Zwangsarbeit Aldi bezog Miederwaren aus DDR-Knast

In DDR-Gefängnissen mussten politische Häftlinge Waren für die westdeutsche Konsumgesellschaft herstellen. Nach Ikea geraten jetzt auch Aldi und Volkswagen in die Kritik. Die Unternehmen räumen Geschäftsbeziehungen ein - genauer hingesehen haben sie wohl nicht.
Aldi-Markt: "Zum damaligen Zeitpunkt keine Hinweise"

Aldi-Markt: "Zum damaligen Zeitpunkt keine Hinweise"

Foto: Bernd Thissen/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Westdeutsche Unternehmen profitierten offenbar in großem Stil von der Zwangsarbeit politischer Häftlinge in DDR-Gefängnissen. Das berichtet das ARD-Magazin "Report Mainz". Firmen wie der Discounter Aldi oder der Autokonzern Volkswagen bezogen in den siebziger und achtziger Jahren Waren oder Teile aus DDR-Betrieben, in denen auch Häftlinge zwangseingesetzt wurden. Zudem seien Insassen der Gefängnisse Gräfentonna in Thüringen und Waldheim in Sachsen zu Blutspenden gezwungen worden. Die Blutkonserven seien dann über Schweizer Zwischenhändler an das Bayerische Rote Kreuz verkauft worden. Das geht aus Akten aus Stasi-Beständen hervor, die jetzt im Rahmen eines Forschungsprojekts der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) ausgewertet wurden.

Im Mai 2012 war bereits das Möbelhaus Ikea massiv in die Kritikgeraten. Der schwedische TV-Sender SVT deckte damals auf, dass bei der Herstellung von Möbeln auch politische Gefangene in DDR-Gefängnissen zum Einsatz kamen. Der Sender berief sich ebenfalls auf Unterlagen der BStU.

Aus der jetzt bekanntgewordenen Studie geht laut "Report Mainz" hervor, dass Aldi beispielsweise Strumpfhosen vom VEB Esda Thalheim bezog, in dem weibliche Gefangene des berüchtigten DDR-Frauenzuchthauses Hoheneck eingesetzt waren. In dem Gefängnis saßen die Frauen fast ausschließlich aus politischen Gründen ein.

Volkswagen hat "Report Mainz" zufolge in den Jahren zwischen 1978 und 1984 Fahrzeuge der Marke "Golf" in die DDR geliefert und über Kompensationsgeschäfte Lampen, Abdeckkappen, Radschrauben oder Nebelscheinwerfer und -schlussleuchten aus dem VEB Kombinat Fahrzeugelektrik Ruhla erhalten. Auch in diesem Kombinat seien Zwangsarbeiter zum Einsatz gekommen.

Waren für 200 Millionen D-Mark

"Ikea war nur die Spitze des Eisberges", so das Urteil des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Die DDR sei laut BStU-Historiker Tobias Wunschik aus unternehmerischer Sicht ein Billiglohnland gewesen, praktisch aus dem Westen zu erreichen, weil es gleich nebenan lag und keine Sprachbarrieren zu überwinden waren. "Mehrere hundert westliche Firmen waren im Ost-West-Handel aktiv, viele haben dabei Waren aus der DDR bezogen, und in sehr viele dieser Waren war Häftlingsarbeit eingeflossen", sagt Wuschnik der ARD zufolge. Es lasse sich aus Teilzahlen ungefähr abschätzen, dass jährlich mindestens 200 Millionen D-Mark mit Waren umgesetzt worden seien, die allein auf Häftlingsarbeit beruht hätten. Unklar ist allerdings, in welchem Ausmaß tatsächlich politische Gefangene herangezogen wurden, die keine Chance hatten, die Arbeit abzulehnen.

