Amazon und die Pandemie Der Krisengewinner

Der US-Einzelhandel kollabiert in der Coronakrise - und Onlinegigant Amazon zementiert seine Marktmacht. Doch die Kritik am Umgang des Konzerns mit seinen Mitarbeitern wächst.
Von Ines Zöttl, Washington
Amazon-Lagerhaus in Phoenix (US-Bundesstaat Arizona): Onlineanbieter sind in der Krise besonders gefragt

Amazon-Lagerhaus in Phoenix (US-Bundesstaat Arizona): Onlineanbieter sind in der Krise besonders gefragt

Foto: RALPH D. FRESO/ REUTERS

Beim Biosupermarkt Whole Foods in Washington kaufen die ein, die es sich leisten können: Überwiegend weiße Mittelschichtamerikaner mit guten Jobs, die fürs Ökogemüse bereitwillig ein paar Dollar mehr hinlegen.

Doch in diesen Tagen sind in der Whole-Foods-Filiale im Stadtteil Capitol Hill auffallend viele junge Afroamerikaner unterwegs. Das Handy in der einen Hand packen sie mit der anderen Rote Bete, Sojamilch oder Lavendel-Shampoo in ein halbes Dutzend Tüten, die sich im Einkaufswagen stapeln. Sie kaufen ein, aber nicht für den eigenen Haushalt - sondern im Auftrag der Prime-Mitglieder von Amazon.

Schon vor dem Ausbruch des Coronavirus hatte der Konzern, der vor drei Jahren Whole Foods übernommen hat, begonnen, seinen Lebensmittel-Lieferservice in Amerikas Städten mit Wucht auszubauen. Nun aber ist die Nachfrage ganz ohne Zutun des Unternehmens explodiert.

Statt selbst einzukaufen, bestellen viele Amerikaner Nudeln, Pesto und Parmesan sicherheitshalber lieber per Klick vom heimischen Sofa aus – soweit die Ware vorrätig ist. Die meisten Bringdienste haben eine "Kontaktfrei"-Option eingeführt, mit der jede persönliche Interaktion zwischen Käufer und Kurier vermieden werden kann.

So wie in Europa kommt auch in Amerika die Wirtschaft wegen der Pandemie allmählich zum Erliegen: Die Fluggesellschaften streichen immer mehr Routen, Hotels, Restaurants und Sportarenen schließen, die Geschäfte lassen die Rollläden herunter. Nach einer Analyse von Moody's Analytics sind mehr als die Hälfte der 153 Millionen Jobs in den USA bedroht. Aber einige wenige Branchen sind gefragt wie nie: Streamingdienste wie Netflix, die das Kino ins Wohnzimmer bringen. Onlineanbieter, die die benötigte Zahnpasta oder das Hundefutter vor der Haustür ablegen. Und ganz besonders: Essens- und Lebensmittel-Bringdienste.

Einzelhandel kollabiert - Amazon will die Lücke nutzen

Auch Leute, die sich früher nicht hätten vorstellen können, einen Apfel zu kaufen, ohne ihn vorher zu betasten, würden nun den Onlinekauf ausprobieren, sagte Amish Jani vom Wagniskapitalgeber FirstMark der Branchenseite digitalcommerce360.com. Und manch einer dieser Kunden stelle fest, dass das virtuelle Shopping doch "eine ziemlich bequeme Sache" sei – und der werde dann auch nach dem Ende der Krise der Sparte treu bleiben.

Das wiederum dürfte den Trend beschleunigen, der als "Einzelhandels-Apokalypse" bereits einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat: Das Sterben der großen Kaufhaus-Namen wie Sears oder Macy's, denen die Kunden weglaufen. Noch düsterer sieht es für unzählige kleine Nachbarschaftsläden aus, deren Barmittel nur für ein paar Wochen reichen. Für manchen Fahrrad- oder Buchladen dürfte die versprochene Staatshilfe zu spät kommen.

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Forderungen nach besserer Behandlung der Mitarbeiter

Nachdem es vergangene Woche einen ersten bestätigten Coronavirus-Fall in einem Warenlager in Queens, New York, gab, forderten auch vier demokratische Senatoren – darunter Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders – Amazon-CEO Bezos auf, sich besser um seine Beschäftigten in den Verteilzentren zu kümmern, die, anders als die Büroangestellten, nicht von zu Hause aus arbeiten können.

Jeff Bezos: "Liebe Amazonians"

Jeff Bezos: "Liebe Amazonians"

Foto: Michael Reynolds/ EPA/ DPA

Amazon wies die Vorwürfe zurück und erklärte seine Mitarbeiter zu "Helden" der Gesellschaft. "Liebe Amazonians", machte Bezos Mut, man habe Millionen von Masken für diejenigen bestellt, die nicht von zu Hause aus arbeiten könnten. Leider seien bislang nur wenige geliefert worden. Immerhin hat das Unternehmen  eine Reihe von Zugeständnissen gemacht:

  • So können die Mitarbeiter bis Ende März unbezahlt Urlaub nehmen

  • Wer – nachweislich – wegen einer Coronavirus-Erkrankung oder Quarantäne ausfällt, bekommt für zwei Wochen Lohnfortzahlung

  • Bis Ende April legt Amazon zwei Dollar auf den Stundenlohn von mindestens 15 Dollar drauf

  • Am Samstag dann besserte der Konzern noch mal nach: Wer mehr als 40 Stunden pro Woche arbeitet, soll für jede weitere Stunde den doppelten Lohn bekommen.

Doch diese Zuckerli können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Beschäftigten sowieso keine Wahl haben: Sie brauchen den Job, Coronavirus-Gefahr hin oder her. Ob es ethisch vertretbar ist, sich während der Pandemie beliefern zu lassen, fragte jüngst der Rechtsprofessor Stephen Carter von der Yale University. Der Onlinekäufer verschaffe sich Schutz vor dem Virus, "indem er das Risiko auf die Person verschiebt, die die Lieferung bringt".

Carters Antwort: In einer Notlage wie dieser sei es "okay, die eigene Sicherheit und die der Familie an erste Stelle zu stellen". Wenn der Käufer der Meinung sei, dass der Kurier unzureichend bezahlt werden, "dann geben Sie so großzügig Trinkgeld, wie Sie können. Und wenn sie das nicht können, kommunizieren sie wenigstens Ihre Anerkennung."