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Börsenprophet: Mit dem Laptop auf dem Traktor

Foto: Johann Schmalhofer

Analysen für den Agrarmarkt Der Börsenbauer

Johann Schmalhofer ist Kartoffelbauer und Börsenanalyst. Bei n-tv und N24 tritt er als Experte auf, die Deutsche Bank und die CSU buchen ihn für Vorträge. Er verdient mit seinen Auftritten mehr als mit seinen Kartoffeln, Weizen und Rüben, doch seine Analysemethode ist umstritten.
Von Laura Himmelreich

Seine Auftraggeber warten bereits im Konferenzraum auf ihn. Johann Schmalhofer soll gleich mit seinem Vortrag loslegen: Laptop-Tasche in der einen Hand, Rollkoffer in der anderen betritt er das Hotel im Städtchen Norden in Ostfriesland. "Lasst mich noch eine andere Hose anziehen", sagt er. Er wechselt Jeans und Wollpulli gegen schwarzen Anzug und Krawatte. Johann Schmalhofer ist 49 Jahre alt. Eher klein gebaut, ein wenig stämmig. Er ist Kartoffelbauer und Börsenanalyst. Wenn er seine Seminare über Agrarmärkte hält, will er nicht wie ein Bauer aussehen.

Seinen ersten Fernsehauftritt hatte er in der Quizshow "Sag die Wahrheit". Damals sollte er sich extra Holzfällerhemd und Gummistiefel anziehen, damit er wie ein Bauer aussieht. Dann musste er sich neben zwei anderen Herren in karierten Hemden setzen. Der Moderator fragte Mike Krüger, Smudo von den Fantastischen Vier und zwei Damen von C-Prominenz, welcher der drei Herren der "Börsenbauer" sei. Rund 150 Vorträge hat Schmalhofer seither gehalten. Im vergangenen Jahr hat er sich den Namen "Börsenbauer" markenrechtlich schützen lassen.

Im Konferenzraum in Ostfriesland wirft Schmalhofer die erste Powerpoint-Folie an die Wand. Auf ihr sind Logos von Fernseh- und Radiosendern: N24, n-tv, SWR, 3sat und NDR Info, bei allen ist er als Experte aufgetreten. Er lässt in seinen Vortrag einfließen, dass er einen EU-Politiker kennt, einen ehemaligen Bundesbankdirektor und einen Ölscheich. Stoiber, Seehofer, Huber, die Großen der CSU - alle habe er getroffen. Er strahlt. In seinem Prahlen steckt auch die Überraschung über seinen eigenen Erfolg: "Ich bin da komplett reingerissen worden. Erst einmal musste ich mein Hochdeutsch trainieren", sagt er.

"Was will denn der Bauer hier?"

Schmalhofer kommt aus Taimering bei Regensburg. Es gibt dort einen Schützenverein, einen Maibaum, ein Wirtshaus, eine Kirche, rundherum nur Felder. Vor zehn Jahren begann seine Leidenschaft für die Börse. Schmalhofer besaß damals IBM-Aktien. Sein Bankberater rief ihn an und riet ihm zum Verkauf, doch er behielt die Aktien. Zwei Wochen später stürzte der Kurs ab. Schmalhofer fuhr in die Bank und fragte seinen Berater, wie er das vorhersehen konnte. Der Berater zeigte ihm Börsendiagramme und zog mit einem Lineal Linien in die Aktienkurven. Er praktiziere die "technische Analyse", sagte der Bankangestellte.

Schmalhofer hat einen Hauptschulabschluss. Zwei Lehren hat er gemacht und zwei Meisterprüfungen abgelegt. Er war ehrgeizig. Mit fast 40 ließ er dann sich vom Branchenverband VTAD zum Analysten ausbilden. Im vergangenen Jahr legte er die Prüfung zum Börsenhändler ab. Anfangs sei er noch unsicher gewesen, ob die Analysten ihn akzeptieren würden, erzählt er. "Gesagt haben sie nichts, aber die Banker haben sich bestimmt gedacht 'Was will denn der Bauer hier?' Das war ungefähr so, als ob ein Straßenkicker beim FC Bayern landet, um ein Probetraining zu machen." Mittlerweile gehört er zum obersten Gutachtergremium des Analystenverbands. Ein Branchenmagazin kürte ihn zum "Bauer des Monats", dann zum "Bauer des Jahres", und dann kam das Fernsehen.

Bis zu 2300 Euro pro Vortrag

In den Wochen vor Weihnachten lagert Schmalhofers Weizen in der Scheune, die Kartoffeln sind geerntet und seine 54 Hektar Acker kommen ein paar Tage ohne ihn aus. Dann kann er vor allem Analyst sein, 14 Vorträge hielt er diesen November. Ist er unterwegs, kümmern sich seine Brüder um den Betrieb. Die interessierten sich nicht für die Börse, sagt Schmalhofer, die hätten nicht einmal Internet.

