Alternde Gesellschaft Wirtschaft droht Dauer-Durststrecke

Die Zeiten üppiger Wachstumsraten sind unwiderruflich vorbei - davon sind die Experten des Prognos-Instituts überzeugt: Die Ökonomen gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung bis 2035 nur noch durchschnittlich um ein Prozent zunimmt. Hauptproblem: die Überalterung der Gesellschaft.

Stahlarbeiter: Forscher fordern stärkere Erwerbstätigkeit von Frauen
dapd

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Berlin - Deutschland drohen 25 Jahre Konjunkturflaute - diese niederschmetternde Prognose geben die Forscher des Prognos-Instituts. Bis 2035 werde das Bruttoinlandsprodukt im Schnitt nur noch um 1,0 Prozent pro Jahr zulegen, hieß es in dem an diesem Freitag vorgestellten "Deutschland Report" der Forschungseinrichtung.

Damit dürfte Deutschland im Wettbewerb mit den anderen großen Volkswirtschaften der Welt einen schweren Stand haben. Denn in Zeiten, in denen die Wirtschaft hierzulande nur noch Mini-Zuwächse erzielt, verzeichnen China und andere Staaten speziell in Asien fast zweistellige Wachstumsraten.

Am Freitag korrigierte das nationale Statistikbüro in Peking die Zahlen für 2009 kräftig nach oben: Mitten in der Krise ist demnach das chinesische Bruttoinlandsprodukt um 9,1 Prozent gestiegen, weil Industrieproduktion und Dienstleistungen besser abgeschnitten haben als zunächst angenommen. Und nach Überzeugung von Experten ist ein Ende der Dynamik nicht abzusehen.

In Deutschland dagegen machen sich laut Prognos allmählich die Auswirkungen einer verfehlten Gesellschaftspolitik bemerkbar: Die schlechte Integration ausländischer Mitbürger, die geringe Anziehungskraft für gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland und die verbreitete Kinderfeindlichkeit haben dazu geführt, dass die deutsche Gesellschaft mit großem Tempo altert.

"Bei den eingetrübten Wachstumsaussichten stellen die mittelfristigen Folgen der Krise nur einen Faktor dar", sagte Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff. "Langfristig bremst vor allem die ungünstige demografische Entwicklung das Wirtschaftswachstum."

"Deutschland ist Konjunktur-Lokomotive für die EU"

Die Bevölkerung werde ab 2020 noch schneller schrumpfen als heute, erklärt Böllhoff. Daher müsste das gesetzliche Renteneintrittsalter schrittweise angehoben werden und mehr Frauen müssten arbeiten. Gelinge dies nicht, sei selbst das moderate Wachstum von 1,0 Prozent gefährdet. "Eine stärkere Erwerbsbeteiligung trägt auch zur Stabilisierung der Systeme der Sozialen Sicherung bei", heißt es außerdem in der Studie. "Sie hilft zudem, Engpässe am Arbeitsmarkt zu überwinden und dem steigenden Fachkräftebedarf zu begegnen."

2035 wird es der Prognose zufolge noch 2,05 Millionen Arbeitslose geben - rund 1,1 Millionen weniger als derzeit. Die Arbeitslosenquote sinkt demnach von 7,5 auf 5,1 Prozent.

Vorerst kann sich die schwarz-gelbe Koalition noch mit guten Wachstumsaussichten brüsten. Angesichts der ermutigenden Zahlen sprach Wirtschaftsminister Rainer Brüderle bei seiner Regierungserklärung am Donnerstag gar von einem kleinen Job-Wunder. Die deutsche Wirtschaft sei inzwischen die "Konjunktur-Lokomotive für die gesamte Europäische Union", sagte der FDP-Mann und verwies auf mehrere Institute, die ihre Prognose erst jüngst auf durchschnittlich 1,9 Prozent angehoben hatten. Am Freitag legte die Commerzbank sogar noch nach. Deren Volkswirte rechnen inzwischen mit einem BIP-Anstieg im laufenden Jahr um 2,5 Prozent.

Für 2011 sind die Ökonomen ebenfalls zuversichtlich. Obwohl die staatlichen Programme, die die Konjunktur stützen sollen, Ende 2010 größtenteils auslaufen, erwartet das DIW ein Wachstum von 1,7 Prozent. HSBC Trinkaus rechnet mit 1,5 Prozent. "Deutschland fungiert als Konjunkturstütze für die Euro-Zone", sagt HSBC-Chefvolkswirt Stefan Schilbe. Im gesamten Euro-Raum werde die Wirtschaft in diesem nur um 1,2 und im nächsten Jahr um 1,3 Prozent wachsen.

mik/AFP/ddp/Reuters



insgesamt 3183 Beiträge
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beliyana 31.03.2010
1. ....
Zitat von sysopIm Juni ist die Zahl der Erwerbslosen wieder gesunken. Ist die Krise am Arbeitsmarkt jetzt vorbei?
Nein,alles getürkt,schließlich ist im Mai NRW Wahl.
zynik 31.03.2010
2.
Zitat von sysopIm Juni ist die Zahl der Erwerbslosen wieder gesunken. Ist die Krise am Arbeitsmarkt jetzt vorbei?
Der 1. April ist erst morgen. Seit Beginn dieser seltsamen Krise wird zu jedem neuen Statistik-Pups gefragt, ob die Krise denn jetzt vorbei ist. Zumindest wenn es um die Arbeitslosenzahlen geht. Wenn es jedoch um die "Flexibilisierung" des Arbeitsmarktes, Lohndumpung und Abbau von Arbeitnehmerrechten geht, liegt es stets woran? Richtig. Der Krise natürlich. Davon abgesehen gibt es wohl keine Statistik, in der die Zahlen so hemmungslos geschönt und frisiert wurden. Und jeder weiß es. Umso trauriger, dass hinter jeder Zahl ein persönliches Schicksal steckt. Also liebe Leute, der Aufschwung ist da. Zumindest bis zu euer nächsten Gehaltsverhandlung und der Wahl in NRW. Bitte belügt uns weiter, wir wollen es ja nicht anders.
Wolfghar 31.03.2010
3. Aufschwung
Zitat von sysopIm Juni ist die Zahl der Erwerbslosen wieder gesunken. Ist die Krise am Arbeitsmarkt jetzt vorbei?
Ja 300.000 offene Stellen bei nur 6 Millionen Arbeitslosen, von Krise kann keine Rede mehr sein. Das ist der Aufschwung. Und diesen glückseeligen Aufschwung haben wir nur den etablierten Parteien mit ihrer weisen Politik zu verdanken. Also alle wiederwählen in NRW
mexi42 31.03.2010
4. Nein, ...
Zitat von sysopIm Juni ist die Zahl der Erwerbslosen wieder gesunken. Ist die Krise am Arbeitsmarkt jetzt vorbei?
sie ist nicht vorbei, weil es noch keine auskömmlichen Löhne und feste Arbeitsverhältnisse gibt. "Experten" zeichnen sich immer darin aus, dass sie die Wirklichkeit überrascht.
FastFertig, 31.03.2010
5. Experten
Die Experten sagen alles was eintreten kann voraus und derjenige der richtig liegt hat gewonnen. Wenn etwas Eintritt, das gar kein Experte vorhergesagt hat, dann sind die Experten überrascht. Welchen Sinn hat das? Und warum heißen die Experten? Man könnte sie doch "Zigeuner mit Glaskugel" nennen. Das Ergebnis wäre das gleiche, aber man wüßte schon vorher, was man von den Weissagungen zu halten hat.
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