Onlinehändler EU-Kommission wirft Amazon Verstöße gegen Kartellregeln vor

Amazon verstößt nach Einschätzung der EU-Wettbewerbshüter gegen Kartellvorschriften. Das Unternehmen soll nicht öffentliche Geschäftsdaten von unabhängigen Händlern für das eigene Geschäft nutzen.
Amazon-Büros in New York: Faire Wettbewerbsbedingungen?

Amazon-Büros in New York: Faire Wettbewerbsbedingungen?

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Mark Lennihan / AP

Die Wettbewerbshüter der Europäischen Union werfen Amazon vor, seine Marktmacht zulasten unabhängiger Händler auf der Plattform zu missbrauchen. Sie habe ein Kartellverfahren gegen den weltweit größten Onlinehändler eingeleitet und verdächtigen das Unternehmen, nicht öffentliche Geschäftsdaten der unabhängigen Händler systematisch für das eigene Geschäft zu nutzen, teilte die EU-Kommission mit.

Nach einer vorläufigen Prüfung verstoße das US-Unternehmen "durch Verfälschung des Wettbewerbs auf Online-Einzelhandelsmärkten gegen die EU-Kartellvorschriften", hieß es. Das Unternehmen wies die Vorwürfe zurück. "Wir stimmen mit den vorläufigen Annahmen der Europäischen Kommission nicht überein und werden auch weiterhin unser Möglichstes tun, um sicherzustellen, dass sie von einer zutreffenden Sachlage ausgeht", teilte eine Amazon-Sprecherin mit. Sie verwies darauf, dass ihre Firma mehr als 150.000 europäischen Händlern eine Plattform biete, die Milliardenumsätze erwirtschafteten. Die Aktie des Konzerns gab in den USA dennoch vorbörslich nach.

Sollten die Wettbewerbshüter nun Verstöße feststellen, könnte auf Amazon eine milliardenschwere Strafzahlung zukommen. Wenn Unternehmen gegen die Wettbewerbsvorschriften der EU verstoßen, riskieren sie Geldbußen in Höhe von bis zu zehn Prozent ihres weltweiten Jahresumsatzes. Die Erlöse von Amazon beliefen sich 2019 auf rund 280,5 Milliarden Dollar.

Vestager knöpft sich nach Google nun Amazon vor

"Daten über die Tätigkeit unabhängiger Verkäufer sollten von Amazon nicht zum eigenen Vorteil genutzt werden, wenn das Unternehmen mit diesen Verkäufern konkurriert", erklärte die zuständige Wettbewerbskommissarin, Margrethe Vestager, das Vorgehen gegen Amazon. Die Wettbewerbsbedingungen auf der Amazon-Plattform, so die linksliberale dänische Politikerin, müssten fair sein. Es müsse verhindert werden, dass "Plattformen mit Marktmacht" ihre Position ausnutzen.

Vestager steht schon lange im Ruf, die Marktmacht der großen Digitalkonzerne brechen zu wollen. "Sie werden es nicht glauben, aber man kann im Internet einkaufen, ohne bei Amazon zu bestellen", sagte sie im Frühjahr im SPIEGEL-Interview . In den vergangenen Jahren hatte die Behörde der Kommissionsvizepräsidentin zudem bereits Milliardenstrafen wegen Kartellverstößen gegen Google verhängt.

Im Fall Amazon hatten die Wettbewerbshüter der Kommission bereits im Juli 2019  eine Untersuchung wegen möglicherweise illegaler Geschäftspraktiken eingeleitet. Dabei gehen sie vor allem der Frage nach, ob der Konzern auf unfaire Weise mit anderen Händlern konkurriert, die seine Plattform nutzen. Dies ist zumindest theoretisch möglich, weil Amazon nicht nur selbst als Einzelhändler Waren verkauft, sondern seine Internetseite auch als Plattform für andere Händler zur Verfügung stellt.

Zu den Beschwerdepunkten schreibt die EU-Kommission nun, die Ergebnisse der Untersuchung zeigten, dass den Mitarbeitern des Einzelhandelsgeschäfts von Amazon sehr große Mengen nicht öffentlicher Verkäuferdaten zur Verfügung stünden, die direkt in die automatisierten Systeme des Geschäfts fließen, wo sie aggregiert und genutzt werden, um Endkundenangebote und strategische Geschäftsentscheidungen von Amazon auszutarieren. Dies sei zum Nachteil der anderen Verkäufer auf dem Marktplatz.

Amazon könne so beispielsweise seine Angebote auf diejenigen Produkte einer Kategorie konzentrieren, die sich am besten verkauften und seine Angebote auf der Grundlage nicht öffentlicher Daten konkurrierender Verkäufer anpassen. Die Kommission teilte mit, Amazon habe nun die Möglichkeit, sich zu den Beschwerdepunkten zu äußern.

apr/dpa/AP/AFP
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