eben viel mehr Geld.

Nach Erkenntnissen des EHI Retail Institute folgen alle Discounter dem Trend zu größeren Filialen. Laut diesen Daten ist bei Aldi Nord die durchschnittliche Verkaufsfläche pro Filiale von 2010 bis 2018 um zehn Prozent auf 848 Quadratmeter geklettert. Beim selbstständigen Schwesterunternehmen Aldi Süd sind es fast fünf Prozent mehr, auf 889 Quadratmeter je Markt im Schnitt. Erzrivale Lidl hat dem EHI-Ranking zufolge mit einem Plus von 5,6 Prozent auf 898 Quadratmeter das Filialnetz mit der größten Durchschnittsfläche. Auch bei Norma, Penny und Netto Marken-Discount sieht das EHI größer werdende Filialen.

beb/dpa



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uezegei 20.09.2019
1. Zeitgeschichte
Es ist nicht gerade ein Schmuckstück, aber immerhin doch ein Stück Zeitgeschichte. Hätte man als "Musuemsbetrieb" doch gut erhalten können. Es ist ein Stück Firmengeschichte und so manchem der Managernieten von heute täte es nicht schlecht einmal zu sehen, wo sie herkommen und wo sie wieder hin gehören..
hikage 20.09.2019
2. Peinlich
Dem Konzern muss es finanziell doch deutlich schlechter gehen als ich dachte, wenn man es sich nicht einmal erlauben kann, den Stammladen ineffizient zu führen.
unglaublich_ungläubig 20.09.2019
3.
Zitat von hikageDem Konzern muss es finanziell doch deutlich schlechter gehen als ich dachte, wenn man es sich nicht einmal erlauben kann, den Stammladen ineffizient zu führen.
Die Firmenleitung hat für so etwas einfach nur keinen Sinn. Das sind nicht mehr die Albrechts, das sind irgendwelche gegelten BWLer ohne Sinn für Historie, Verwurzelung, Bodenständigkeit. Und in der Tat ist es sinnlos, den Markt als Aldi-Filiale weiterzuführen. Aber wenn man gewollt hätte, wäre einem bestimmt etwas eingefallen, und wenn's ein Aldi-Backshop mit kleinem Cafe geworden wäre. Voller Bilder von früher. Andererseits: Wenn es der Familie wichtig ist, kann sie es sich bestimmt leisten, das Gebäude zu kaufen und als Museum zu betreiben. Karl und Theo hätten es gemacht.
jschm 20.09.2019
4. schade,
dass sich ein Konzern wie Aldi nicht mehr zu seine Herkunft bekennen will, weil es zu teuer ist. Das ist für mich ein Zeixhen der Traditionslosigkeit der heutigen Managergeneration aber kein Abnabeln von übermächtigen Urvätern. Es mag zwar Kosten sparen aber führt in die Identitätslosigkeit. Ein Museumsgeschäft mit ausgewähltem Sortiment könnte Aldi sich locker leisten.
Tim891222 20.09.2019
5. in den Ursprungszustand zurückbauen..
..und dann ein kleines Museum draus machen. Wäre bestimmt gute PR und für Touristen interessant.
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