Millionenschwerer Aktienverkauf Amazon-Chef Bezos macht Kasse

Die Amazon-Aktie ist derzeit im Höhenflug. Das kommt auch Konzernchef Jeff Bezos zugute. Der verkaufte Anteilspapiere - und konnte mehr als eine halbe Milliarde Dollar einstreichen.

Amazon-Chef Bezos: Gutes Gespür
DPA/ Blue Origin

Amazon-Chef Bezos: Gutes Gespür


Jeff Bezos pflegt seinen Ruf als risikofreudiger Unternehmer und kokettiert auch gern mal damit, schon einige Milliarden Dollar in den Sand gesetzt zu haben. Doch wenn es darauf ankommt, hat der Amazon-Gründer ein gutes Gespür dafür, wie man Kasse machen kann. Denn Bezos hat diese Woche Aktien des weltgrößten Onlinehändlers im Wert von mehr als einer halben Milliarde Dollar zu Geld gemacht.

Jeff Bezos trennte sich seit Montag von gut einer Million Anteilsscheine im Rahmen eines langfristigen Verkaufsplans, wie Amazon mitteilte. Den Zeitpunkt hat er offenbar gut getroffen. Die Aktie notiert aktuell auf einem Hoch bei 537 Dollar. Der 51-Jährige hält nach den jüngsten Verkäufen noch knapp 83 Millionen Amazon-Aktien Chart zeigen im aktuellen Wert von rund 44,5 Milliarden Dollar.

Bezos verkauft Aktien von Zeit zu Zeit und finanzierte unter anderem den 250 Millionen Dollar schweren Kauf der Zeitung "Washington Post" aus seinem Privatvermögen.

Mitarbeiter ausbeuten, Steuern wegtricksen, Marktmacht missbrauchen, Kunden manipulieren und Buchhandlungen kaputt machen? Der Amazon-Check zeigt, was an den Vorwürfen gegen das Unternehmen dran ist. Klicken Sie auf die Bilder, um zum nächsten Abschnitt zu gelangen.

Vorwurf eins: Amazon missbraucht seine Marktmacht

Das Argument: In vielen Marktbereichen (Online-Buchhandel, Handel mit E-Books, digitalen Hörbüchern) besitzt Amazon einen sehr hohen Marktanteil und nutzt seine Nachfragemacht gegenüber Lieferanten missbräuchlich aus, um Preissenkungen zu erzwingen. Die Verlage können sich dem nicht widersetzen, weil sie es sich nicht leisten können, nicht an Amazon zu liefern.

Das Gegenargument: "Nur weil ein Unternehmen eine hohe Marktmacht besitzt und bei Lieferanten auf Preissenkungen drängt, heißt das noch nicht, dass das Unternehmen seine Macht missbraucht", sagt Felix Weidenbach, Spezialist für Wettbewerbsrecht bei der Kanzlei Baker Tilly Roelfs in München. Harte Verhandlungen seien im Geschäftsleben üblich und kämen in Form niedriger Preise auch den Kunden zugute. "Entscheidend ist", so Weidenbach, "dass den Forderungen nach niedrigeren Preisen immer auch eine Gegenleistung gegenüberstehen muss, zum Beispiel in Form von niedrigeren Kosten für den Lieferanten." Das könne bei der Forderung nach niedrigeren Preisen für E-Books im Vergleich zu gedruckten Büchern durchaus der Fall sein, schließlich fielen in der elektronischen Variante für die Verlage keine Druck- und Transportkosten an.

Fazit: Wie viele große Einzelhändler setzt Amazon seine Lieferanten unter starken Preisdruck. Ob die Grenze zum Missbrauch überschritten ist, hängt davon ab, ob Amazon die Lieferanten ohne Gegenleistung "anzapft". Ein derzeit bei der EU-Kommission anhängiges Wettbewerbsverfahren könnte diese Frage anhand von konkreten Vertragsdokumenten und Kostenberechnungen klären. Generell, so Wettbewerbsrechtler Weidenbach, gelte aber: "Das Kartellrecht schützt keine Geschäftsmodelle und keine Vertriebswege". Soll heißen: Nur weil es Buchhandlungen und Verlagen im Internetzeitalter schlechter geht als bisher, können sie nicht automatisch die Schuld bei Amazon suchen.

Vorwurf zwei: Steuervermeidung

Das Argument: Amazon geht bis an den Rand des Legalen, um seine Steuerzahlungen zu minimieren. Bereits den Firmensitz in Seattle wählte Bezos nur, um Steuern zu sparen. Damals musste Amazon nur für jene Bestellungen Mehrwertsteuer abführen, die aus dem Bundesstaat des Firmensitzes kamen - Seattle liegt in Washington, und dieser Staat hat erfreulich wenig Einwohner. Die Gewinne des Europageschäfts wiederum lässt Amazon bislang größtenteils bei einer Holdinggesellschaft in Luxemburg anfallen. Dank eines Deals mit den dortigen Steuerbehörden fallen auf diese Gewinne nur minimale Steuern an.

