Amazon zu Arbeitmaßnahmen ohne Bezahlung "Das ist gängige Praxis"

Der Versandhändler Amazon lässt jedes Jahr Tausende Erwerbslose wochenlang für sich arbeiten - auf Kosten des Staats. Armin Cossmann, Leiter der deutschen Logistikzentren, verteidigt im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Methode. Sie biete Menschen ohne Arbeit eine Perspektive.
Versandstation von Amazon in Werne: Nur ein Drittel betroffen

Versandstation von Amazon in Werne: Nur ein Drittel betroffen

Foto: Roland Weihrauch/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Sie stellen jedes Jahr tausende Arbeitslose mit befristeten Verträgen als Saisonarbeitskräfte ein. Viele von ihnen arbeiten vor allem jetzt in der Weihnachtszeit sechs Wochen, erhalten aber nur für vier Wochen Lohn. Der Rest ist staatlich alimentiert, da die ersten zwei Wochen als unbezahlte Trainingsmaßnahme deklariert sind. Ist die Arbeit so komplex oder wollen Sie schlicht Lohnkosten sparen?

Cossmann: Wir stellen in diesem Jahr 10.000 saisonale Mitarbeiter ein. Wir müssen mit einer großen Anzahl von Saisonarbeitskräften arbeiten, da wir zum Jahresende einen Großteil des Volumens zu bewältigen haben. Deshalb stellen wir in den letzten Monaten des Jahres viele Kollegen mit einem befristeten Vertrag bis Weihnachten ein. Ein Teil dieser Mitarbeiter wird dann bei uns bleiben können, weil wir von Jahr zu Jahr wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele werden unbefristet übernommen?

Cossmann: Erfahrungsgemäß werden pro Standort mehrere Hundert Mitarbeiter nach der Saison weiterbeschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Und warum müssen sie - auch die befristet engagierten Aushilfen - erst eine Trainingsmaßnahme machen?

Cossmann: Diese Maßnahme machen nur etwa ein Drittel der Saisonkräfte und sie wird von den Arbeitsagenturen in jedem Einzelfall geprüft. Sie dient dazu, den Langzeitarbeitslosen eine verbesserte Chance auf den Wiedereinstieg in den Beruf zu ermöglichen. Die müssen nicht nur lernen, bei Amazon den Hebel umzulegen, sondern das geht viel weiter: Pünktlichkeit, geregelter Tagesablauf, Zuverlässigkeit. Ein Mitarbeiter, der aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommt, ist nicht so einsetzbar wie ein Mitarbeiter, der schon länger bei uns arbeitet. Aber noch mal: Arbeitsagenturen und Jobcenter sind involviert. Wir können niemanden in eine Trainingsmaßnahme zwingen oder sie gar nutzen, wenn sie nicht zuvor von der Arbeitsagentur oder vom Jobcenter genehmigt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann es dann sein, dass viele Aushilfen diese staatlich bezahlten Trainingsmaßnahmen mehrfach machen müssen - also auch dann, wenn sie bereits zuvor mal bei Ihnen gearbeitet haben?

Cossmann: Das ist auf jeden Fall kein Massenphänomen. Wir prüfen derzeit, ob es Einzelfälle gab, in denen das der Fall ist oder war. Bisher haben wir keinen gefunden. Manchmal kommt das auch zustande, weil die erste Trainingsmaßnahme von einem Mitarbeiter abgebrochen wurde und er deshalb eine zweite machen konnte. Wo sich herausstellt, dass eine Trainingsmaßnahme tatsächlich mehrfach durchgeführt wurde, werden wir das selbstverständlich korrigieren und den Arbeitsvertrag rückwirkend ändern. Das wäre dann ein Fehler, der passiert ist. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Fakt ist, dass wir das nicht strukturell ausnutzen, das entspricht nicht unserer Philosophie.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass sei kein Massenphänomen. Arbeitnehmervertreter und Erwerbslosen-Initiativen sprechen von tausenden Fällen.

