Nahrungsmittelinvestments Allianz wehrt sich gegen Spekulationsvorwürfe

Kritiker werfen Allianz und Deutscher Bank vor, mit Nahrungsmitteln zu spekulieren. Der Versicherungskonzern wehrt sich nun mit einem offenen Brief gegen die Vorwürfe - er habe kaum Einfluss auf die Preise.
Demonstranten im Frankfurter Bankenviertel: "Mit Essen spielt man nicht"

Demonstranten im Frankfurter Bankenviertel: "Mit Essen spielt man nicht"

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Frankfurt am Main - Mehrere hundert Menschen sind dem Aufruf zur Demonstration gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln im Frankfurter Bankenviertel gefolgt. "Spekulanten in die Schranken" und "Mit Essen spielt man nicht" fordern sie auf Transparenten. Spektakulär hatte sich die bunte Truppe unter den Zwillingstürmen der Deutschen Bank aufgestellt, von dort zogen sie weiter zur Zentrale von Allianz Global Investors, dem Vermögensverwalter des Versicherungskonzerns Allianz.

Die Organisationen von Oxfam, Attac, Misereor und Inkota haben sich die beiden deutschen Traditionskonzerne als Hauptziele ihrer Kritik ausgesucht - zumindest die Allianz startet jetzt aber eine Gegenoffensive.

Mit einem offenen Brief des Vorstandsmitglieds Jay Ralph  reagiert der Konzern jetzt auf die anhaltende Kritik von Oxfam Deutschland. Die Allianz-Tochter Pimco gehört zu den weltweit größten Vermögensverwaltern und investiert an den Warenterminmärkten auch Milliarden in Agrarrohstoffe. Der Vorwurf von Oxfam anderen Kritikern: Mit den Wetten auf die Preisentwicklung verteuerten die Investoren auch Nahrungsmittel und verschärften so das Hungerrisiko von Menschen in armen Ländern. Die Allianz verteidigt sich in dem Brief an die Organisation und verweist auf wissenschaftliche Studien, denen zufolge die Investoren die Preise nicht beeinflussen sondern im Gegenteil der Entwicklung hinterherlaufen.

Im Zweifelsfall lieber gar keine Investitionen in Agrarrohstoffe

Mehrfach sind die Allianz und Oxfam zu Gesprächen über das Thema zusammengekommen. In seinem Brief bezieht Ralph sich auf diese Treffen und schreibt: "Wir haben aufgezeigt, dass unsere Kunden investieren, wenn Rohstoffpreise fallen und Investments entziehen, wenn diese Preise steigen." Sein Fazit: "Hätten sie Einfluss auf eine Preisentwicklung, würden sie damit eher zu einer Preisglättung beitragen." Im Übrigen liege der Anteil der eigenen Neuinvestments auch an besonders starken Handelstagen bei weniger als 0,1 Prozent des Handelsvolumens - mit einem derart kleinen Anteil könnten die Preise überhaupt nicht beeinflusst werden, soll das heißen.

Ofxam bestätigt die Gespräche mit der Allianz, lässt sich davon aber nicht beirren. Der Oxfam-Handelsexperte David Hachfeld lobt den Konzern dafür, dass er sich - anders als die Deutsche Bank - bewusst mit dem Thema auseinandersetze. Die Argumente hätten Oxfam aber "nicht überzeugt". So lange der Konzern die Zahlen nicht veröffentliche, seien die Begründungen nicht nachvollziehbar. Weil verschiedene wissenschaftliche Studien zu gegensätzlichen Ergebnissen kämen, gelte aber grundsätzlich das Vorsorgeprinzip: So lange nicht zweifelsfrei bewiesen sei, dass die Spekulation an den Rohstoffmärkten keinen Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise in der Welt hat, sollten sich Allianz und Deutsche Bank - wie zuvor schon die Commerzbank oder die DZ Bank - aus dem Geschäft zurückziehen.

Großbritannien kämpft gegen strengere Regulierung

Im Hintergrund beschäftigt das Thema Nahrungsmittelspekulation die Politik schon seit Monaten. In Brüssel verhandeln die EU-Mitgliedstaaten über eine Reform der Finanzmarktrichtlinie MiFID. Nachdem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble im September eine spektakuläre Kehrtwende vollzogen hat, will Deutschland jetzt wesentliche Ausnahmeregeln und Schlupflöcher beseitigen - was aus einem vertraulichen Positionspapier  hervorgeht, das unter anderem die Verbraucherorganisation Foodwatch veröffentlichte.

Seit einigen Wochen verhandeln in Brüssel der Europäische Ministerrat, das Europaparlament und die EU-Kommission im sogenannten Trilog über die Ausgestaltung der Finanzmarktregulierung. Darin soll beispielsweise die Zahl der zu rein spekulativen Zwecken abgeschlossenen Warentermingeschäfte mit Agrarrohstoffen begrenzt werden. Zudem sollen sogenannte Positionslimits eingeführt werden. Verbindlich festsetzen soll diese Limits die europäische Aufsichtsbehörde Esma - statt wie ursprünglich vorgesehen, jeder Nationalstaat für sich. Offenbar stößt die Bundesregierung mit ihren Vorschlägen aber auf heftigen Widerstand aus anderen EU-Ländern, wie aus einem vertraulichen Protokoll einer Trilog-Sitzung von Anfang des Monats hervorgeht, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

So wehren sich mehrere Mitgliedstaaten gegen die Pläne, auch sogenannte OTC-Geschäfte, also der Handel außerhalb der Rohstoffbörsen, in die Positionslimits aufzunehmen. Angeführt wird die Gruppe der Gegner einer strengeren Regulierung dem Protokoll zufolge von Großbritannien, das jeden Vorschlag für eine Verschärfung der Richtlinie oder kleinere Schlupflöcher kategorisch ablehnte - und in einigen Punkten Zustimmung vor allem von Tschechien, Schweden oder Dänemark bekam.

Mittlerweile, so heißt es in dem Protokoll, nehme Großbritannien eine Haltung ein, die sogar hinter dem bereits gefundenen Konsens zurückbleibe.