Das Gegenargument: Stimmt, Amazon tut alles, um Steuern zu vermeiden. Allerdings bedienen sich viele US-Konzerne dieser Methoden - und die Politik hat durchaus die Möglichkeit, solchen Praktiken einen Riegel vorzuschieben. In den USA muss Amazon inzwischen für Käufe aus den meisten Bundesstaaten Umsatzsteuer abführen. In Europa sollen sich die Staaten künftig zumindest wechselseitig darüber informieren müssen, wenn sie einzelnen Konzernen Steuerdeals anbieten. Und Amazon hat inzwischen angekündigt, Verkäufe in Deutschland künftig auch in Deutschland zu verbuchen.

Fazit: Amazon verhält sich in Steuerfragen nicht anders als andere multinationale Konzerne - was die Sache aber nicht besser macht. Gerade Amazon profitiert in seinem Logistikgeschäft von mit Steuergeld errichteten Straßen, von Rechtssicherheit und qualifizierten Mitarbeitern und sollte seine Steuern deshalb dort zahlen, wo auch die realen Umsätze anfallen. Dass Amazon-Verkäufe in Deutschland künftig nicht mehr in Luxemburg verbucht werden, lässt immerhin hoffen.

Vorwurf drei: Ausbeutung

Das Argument: In den Amazon-Logistikzentren in Deutschland müssen Mitarbeiter ohne Tarifvertrag und teilweise ohne Betriebsrat zu Niedriglöhnen schuften. Leiharbeiter werden noch schlechter behandelt - wie eine Fernsehreportage 2013 aufdeckte. Und auch in den USA haben es die Gewerkschaften bislang nicht geschafft, bei Amazon Fuß zu fassen.

Das Gegenargument: Die Missstände bei der Unterbringung und Überwachung von Leiharbeitern will Amazon abgestellt haben. Mittlerweile gibt es nach Unternehmensangaben in allen deutschen Amazon-Logistikzentren Betriebsräte. Tatsächlich weigert sich Amazon, den Tarifvertrag für die Einzelhandelsbrache zu unterschreiben. Allerdings gilt dieser Tarifvertrag als derart veraltet, dass sich auch vermeintliche Vorzeige-Arbeitgeber der Branche nicht an ihn halten. Der niedrigste Einstiegslohn, den Amazon in Deutschland zahlt, liegt laut Firmenangabe bei 9,75 Euro pro Stunde im Logistikzentrum Leipzig. Das ist nicht viel, aber immerhin deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde - und mehr, als ungelernte Kräfte in Ostdeutschland in den meisten anderen Jobs verdienen.

Fazit: Amazon, geprägt von extremem Wettbewerbsgeist, tut sich schwer mit so manchen traditionellen Spieleregeln, die zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Deutschland herrschen. Andererseits hat Amazon viele Arbeitsplätze in wirtschaftsschwachen Regionen und gerade auch für Geringqualifizierte geschaffen - denen ergeht es bei anderen Arbeitgebern oft noch wesentlich schlechter.

Vorwurf vier: Amazon zerstört den traditionellen Buchhandel

Das Argument: Amazon nutzt seine Marktmacht, um gegenüber den Verlagen extrem hohe Rabatte herauszuschlagen. Bei diesen Niedrigpreisen können traditionelle Buchhandlungen nicht mithalten und werden rücksichtslos verdrängt.

Das Gegenargument: Zumindest in Deutschland werden Buchhandlungen durch die Buchpreisbindung vor Preiswettkämpfen geschützt. Auch vor Amazon galten kleine Buchhändler schon als bedroht. Damals waren die Bösewichte die großen Handelsketten wie Thalia oder Hugendubel (in Deutschland) oder Barnes & Nobles oder Borders (in den USA), die nun selbst durch Amazon unter Druck geraten.

Fazit: Auch ohne Amazon hätten es kleine Buchhandlungen schwer - doch der Online-Versender macht es ihnen noch schwerer. Zumindest in Deutschland aber landen die Buchkunden nicht wegen niedriger Preise bei Amazon (die Bücher kosten ja genausoviel wie in der Buchhandlung an der Ecke), sondern wegen des meist guten Service und der großen Auswahl.

Vorwurf fünf: Amazon manipuliert die Kunden

Das Argument: Amazon-Kunden erhalten regelmäßig Produktempfehlungen auf der Website und per E-Mail. Die meisten Kunden glauben wahrscheinlich, dass diese Tipps stets auf ihren bisherigen Käufen und den Käufen anderer Kunden beruhen - und nehmen die Empfehlungen entsprechend ernst. Doch tatsächlich können Anbieter sich Plätze in diesen Empfehlungen kaufen. Und wenn Amazon mal wieder Krach mit einem Verlag hat, müssen Kunden bei Amazon plötzlich Wochen auf dessen Produkte warten.