Cossmann: Dies ist falsch. Das zu kommunizieren sind sicherlich die Interessen einzelner Gruppen. Die begleiten das eben etwas kritischer als andere, wenn ein Unternehmen so wächst wie wir das tun. Wir erregen deshalb bei bestimmten Gruppen eben eine größere Aufmerksamkeit als andere Unternehmen. Etwa ein Drittel der Saisonkräfte absolvieren eine Trainingsmaßnahme - natürlich nur, wenn sie zuvor nicht schon mal bei Amazon gearbeitet haben. Saisonale Mitarbeiter werden bei uns zwischen 6 Monaten und 3 Wochen beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Der Umsatz von Amazon hat sich seit 2006 verdreifacht. Warum haben Sie es überhaupt nötig, die Leistungen der Agenturen für Arbeit abzugreifen?

Cossmann: Amazon nutzt diese Maßnahme keineswegs exklusiv. Das ist gängige Praxis. Zudem ist es niemals eine Entscheidung, die Amazon allein trifft, sondern immer in Absprache mit den Arbeitsagenturen und den Jobcentern. Das Gesetz bietet diese Möglichkeit, es sieht sie ausdrücklich vor, um Arbeitslose wieder an das Erwerbsleben zu gewöhnen.

"Da entsteht eine richtige Community"

SPIEGEL ONLINE: Die meisten müssen doch gar nicht ans Erwerbsleben gewöhnt werden, weil ihr Job nach ein paar Wochen ohnehin wieder vorbei ist. Sie bieten doch nur in Einzelfällen eine langfristige Perspektive.

Cossmann: Wir bieten pro Standort Hunderten eine Perspektive. Die Chancen sind für alle zu Beginn ihres befristeten Jobs gleich hoch, einen Anschlussvertrag zu bekommen. Wir wissen am Anfang noch nicht, wer am Ende des Weihnachtsquartals der- oder diejenige sein wird, der oder die länger bleiben kann. Wir haben zum Beispiel zur Eröffnung unserer drei letzten Logistik-Zentren bekannt gegeben, dass wir dort 1000 unbefristete Arbeitsplätze schaffen wollen. Zusätzlich legt sich darüber das saisonale Wachstum. Das heißt, im kommenden Jahr werden an den einzelnen Standorten mehr feste Mitarbeiter sein als in diesem Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Schüren Sie nicht gemeinsam mit den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern falsche Hoffnungen, wenn mit der Trainingsmaßnahme auch konkrete Jobs versprochen werden, die es am Ende doch nicht gibt?

Cossmann: Am Standort Werne haben 68 Prozent der eingestellten Mitarbeiter nach der Trainingsmaßnahme ein Angebot bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Ja, aber nur ein befristetes über eine kurze Zeit.

Cossmann: Zwischen 8 Wochen und 6 Monaten. Aber Sie haben Recht - das ist nun mal ein saisonales Geschäft. Ich würde alle dauerhaft behalten wollen, das können Sie mir glauben. Es ist keine leichte Aufgabe, den meisten Kollegen zu sagen, dass sie leider derzeit keine Chance haben, weiter beschäftigt zu werden. Die Leute kaufen nach Weihnachten nun mal keine Weihnachtsgeschenke mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die Leute schon nur ein paar Wochen beschäftigen, warum bezahlen Sie ihnen dann nicht wenigstens die komplette Zeit Lohn, statt sich zwei Wochen von den Beitragszahlern der Arbeitslosenversicherung subventionieren zu lassen?

Cossmann: Die Trainingsmaßnahmen sind Ermessensspielraum der Arbeitsagenturen. Es kann auch mal nur eine Woche sein. Außerdem betrifft es nur einen Teil der Bewerber, die von der Agentur für Arbeit oder den Jobcentern kommen - und zwar den, wo die Kundenbetreuer der Agenturen das ebenfalls für sinnvoll erachten. Im Übrigen bewähren sich sehr viele von denen und kommen Jahr für Jahr wieder, da entsteht eine richtige Community. Viele kommen gern wieder und nutzen die Chance - auch ohne Trainingsmaßnahme.

Das Interview führte Janko Tietz

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