Erfolgreicher Widerstand gegen Amazon in New York Annahme verweigert

Weil die Anwohner rebellierten, hat Amazon-Chef Jeff Bezos den Bau der neuen Konzernzentrale in New York kurzerhand abgesagt. Aus Feigheit - oder aus Arroganz?

Protest gegen Amazon in New York
AFP

Protest gegen Amazon in New York

Von , Washington


Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben. Viele Spekulanten dürften daher am Donnerstag eine Entscheidung bitter bereut haben, die noch am Tag zuvor ein todsicherer Anlagetipp schien: Immobilien im New Yorker Stadtteil Queens.

Seit Amazon im November angekündigt hatte, am East River eine weitere Unternehmenszentrale zu errichten, rannten die Kaufinteressenten den Maklern die Türen ein. "Binnen eines Lidschlags" habe sich der Markt in Long Island City gedreht, so der Luxusvermarkter Stribling & Associates. Dank Amazon mussten die Verkäufer in LIC nicht mehr länger um die Kunden buhlen, sondern umgekehrt. Im Apartmentgebäude Corte stiegen die Preise über Nacht um 30.000 Dollar, ein Käufer aus Übersee bot unter Verzicht auf einen Besichtigungstermin gleich zwei Millionen Dollar für eine der Wohnungen. Als die Maklerin nach einer halben Stunde nicht reagiert hatte, legte der Interessent noch mal 20.000 Dollar drauf.

Subventionen verärgern Linke und Liberale

Doch nun ist die Goldgräberstimmung so plötzlich verflogen, wie sie aufloderte. Amazon Chart zeigen hat den Bau des 400.000-Quadratmeter-Campus in New York storniert - dem Konzern wurde der Widerstand vor Ort gegen HQ2 zu lästig. Zwar hätten 70 Prozent der New Yorker die Pläne unterstützt, erklärte das Unternehmen beleidigt, aber: "Eine Reihe von Lokal- und Bundesstaatspolitikern haben klar gemacht, dass sie unsere Präsenz ablehnen und nicht mit uns an den notwendigen Beziehungen arbeiten wollen, um das Projekt fortzusetzen". Anders gesagt: zu unseren Bedingungen oder gar nicht.

Tatsächlich hatten viele Anwohner, Gemeindevertreter und Aktivisten dagegen protestiert, dass die Stadt für Amazon den roten Teppich ausrollt. Sie fürchteten, dass die Ansiedlung von bis zu 25.000 Tech-Jobs in dem schnell wachsenden Stadtteil eine Turbo-Gentrifizierung zu Lasten der sozial Schwachen und den Kollaps der ohnehin überlasteten U-Bahn auslösen würde.

Amazon-Zentrale in Seattle
REUTERS

Amazon-Zentrale in Seattle

Den Missmut steigerte, dass die sonst verfeindeten Bürgermeister Bill de Blasio und Gouverneur Andrew Cuomo ("Wenn nötig, ändere ich meinen Namen in Amazon Cuomo"), dieses Mal gemeinsam Standortpolitik im Hauruck-Verfahren betrieben. Amazon, das an der Börse zwischenzeitlich mehr als eine Billion Dollar wert war und seinen Gründer Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht hat, sollte zudem ein fettes Begrüßungsgeld erhalten: Die Finanzmetropole und der Bundesstaat haben Subventionen von insgesamt bis zu drei Milliarden Dollar zugesagt. Einen Hubschrauber-Landeplatz für Bezos gab's noch obendrauf.

Lesen Sie hier: Konzerne als Miettreiber - Microsoft bietet Seattle 500 Millionen Dollar

All dies hat eine Protestwelle ausgelöst, die Ultralinke einmal mit Ordoliberalen einte. Die sozialistische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez kritisierte die Subventionen - genauso wie die Heimatzeitung des Big Apple, die "New York Times" und das marktliberale "Wall Street Journal", das sich über "kapitalistische Vetternwirtschaft der schlimmsten Art" erregte. Viele Kritiker fragten sich, warum die globale Finanzmetropole, die mit ihrem Kulturangebot, Universitäten, Parks und einzigartigem Flair Talente aus aller Welt anzieht, bei Amazon als Bittsteller auftreten musste.

Gewohnt, umschwärmt zu werden

Auch Google und Facebook haben Zentralen in New York, Twitter betreibt sein zweigrößtes Büro in Manhattan. Google hat angekündigt, die Zahl seiner Beschäftigten auf fast 20.000 zu verdoppeln - ganz ohne Staatshilfen. "Nicht die 99 Prozent sollten beweisen müssen, dass sie die Ein-Prozent-Präsenz in unserer Gemeinde wert sind. Sondern Amazon sollte beweisen, dass es ein verantwortungsvoller Unternehmensnachbar ist", hatten der Queens-Stadtrat Jimmy Van Bramer und der Bundesstaats-Senator Michael Gianaris nach Amazons Standortentscheidung gefordert. Gianaris sitzt in einem Gremium, das der Ansiedlung zustimmen muss. Ob er sich am Ende wirklich gegen Amazon gestellt hätte, ist allerdings fraglich.