Anders als Ikea, das damals von dem Einsatz von DDR-Häftlingen Kenntnis hatte und nicht entschieden genug dagegen vorging, bestreiten sowohl Aldi als auch Volkswagen, von der Praxis gewusst zu haben. Es sei richtig, so Aldi Süd zu SPIEGEL ONLINE, dass es eine Geschäftsbeziehung zum VEB Strumpfkombinat Esda in Thalheim gab. Doch erst durch Recherchen des Bayerischen Rundfunks im vergangenen Jahr sei dem Unternehmen bekannt geworden, dass das Strumpfkombinat Esda Thalheim damals einzelne Produktionsschritte an das Frauengefängnis in Hoheneck vergeben hatte.

Volkswagen: Einsatz nicht gebilligt

Heutige und ehemalige Mitarbeiter von Aldi Süd hätten bis zur Anfrage keine Kenntnis davon gehabt, "dass das Strumpfkombinat Esda Thalheim einzelne Produktionsschritte oder Aufträge an eine andere Produktionsstätte, geschweige denn an ein Gefängnis, vergeben haben soll", schreibt Aldi Süd in seiner Stellungnahme. "Eine Abholung von Waren durch Aldi Süd aus einer Haftanstalt können wir nach heutigem Kenntnisstand ausschließen."

Zwar hätten Aldi-Süd-Mitarbeiter Mitte der achtziger Jahre die DDR-Produktionsstätte des Strumpfkombinats Esda Thalheim besichtigt. Für sie "gab es jedoch auch zum damaligen Zeitpunkt keinen Hinweis darauf, dass das Strumpfkombinat Esda Thalheim Aufträge an eine andere Produktionsstätte oder gar an ein Gefängnis untervergeben hat", behauptet der Discounter.

Auch Aldi Nord teilt SPIEGEL ONLINE mit, dass man keine Kenntnis von den Vorgängen gehabt habe. Darüber hinaus könne das Unternehmen auch "keine Auskunft mehr geben, da uns diesbezüglich aufgrund der bereits lange abgelaufenen gesetzlichen Aufbewahrungsfrist für Unterlagen keine Zahlen und Dokumente mehr vorliegen".

Ähnlich klingen die Beteuerungen bei Volkswagen. Dem Unternehmen sei nicht bekannt gewesen, in welchem Betriebsteil des Kombinats in Ruhla welches Produkt gefertigt wurde. Auch bestünden und bestanden keine Kenntnisse darüber, "dass möglicherweise Häftlinge in DDR-Betrieben für Lieferungen an Volkswagen mitgearbeitet haben". Volkswagen habe den Einsatz von Häftlingen in DDR-Betrieben "weder veranlasst noch wissentlich gebilligt oder gar davon profitiert".

Aldi will keine Akteneinsicht

Die Geschäftsbeziehungen der westdeutschen Firmen mit der DDR liefen oft über die Außenhandelsorganisation "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) unter der Leitung des berüchtigten Unterhändlers Alexander Schalck-Golodkowski. Historiker Wunschik sieht daher eine Mitverantwortung bei den Westfirmen: "Man ging eben nicht bis in die Betriebe und ließ sich die ganze Produktionsstrecke zeigen." Das sei laut Wunschik aber möglich gewesen. Die DDR war derart auf Devisen angewiesen, dass gerade große Abnehmer enormen Einfluss hätten ausüben können, wenn sie sich wirklich dafür interessiert hätten, woher die DDR-Ware stammt.

Jahn sagte laut "Report Mainz": "Wer sich mit der Diktatur eingelassen hat, Geschäfte gemacht hat, der konnte nie sicher sein, unter welchen Bedingungen die Produkte gefertigt worden sind." Jahn habe die Unternehmen aufgefordert, ihre Archive zu öffnen und die weitere Aufklärung finanziell zu unterstützen.

Aldi Nord und Aldi Süd selbst haben bisher keine Anträge auf Akteneinsicht bei der Jahn-Behörde gestellt, um eigene Erkenntnisse zu gewinnen.

jat/AFP/dpa