Das Gegenargument: Auch in normalen Läden müssen die Hersteller für eine bessere Platzierung im Regal zahlen - und der Kunde merkt nichts davon. Außerdem helfen die Einnahmen aus dem Empfehlungsprogramm, die Preise niedrig zu halten.

Fazit: Amazon behauptet, das Interesse des Kunden stets obenan zu stellen. Die manipulierten Empfehlungslisten gehören ganz sicher nicht dazu. Ebensowenig, wie dem Kunden Produkte vorzuenthalten, nur weil man gerade Ärger mit dem Lieferanten hat.

mmq/dpa-AFX

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
HEK 06.08.2015
1. Endlich einmal eine seriöse Auseinandersetzung ...
... mit den Vorwürfen gegen Amazon. De Facto verhält sich Amazon eher besser als andere Arbeitgeber, inbesondere bei der Entlohnung. Unsere Tageszeitung hat den Abopreis um 20% erhöht und dies mit den nun geltenden Mindestlöhnen für die Austräger begründet, obwohl dies wegen einer Übergangsfrist erst im nächsten Jahr zum Tragen kommt. Auch völlig richtig und wichtig der Verweis auf die Buchpreisbindung in Bezug auf die Verunglimpfungen Amazons durch die Buchhändler. Amazon ist nicht billiger. Mehr noch: auch der Buchhändler kann jedes Buch zum selben Preis binnen eines Tages beschaffen. Aber: Amazon investiert sehr viel in seine Produktpräsentation - nicht nur bei Büchern. In vielen Büchern kann ich probeweise blättern oder eine Leseprobe auf meinen Kindle laden. Beurteilungen anderer Kunden helfen mir, das Buch vor dem Kauf richtig einzuschätzen. Und Suchstichworte oder stufenweises Eingrenzen der gewaltigen Auswahl (allein im Bereich Belletristik - nur zum Beispiel - sind über 300.000 Bücher aufrufbar) helfen mir besser das passende Buch zu finden als der oft subjektive Rat eines Buchhändlers. Ich sage immer Buch, meine für mich aber E-Books. Auf meiner letzten vierwöchigen Italienreise hatte ich ca. 170 Bücher dabei - in meinem Kindle. Darauf hat der Buchhandel keine sachliche Antwort parat.
territrades 06.08.2015
2. Weniger als 2%
Die Überschrift klingt reißerisch, aber im Text wird klar: Er hat weniger als 2% seiner Anteile verkauft. Mit der Hälfte steigt er in der Washington Post ein, die andere Hälfte nimmt er wahrscheinlich zum Leben. Insgesamt alles andere als dramatisch.
dbrown 06.08.2015
3. Mag alles sein,
was HEK da schreibt. Dennoch: Bücher kauft man lokal ein, in Läden, die ihre Steuern bezahlen. Elektronik bekommt auch überall. Amazon hält, allerhöchstens, als Preisvergleich her, ansonsten ist dieser Laden Geschichte! Und daß ein Herr Bezos sozial sei, das halte ich für ein Gerücht! Sicher sind nicht alle anderen Arbeitgeber besser als er, aber jemand, der so einen Reibach macht, hat seine Angestellten teilhaben zu lassen. Fazit: Amazon, nein danke.
kategorien 06.08.2015
4. Na ja
Ich habe keine Lust Bezos zu verteidigen, aber ich musste doch etwas zu meinen albernen Vorrednern schreiben. Bezos ist ein berühmter Multimilliardär und verkauft also einen winzigen Teil seines Aktienpaketes bei Amazon. Man kann neidisch auf ihn sein oder daraus eine Kapitalismuskritik formen, aber: Amazon ist keineswegs "bald Geschichte". Das ist doch albern. Amazon ist ein riesiger neuer Konzern, der sehr gut läuft. In Deutschland gibt es seit Jahrzehnten keine neuen Konzerne, vielleicht fällt es daher so schwer Amazons und Betos Position zu begreifen.
muellerthomas 06.08.2015
5.
Zitat von dbrownwas HEK da schreibt. Dennoch: Bücher kauft man lokal ein, in Läden, die ihre Steuern bezahlen. Elektronik bekommt auch überall. Amazon hält, allerhöchstens, als Preisvergleich her, ansonsten ist dieser Laden Geschichte! Und daß ein Herr Bezos sozial sei, das halte ich für ein Gerücht! Sicher sind nicht alle anderen Arbeitgeber besser als er, aber jemand, der so einen Reibach macht, hat seine Angestellten teilhaben zu lassen. Fazit: Amazon, nein danke.
Lassen Sie sich bei jedem Einkauf den Steuerbescheid zeigen? Und an welche Buchläden denken Sie da? Thalia, die letztlich zur "Heuschrecke" CVC Capital Partners gehört?
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