Währungskrise Angst um Schwellenländer stürzt Finanzmärkte in Turbulenzen

In Schwellenländern wie Argentinien, Indien und der Türkei brechen die Währungskurse ein, die Auswirkungen sind auch in Europa zu spüren. Ökonomen auf dem Weltwirtschaftsforum fürchten, dass der jahrelange Boom in diesen Ländern zu Ende ist - Brasiliens Präsidentin Rousseff wirbt um Vertrauen.
Brasiliens Präsidentin Rousseff in Davos: Werben um Vertrauen in ihr Land

Brasiliens Präsidentin Rousseff in Davos: Werben um Vertrauen in ihr Land

Foto: ERIC PIERMONT/ AFP

Es ist eine große Delegation, mit der Dilma Rousseff nach Davos gekommen ist. Als die brasilianische Präsidentin am Freitag eine Ansprache auf dem Weltwirtschaftsforum hält, sitzen in der ersten Reihen auch hochrangige Wirtschaftsvertreter wie Frederico Curado, Chef des Flugzeugkonzerns Embraer. Alle wissen, worum es für Rousseff geht: Sie muss dringend um Vertrauen in ihr Land werben. Und alle hoffen, dass es ihr gelingt.

Solche Unsicherheit ist neu für Brasilien. Wie viele andere Schwellenländer profitierte die größte Volkswirtschaft Südamerikas in den vergangenen Jahren von einem kräftigen Wirtschaftsboom. Während die klassischen Industrieländer sich nur quälend langsam von den Folgen der Finanzkrise erholten, schossen die Wachstumsraten in Brasilien, Russland, der Türkei oder Indien schon wieder kräftig in die Höhe.

Inzwischen aber wachsen die Zweifel daran, dass es so gut weitergeht. Wie groß diese Zweifel mittlerweile sind, war in den vergangenen Tagen an den Finanzmärkten zu spüren. Am schlimmsten erwischte es dabei Argentinien: In Panik zogen viele Investoren ihr Geld aus dem Land ab. Der Kurs der Landeswährung Peso zum US-Dollar ist seit Jahresbeginn um rund 17 Prozent eingebrochen. Der Absturz ist so dramatisch, dass die Regierung in Buenos Aires kapituliert und die 2011 eingeführten Devisenkontrollen aufheben will.

Auch in anderen Schwellenländern stehen die Währungen in den vergangenen Tagen unter Druck. Damit verstärkt sich eine Entwicklung, die Experten bereits seit Anfang 2013 beobachten: Seitdem haben die türkische Lira und der südafrikanische Rand rund ein Viertel ihres Wertes verloren, in Brasilien ging es um 17, in Indien um 15 Prozent nach unten.

Die meisten Probleme halten Experten für hausgemacht

Die Auswirkungen der jüngsten Turbulenzen sind bis nach Europa zu spüren. Am Freitag knickte der deutsche Aktienindex Dax um 2,5 Prozent ein - so stark wie seit vergangenem Sommer nicht mehr. Auch die Anleihen der europäischen Krisenstaaten wie Portugal, Spanien oder Italien, die sich in den vergangen Monaten so eindrucksvoll erholt hatten, verloren plötzlich wieder an Wert.

Die neuen Sorgen sind Thema auch in Davos, wo sich derzeit die Elite aus Politik und Geschäftswelt zum Wirtschaftsforum trifft. Hier sind sich die meisten Experten sicher: Die meisten Probleme der Schwellenländer sind hausgemacht.

So sieht es zum Beispiel Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Nachdem der IWF jahrelang Strukturreformen von den europäischen Krisenländern gefordert hat, machte Lagarde nun deutlich, dass auch die Schwellenländer mehr tun müssten, um ihre Volkswirtschaften zu reformieren.

Das ist ein neuer Tonfall in der Debatte um die Kapitalflucht aus den Schwellenländern. Bisher hatte man vor allem die Geldpolitik der US-Notenbank Fed als Grund für die möglichen Turbulenzen ausfindig gemacht. Die Fed hat gerade damit begonnen, ihre Politik des extrem billigen Geldes zurückzufahren. Schon die Ankündigung dieses Schrittes - im Fachjargon Tapering genannt - hatte im Juni vergangenen Jahres die Investoren in Panik versetzt. Blitzschnell zogen sie ihr Geld aus vielen Schwellenländern ab, ließen Währungs- und Aktienkurse purzeln.

"Es ist beunruhigend, aber nicht das Ende der Welt"

"Das Tapering ist nicht die Quelle allen Übels" sagt Larry Fink, Chef des amerikanischen Vermögensverwalters Blackrock und einer der mächtigsten Männer der Wall Street. Die Schwellenländer hätten gejubelt, als das Geld der Investoren in ihre Volkswirtschaften geflossen sei. Nun beschwerten sie sich, dass es wieder abfließe. Fink erwartet, dass es in den kommenden Monaten noch öfter turbulent werden könnte an den Finanzmärkten.

Auch führende Ökonomen zeigen sich in Davos grundsätzlich besorgt von der Entwicklung. "Es ist beunruhigend, aber nicht das Ende der Welt", sagte der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff SPIEGEL ONLINE. Investoren würden generell wieder vorsichtiger. Das zeigte sich auch an den Finanzmärkten in Industrieländern wie Japan.

Ähnlich äußerte sich der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller. In einem Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte der Ökonom, bislang sehe er nur "Anzeichen für einen kurzzeitigen Ausschlag". Wie schlimm es wirklich werde, hänge nun davon ab, ob der vermeintliche Absturz von Schwellenländern zu einer für Investoren glaubhaften Geschichte werde. Dann, so Shiller, könne sich die Entwicklung selbst verstärken - ähnlich wie es bei den panischen Reaktionen auf die Schuldenprobleme in Südeuropa der Fall war.