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Neue Zentrale: Diese Städte buhlen um Amazon

Foto: Jordan Stead/Amazon

Buhlen um neue Amazon-Zentrale "Als würde die ganze Welt singen"

Amazon sucht einen neuen Standort für eine zweite Konzernzentrale. 238 Städte reißen sich um den Zuschlag, manche mit Originalität, andere mit plumper Anbiederung. Dabei dürfte der Onlinehändler nicht nur Segen bringen.

Sie werben mit kulinarischen Spezialitäten. Sie verschicken sperrige Pflanzen. Sie schmeicheln mit guter Presse. Sie verplanen ganze Stadtviertel und schwören sogar, sich notfalls umzubenennen.

Buhlen um den Mega-Konzern: Der weltgrößte Onlinehändler Amazon aus Seattle sucht einen neuen, zweiten Hauptsitz - und kaum eine Region in Nordamerika lässt sich diese Chance entgehen. Von New York über Chicago bis hin zum Indianerreservat Tulalip im äußersten US-Nordwesten: Jeder giert auf die Milliardeninvestitionen, die mehr als 50.000 Arbeitsplätze, auf die wohlhabenden Tech-Hipster und auf die urbane "Transformation", die der Zuschlag verheißt.

Kein Wunder, dass das Rennen prompt zur Castingshow mutiert ist, oft so schrill wie die inszenierten Heiratswettbewerbe im Fernsehen - auch dank Amazon selbst. Das Unternehmen macht das Liebeswerben zur Werbetour, bei der am Ende meist nur einer profitieren wird: Amazon selbst.

"HQ2" soll das neue, zweite Hauptquartier heißen, und der jetzigen Zentrale in Seattle "voll gleichberechtigt" sein, verspricht Amazon-Chef Jeff Bezos. Sechs Wochen lang lief die Bewerbungsfrist. Seine relativ banalen "Präferenzen" präzisierte Amazon in einer achtseitigen Broschüre : Mehr als eine Million Einwohner, "stabiles und wirtschaftsfreundliches Umfeld", "große, kreative" Visionen für einen "Downtown-Campus".

Am Ende gingen 238 Anträge ein, aus 54 Staaten, Provinzen und Territorien in den USA und Kanada. Darunter die üblichen Verdächtigen (Atlanta, Boston, Denver, San Francisco), aber auch unerwartete Kandidaten - etwa Louisville in Kentucky, der kalifornische Olympia-Trainingsort Chula Vista und Winnipeg, Hauptstadt der zentralkanadischen Provinz Manitoba.

Wie sticht man da heraus? Nicht nur Qualifikation scheint gefragt, sondern mehr noch Originalität - und der gelegentliche Mut zu skurrilen Gimmicks.

  • New York City strahlte seine Wahrzeichen - One World Trade Center, Empire State Building, Brooklyn Bridge - in "Amazon-Orange" an. Die 8,5-Millionen-Stadt baut auf ihre Olympiabewerbung 2012 auf, die zwar erfolglos war, doch ein neues Wolkenkratzerviertel schuf. Die Amazon-Bewerbung konzentriert sich auf die aktuellen In-Stadtteile Brooklyn und Queens.
  • Die Autometropole Detroit verklärt ihren Absturz und ihre Wiederauferstehung seither zur poetischen Heldensaga. In einem Jubelvideo  spielen die Platzhirsche GM, Ford und Chrysler tragende Rollen, aber auch Techno, Motown, Art-déco, Monarch-Schmetterlinge - sowie die kanadische Nachbarstadt Windsor. Was nicht vorkommt: Detroits relativ hohe Kriminalitätsrate.
  • Kansas City wählte Product Placement: Bürgermeister Sly James kaufte 1000 Amazon-Waren und schrieb für alle kreative Bewertungen , verknüpft mit Wissenswertem über die Stadt. So klingt ein Veranda-Windspiel für 14,99 Dollar, "als wenn die ganze Welt singt", und erinnert ihn an die niedrigen Immobilienpreise in seiner Stadt. Alle gekauften Produkte spendete James an wohltätige Zwecke.
  • Dallas umschmeichelt Bezos mit einem Leitartikel in der "Dallas News": Der Amazon-Boss komme zwar nicht aus Texas, passe aber bestens dorthin. Der nahe, halbfertige Ort Frisco dagegen verspricht, den Rest seiner Stadtplanung Amazon zu überlassen.
  • Albuquerque in New Mexico, wo Bezos geboren wurde, setzt auf Heimweh. "Jeff, komm nach Hause", sagt Bürgermeister Richard Berry.
  • Tucson im benachbarten Arizona versuchte, Bezos einen Sechs-Meter-Kaktus zu schicken. Der Amazon-Chef reichte ihn weiter an einen Botanischen Garten.
  • Stonecrest in Georgia mag mit seinen 53.000 Einwohnern den Größenanforderungen Amazons nicht genügen. Dafür schwört es, einen Ortsteil auszugliedern und in "Amazon, Georgia" umbenennen zu wollen - und Bezos zum Bürgermeister auf Lebenszeit zu ernennen.

Andere Städte wählten konventionellere Argumente, von Steuervorteilen bis zu futuristischer Stadtplanung. Boston wiederholt die Bewerbung, mit der es schon General Electric anlockte. Washington hofft auf Heimvorteil: Bezos kaufte 2013 die "Washington Post" und baut gerade ein altes Textilmuseum zur größten Villa der Stadt um.

Dabei zeigt Seattle, dass Amazon nicht nur Freude bringt. Dank des Web-Konzerns, der 1994 dort gegründet wurde, wuchs die Stadt zur Tech- und Handelszentrale - ein Boom, der bereits von Starbucks und Microsoft angestoßen worden war. Doch der Aufschwung hat, ähnlich wie im Silicon Valley, auch Schattenseiten. Die Immobilienpreise sind explodiert, die Einkommensschere klafft immer weiter auseinander, Gentrifizierung vertreibt Alteingesessene. "Freut euch nicht zu früh", warnt "New York Times"-Kolumnist Timothy Egan, der aus Seattle stammt, die Amazon-Buhler.

Dem texanischen San Antonio war all das Feilschen denn auch zu unfein. "Unsere Farm zu verschenken", schrieb der Stadtrat an Bezos, "ist nicht unser Stil."

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