Doch das wollte Amazon nicht abwarten. Bezos' Konzern ist es gewohnt, umschwärmt zu werden. 238 Städte und Gemeinden hatten sich während des 14-monatigen Bieterwettbewerbs um das HQ2 dem Unternehmen aus Seattle angedient. Sie hatten mit Steuernachlässen, preiswertem Bauland und anderen Vergünstigungen geworben. Am Ende entschied sich Amazon für die üblichen Verdächtigen: die Metropolen New York und Washington. Die ewigen Verlierer in der Provinz gingen leer aus.

Amazon hat erklärt, man werde keinen Ersatz für New York suchen. Trotzdem hofft zumindest einer der Verlierer, nun als zweite Wahl zum Zug zu kommen. Er habe Amazon schon kontaktiert, ließ der Gouverneur von New Jersey, Phil Murphy, wissen. "New Jersey ist offen für Geschäft." Im Sinne von offen für ein neues Amazon-Hauptquartier. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio gab sich dagegen trotzig: Amazon, erklärte er, sei eben nicht hart genug, um es in seiner Stadt zu schaffen.

insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hausfeen 15.02.2019
1. Erstaunlich aufgeklärt, die New Yorker. Sensibilisiert.
Zumal anders herum wird hoffentlich ein ländliches Gebiet profitieren. Irgendwo zwischen zwei oder drei Großstädten gelegen. Gerade in den USA wird doch immer wieder die Diskrepanz von Stadt und Land beklagt. Hoffentlich wird jetzt die Chance genutzt, um da gegenzusteuern.
karlo1952 15.02.2019
2. Würden die Unternehmen nicht
mit Steuernachlässen und sonstigen Vergünstigungen umworben, wäre eine Standortentscheidung viel fairer. So hat immer der Standort den Vorteil, der am meisten Geld zu verschenken hat. Damit scheiden kleine Gemeinden automatisch aus dem Rennen.
schnabelnase 15.02.2019
3. Feige oder arrogant?
25.000 neue Tech-Jobs in der Stadt, größtenteils gut bezahlt, enorme Kaufkraft für die Umgebung. Die wirtschaftlichen Vorteile haben beide Seiten, Amazon und New York. Warum soll es dann verwerflich sein, dem Unternehmen ein gutes Angebot zu machen, wenn es sich ansiedelt? Gut, nun gab es erheblichen Widerstand der Anwohner und einflussreicher Politiker, aufgrund sozialer Bedenken. So hat es keinen Sinn. Dann lässt man es halt bleiben. Das ist doch auch, was die Protestler wollten. Den Rückzug jetzt wahlweise als feige oder arrogant zu bezeichnen - darauf muss man erst einmal kommen. Wie wäre es mit "vernünftig"? Für beide Seiten.
wizzard74 15.02.2019
4. Was genau will man denn jetzt?
Ich finde es ja auch gut, wenn das Ganze zu einer Dezentralisierung von Arbeitsplätzen beiträgt. Aber der Tenor des Artikels ist schon befremdlich. Kommt Amazon, ist es nicht recht, lassen sie es sein, ist es auch nicht recht. Dann schreibt doch gleich, dass ihr Amazon mit seiner Marktmacht Sch... findet. Ist ja auch nachvollziehbar, da derlei Quasi-Monopole die Marktwirtschaft aushebeln. Aber sagt doch gleich direkt, was ihr meint.
larsmach 15.02.2019
5. 120.000 USD pro Arbeitsplatz durch staatl. Zuschüsse!
Amazon (wie auch andere US-Konzerne) genießen Zuschüsse in Milliardenhöhe - gerade bei "Umzugsaktionen". Schnell scheinen Volksvertreter dabei die Arithmetik und jedes Maß aus den Augen zu verlieren... Foxconn in Wisconsin: 219.000 US-Dollar pro Arbeitsplatz, amazon (gem. Angebot aus New York): 120.000 US-Dollar pro Arbeitsplatz ...usw. usw.. Dabei geht es nicht etwa nur um verrechenbare Tax Credits: Wenn das Unternehmen für die neue Fertigung/Niederlassung gem. Steuererklärungen keine Steuern zahlen muss, bekommt es die Summen TROTZDEM vom Staat "zurück". Stellen Sie sich vor, Sie gründen eine Firma (z.B. Handwerk), stellen 20 Logistiker, einen "Manager" usw. ein - und kassieren von Ihrer Gemeinde 120.000 EUR Zuschuss pro Nase (im Beispiel wären das 2,5 Mio EUR "Starthilfe" für Ihren Handwerksbetrieb!!!). - Richtig: Die Angebote von KfW & Co sind ein Witz dagegen, und Ihr Handwerksbetrieb ist derjenige, der die Steuern für solche Geschenke an Multi-Milliardäre überhaupt zahlen muss!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.