An diesem Tag spricht er bei der Bezirksversammlung einer Versicherung, die Landwirte bei Hagel- oder Sturmschäden absichert. Die Vertreter der Versicherung tragen Krawatten mit einem Muster aus Weizenähren und Erdbeeren. Im Publikum rund 20 Landwirte aus Norddeutschland, viele karierte Hemden, viele Wollpullis. Schmalhofer erläutert ihnen die Finanzkrise: Bilder von Stecknadeln, die in Ballons stechen, symbolisieren die platzenden Finanzblasen. Er wettert über die Geldpolitik der USA: "Bei dem ganzen Geld, das die dort drucken, müsste es in Amerika ein Waldsterben geben." Die Männer im Publikum lachen. Knapp 90 Minuten dauert sein Vortrag, gelangweilt sieht niemand aus.

In Schmalhofers Schlepper liegen immer Block und ein Stift bereit, falls ihm beim Pflügen Ideen für eine neue Grafik oder eine Pointe einfallen. "Wenn ich auf dem Schlepper sitze und mir ein Gedanke für eine Präsentation kommt, muss ich aufpassen, dass ich das Ende vom Feld nicht versäume."

Schmalhofer verdient mit einem Vortrag bis zu 2300 Euro, Hotel- und Fahrtkosten extra. Im vergangenen Jahr nahm er mit seinen Vorträgen mehr ein als mit seinem Weizen, seinen Rüben und Kartoffeln. Er kann satte Honorare verlangen, weil er eine Marktlücke füllt: Der Agrarmarkt wird wichtiger, und wenige können darüber unterhaltsam sprechen.

Der Bauer der Zukunft hat studiert

Bernd Edeler von der Hagelversicherung sagt, ein moderner Landwirt müsse den Markt verstehen, deswegen habe er Schmalhofer nach Ostfriesland geholt. "Die EU zieht sich zurück, und die Börse bekommt mehr Einfluss." Die Landwirte der Zukunft werden zu 80 Prozent ein abgeschlossenes Studium besitzen, sagt er. "Wir hängen wie eine Marionette an der Rohstoffbörse in Chicago", sagt ein Landwirt aus Norden.

Regelmäßig engagiert das bayerische Landwirtschaftsministerium Schmalhofer und auch die CSU lädt ihn als Experten ein. Bei einem Kongress der Deutschen Bank   sprach Schmalhofer vor 600 Menschen. Technische Analysten wie Schmalhofer glauben, dass sich Kursverläufe wiederholen, vor allem Psychologie bewege die Aktienkurse, Gier und Angst. In Schmalhofers Vorträgen klingt das so: "Stellen Sie sich mal vor, die Börse wäre logisch und jeder würde sie verstehen, dann gäb's ja nur Gewinner und keine Verlierer. Also funktioniert die Börse nur, wenn sie nicht logisch ist. Ist doch logisch!" Schmalhofer streift in seinen Vorträgen nur am Rande wichtige Faktoren wie Flächengrößen, Bevölkerungswachstum oder Klimawandel. Er zeigt vor allem Börsendiagramme, vergleicht die Metall-, Energie- und Getreidepreise der vergangenen Jahrzehnte und kommt dann zu dem Schluss, dass die Getreidepreise wieder steigen werden.

Kursprognose oder Kaffeesatzleserei?

Zwar nutzen auch Banken und Agrarhändler die technische Analyse, allerdings meist nur als Ergänzung zur volkswirtschaftlichen und zur "fundamentalen Analyse", welche die Angebots- und Nachfrageentwicklung auf den Märkten untersucht. Die technischen Analysten betrieben nur Kaffeesatzleserei, kritisieren Finanzwissenschaftler. "Man kann die Methode als Einstieg nutzen und sich dann weiter Gedanken machen", sagt Bernhard Brümmer, Agrarökonom an der Universität Göttingen. "Wenn man die Märkte über Jahre beobachtet, ist die Methode denkbar ungeeignet." Für kurzfristige Prognosen könne die Methode zwar hilfreich sein, für langfristige Analysen tauge sie nicht, sagt der Wissenschaftler.

Schmalhofers Methode ist relativ leicht erlernbar, man braucht keine Unternehmensdaten und vergleichsweise wenig Wissen über Politik und Wirtschaft. Es gibt eine Software, die auch Laien anwenden können. Auch auf Schmalhofers Laptop ist die Software installiert.

Nach seinem Vortrag tauscht Schmalhofer den Anzug wieder gegen die Jeans und läuft zum Bahnhof. Am kommenden Tag spricht er beim Chemiekonzern BASF   in Chemnitz. Müsste er wählen, wäre er lieber Analyst statt Landwirt. Dabei besitzt er selbst keine einzige Aktie. Seine Honorare investiert er in Rohstoffmärkte.

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