Logistikzentrum Bad Hersfeld Zahl der Corona-Fälle bei Amazon schnellt hoch

Das Coronavirus breitet sich an einem Standort von Amazon aus. Nach SPIEGEL-Informationen hat sich die Zahl der Infizierten auf mindestens 17 erhöht, die Belegschaft ist verunsichert.
Foto: Swen Pförtner/ picture alliance/ dpa

In einem Amazon-Logistikzentrum im hessischen Bad Hersfeld häufen sich die Corona-Infektionen. Nach SPIEGEL-Informationen wurden in den vergangenen Tagen mindestens neun weitere Mitarbeiter des Standortes "FRA3" positiv auf das Sars-CoV-2-Virus getestet. Damit beläuft sich die Zahl der entdeckten Fälle in diesem Logistik-Zentrum auf mindestens 17. Drei Infizierte sind mittlerweile wieder genesen; die übrigen 14 Mitarbeiter sowie mindestens acht Kontaktpersonen stehen unter Quarantäne.

"Wir entwickeln uns zu einem Corona-Hotspot", sagte ein Mitarbeiter des "FRA3"-Standortes. "Vielleicht sind wir es auch schon jetzt." Während bundesweit die Zahl der Covid-19-Neuinfektionen sinkt, schnellt sie bei Amazon in Bad Hersfeld hoch. Bis vor drei Wochen gab es hier nur zwei bestätigte Fälle; nun sind es schon mindestens 17. Im Betrieb kursierten Gerüchte, dass es noch viel mehr Infizierte gebe, sagte ein Belegschaftsmitglied dem SPIEGEL. Die Verunsicherung werde immer größer.

Mitarbeiter des Gesundheitsamts des Landkreises Hersfeld-Rotenburg hatten kurz vor Pfingsten "FRA3" besucht und eine Maskenpflicht angeordnet. Trotz der neuen Fälle in den vergangenen Tagen habe die Behörde aber keine weiteren Schutzmaßnahmen eingeleitet, kritisiert Manuel Sauer, Fachsekretär Handel bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di Nordhessen. "Das Gesundheitsamt muss jetzt umfassende Testungen der Mitarbeiter starten" - so wie dies in Schlachthöfen oder anderen Corona-Hotspots seit Wochen geschehe.

Betriebsrat spricht sich gegen Neueinstellungen aus

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Das Amt mauert. Einen Fragenkatalog des SPIEGEL beantwortete die zuständige Pressestelle des Landkreises nicht - und erklärte nur, man gebe "keine Einzelheiten zu individualisierbaren Unternehmen heraus".

Der Bad Hersfelder Amazon-Betriebsrat hat nun eine Erklärung verabschiedet, in der er sich gegen Neueinstellungen am Standort ausspricht. So könne das Risiko weiterer Infektionen verringert werden, sagt Ver.di-Sekretär Sauer. Amazon könnte in Bad Hersfeld auch gegen das Veto des Betriebsrats neue Leute anheuern, bräuchte dafür aber einen entsprechenden Beschluss eines Arbeitsgerichts.

Ein Amazon-Sprecher verschickte auf Anfrage ein allgemein gehaltenes Statement. "Die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter hat für uns höchste Priorität", hieß es. Man arbeite seit Beginn "dieser Situation" eng mit den lokalen Behörden zusammen, um "proaktiv tätig zu sein und sicherzustellen, dass wir unsere Mitarbeiter und Partner mit den richtigen Maßnahmen schützen." Seit Ende März habe man mehr als 150 Arbeitsprozesse in Bad Hersfeld umgestellt und proaktive Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergriffen, "darunter verstärkte Reinigung, Temperaturmessung beim Betreten des Gebäudes, Gesichtsschutz, Desinfektionsmittel und weitere Maßnahmen um den Abstand am Arbeitsplatz sicherzustellen".

Konkrete Fragen des SPIEGEL zur Ausbreitung des Virus, möglichen weiteren Schutzmaßnahmen und den Konflikten in dem Bad Hersfelder Logistikzentrum beantwortete der Konzernsprecher nicht. Auch an anderen deutschen Amazon-Standorten hat es seit Ausbruch der Pandemie Infektionen gegeben. In Pforzheim gab es mindestens sieben Fälle; in Winsen an der Luhe wurde das Virus bei mindestens 53 Menschen entdeckt. Laut dem Fernsehsender CNBC haben in den USA drei Amazon-Mitarbeiter Klage bei Gericht gegen ihren Arbeitgeber eingeleitet: wegen ihrer Ansicht nach zu laxer Schutzmaßnahmen. Amazon weist die Vorwürfe zurück.