Tarifeinigung in der Metallindustrie Rekordabschluss mit Hintertürchen

Endlich mal wieder ein satter Abschluss in der Metallindustrie: Die Beschäftigten bekommen 4,3 Prozent mehr Geld, so viel gab es seit 20 Jahren nicht mehr. Die Arbeitgeber können mit dem Deal trotzdem gut leben - sie haben sich in viel wichtigeren Punkten durchgesetzt.
Ein Arbeiter mit IG Metall-Flagge: Künftig mehr Geld, aber auch viel Flexibilität

Ein Arbeiter mit IG Metall-Flagge: Künftig mehr Geld, aber auch viel Flexibilität

Foto: dapd

Hamburg - 4,3 Prozent mehr für die deutschen Metallbeschäftigten: Auf den ersten Blick klingt das nach einem glatten Durchmarsch der IG Metall. Immerhin handelt es sich um den höchsten Tarifabschluss der Branche seit 1992. Damals hatten die Metaller mit plus 5,4 Prozent noch etwas besser abgeschnitten.

Nun, 20 Jahre später, können sich die 3,6 Millionen Beschäftigten der deutschen Schlüsselbranche endlich mal wieder über satte Zuwächse beim Reallohn freuen. Konkret bedeutet das:

  • Ein Metall-Hilfsarbeiter kann mit rund 80 Euro mehr Bruttogehalt rechnen,
  • ein junger Facharbeiter mit gut 110 Euro.
  • Für einen Ingenieur mit viel Berufserfahrung dürften sogar gut 200 Euro mehr brutto auf der Gehaltsabrechnung stehen.

Nicht nur für die Beschäftigten, auch gesamtwirtschaftlich setzt der Abschluss das richtige Signal: Anders als noch vor zehn Jahren wird die Konjunktur in Deutschland nicht in erster Linie durch zu hohe Arbeitskosten in Deutschland bedroht - sondern durch zu geringe Nachfrage weltweit. Dass die Kaufkraft der Arbeitnehmer in Deutschland wächst, setzt da ein wichtiges Signal. Auch an all jene Kritiker, die Deutschland vorwerfen, zu wenig zu tun, um die Wirtschaft im Euro-Raum anzukurbeln.

Es ging nicht in erster Linie ums Gehalt

Eigentlich müssten bei so einem Abschluss die Gewerkschaften jubeln und die Arbeitgeber jaulen. Doch die Reaktionen fallen auf beiden Seiten erstaunlich gelassen aus. "Das ist natürlich ein guter Abschluss", sagte ein Sprecher des Sportwagenbauers Porsche am Freitag. Er sei für beide Seiten fair, "Wichtig ist es für uns aber auch, dass das Ergebnis relativ zeitnah erzielt wurde." Porsche sei dadurch nahezu unterbrechungsfrei durch die Verhandlungen gekommen und habe die Auftragsbücher abarbeiten können.

Hintergrund dieser Reaktion: Es ging bei diesen Tarifverhandlungen gar nicht in erster Linie um einige Zehntel Prozentpunkte mehr oder weniger Gehalt. Der Lohnkostenanteil in der hochtechnisierten Metallindustrie liegt inzwischen so niedrig, dass es sich für die Arbeitgeber längst nicht mehr lohnt, deswegen einen flächendeckenden Streik zu riskieren. Lieber den Arbeitern etwas mehr zahlen, so die vorherrschende Logik, als zu riskieren, dass teure Maschinen während eines Streiks stillstehen und wichtige Aufträge verlorengehen.

Ihre Verhandlungsmacht haben die Arbeitgeber deshalb auf einen anderen Punkt des Tarifabschlusses gelegt: auf die Leiharbeit (mehr dazu hier). "Die Fortschritte hier hätten deutlicher ausfallen können", merkte IG-Metall-Chef Berthold Huber kritisch an. Stimmt. Wäre es nach der Gewerkschaft gegangen, hätte sie den Arbeitgebern bei der Leiharbeit künftig Daumenschrauben angelegt.

Die Mehrheit der Leiharbeiter kommt nicht mal auf ein Jahr Beschäftigungszeit

So hätten laut ursprünglicher Forderung der IG Metall die Betriebsräte bei Umfang, Konditionen und Einsatzart der Leiharbeiter mitbestimmen dürfen. Doch nun ändert sich nicht viel. Die Betriebsräte sollen laut Tarifvertrag individuelle Regeln auf Unternehmensebene ausarbeiten - verbindliche Vorgaben für alle fehlen weitgehend. Schwache Betriebsräte werden sich deshalb auch künftig nicht gegen billige Leiharbeit wehren können. Starke Räte konnten es auch bislang schon.

Immerhin: Arbeitet ein Leiharbeiter zwei Jahre im selben Betrieb, muss er dort künftig ein Angebot für eine feste Stelle erhalten. Doch die Mehrheit der Leiharbeiter komme im bundesweiten Schnitt nicht einmal auf ein Jahr Beschäftigungszeit am Stück, rechnete ein Arbeitgebersprecher vor.

Auch beim Streitthema Azubi-Übernahme haben sich die Arbeitgeber große Freiräume gesichert. So sieht der Tarifvertrag künftig zwar im Regelfall die unbefristete Übernahme von Azubis nach der Lehre vor - doch die Liste möglicher Einschränkungen und Hintertürchen ist lang. So müssen die Betriebe zwar künftig Lehrlingen Angebote zur Übernahme ohne Befristung machen - aber nur im Rahmen des zu diesem Zeitpunkt aktuellen Arbeitskräftebedarfs.

Die Arbeitgeber zahlen also mehr - und bewahren sich im Gegenzug die relative Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, die sie sich seit der Jahrtausendwende erkämpft hatten. Nicht nur Porsche kann mit diesem Ergebnis zufrieden sein.

mit Material von dpa und Reuters
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