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24. September 2013, 14:58 Uhr

Skandal um Emissionshaus

Wie Wölbern Invest die Anleger betrogen haben soll

Von manager-magazin.de-Redakteur

Deutschland hat einen neuen Anlageskandal: Das Emissionshaus Wölbern Invest soll Investoren um Millionen betrogen haben. Den Zugriff der Ermittler hatten Anleger schon lange herbeigesehnt.

Hamburg, HafenCity, Montagmorgen, 9 Uhr. Dutzende Beamte von Landeskriminalamt, Bereitschaftspolizei und Staatsanwaltschaft stürmen in das Bürohaus am Großen Grasbrook Nummer 9. Ziel des Trupps ist das fünfte Stockwerk, wo das Fondsemissionshaus Wölbern Invest residiert. Der Auftrag: Eine Razzia - bis zum Abend werden die Beamten rund hundert Kisten mit Aktenordnern und anderem Material aus den Büros schleppen.

Und damit nicht genug: Auch den privaten Räumlichkeiten von Wölbern-Invest-Chef Heinrich Maria Schulte stattet die Staatsmacht an diesem Vormittag einen Besuch ab. Seit Ende 2012 wird gegen Schulte ermittelt. Nun haben die Staatsanwälte offenbar ausreichend in der Hand. Dem Emissionshauschef, im Hauptberuf Arzt mit Spezialisierung auf Hormon- und Stoffwechselerkrankungen, werde gewerbsmäßige Untreue in genau 318 Fällen vorgeworfen, sagt ein Sprecher manager magazin online.

Bei dem umtriebigen Mediziner Schulte, der Wölbern erst im Jahr 2006 der südafrikanischen Absa Gruppe abgekauft hatte, bestehe zudem Fluchtgefahr. Deshalb wird er am Montagmorgen schon um 7.30 Uhr sicherheitshalber in Haft genommen.

Der Streit, den die Anleger der Immobilienfonds von Wölbern Invest mit dem Management schon seit beinahe zwei Jahren ausfechten, findet damit seinen vorläufigen Höhepunkt. Und Deutschland hat fast auf den Tag genau sieben Monate nach der Großrazzia gegen die Frankfurter Immobiliengruppe S&K sowie deren bundesweites Netzwerk einen neuen Anlageskandal.

Schulte soll sich um 37 Millionen Euro bereichert haben

Insgesamt 137 Millionen Euro soll Schulte nach Angaben der Staatsanwaltschaft aus den geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest unrechtmäßig entnommen haben. 37 Millionen Euro davon seien in seine Privatschatulle gewandert, so der Vorwurf. Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, droht dem Finanzmanager, der gleichzeitig die medizinische Einrichtung Endokrinologikum mit Hauptsitz in Hamburg leitet, eine Haftstrafe von mehreren Jahren.

Von Schulte oder Wölbern Invest war zu den Beschuldigungen aktuell keine Stellungnahme zu bekommen. Der Vorwurf, Schulte könnte Geld aus Wölbern-Fonds zweckentfremdet haben, wurde von Anlegern und deren Anwälten allerdings in der Vergangenheit bereits häufiger geäußert. Der Firmenchef wie auch das Emissionshaus haben das jedoch stets zurückgewiesen.

Misstrauisch wurden viele Wölbern-Investoren erstmals Anfang 2012. Da versuchte das Emissionshaus für zahlreiche seiner Immobilienfonds ein sogenanntes Liquiditätsmanagementsystem einzuführen. Der angebliche Zweck: Die Fonds sollten sich untereinander Geld leihen. So sollten sie nach Angaben von Wölbern Invest mit brachliegender Liquidität einerseits höhere Erträge erzielen als beispielsweise bei Bankeinlagen. Andererseits hätten sich Fondsgesellschaften bei Bedarf günstig Geld beschaffen können.

Der Plan von Wölbern Invest scheiterte jedoch, weil sich viele Anleger dagegen auflehnten. Sie sahen ein erhöhtes Risiko für ihre Einlagen und fühlten sich nicht ausreichend informiert. Rückendeckung bekamen die Investoren dabei von Gerichten. Mit mehreren Urteilen wurden die Beschlüsse verschiedener Wölbern-Fondsgesellschaften zur Teilnahme am sogenannten Cashpool wieder einkassiert.

Vermisste 40 Millionen Euro und beinahe Zwangsvollstreckungen

Einer, der schon damals die Augenbrauen hochzog, war Ove Franz. "Seit Anfang 2012 gab es Grund, skeptisch zu sein", sagt der Anleger heute zu manager magazin online. "Der Plan mit dem Liquiditätsmanagementsystem gab Anlass zu der Vermutung, dass dort anlegerfeindlich gehandelt werden würde."

Und Franz ist nicht irgendein Investor des Emissionshauses. Er war jahrelang Vorstand des Bankhauses Wölbern, aus dem Wölbern Invest hervorging. Der prominente Hamburger Banker gilt als einer der Erfinder der Holland-Fonds, für die Wölbern einst bekannt war. Seit dem Streit um den Cashpool setzt sich Franz für die Belange der Wölbern-Investoren ein.

Das böse Erwachen kam für die Anleger dann einige Monate später, nämlich Anfang 2013. Nach und nach veröffentlichte das Emissionshaus die Jahresabschlüsse seiner Immobilienfonds für das Jahr 2011. Und siehe da: In vielen Fondsbilanzen fanden sich Beträge in Millionenhöhe, deren Verbleib unklar schien. Insgesamt 40 Millionen Euro, so errechneten es engagierte Wölbern-Anleger, waren aus den Kassen der Fonds verschwunden. Entsprechende Beträge tauchten zwar unter dem Punkt "Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände" in den Bilanzen auf. Eine Erläuterung, wo genau das Geld geblieben war, gab es jedoch nicht.

Bis heute ist das Wölbern-Management um Firmenchef Schulte den Anlegern eine Erklärung zum Verbleib dieser Gelder schuldig geblieben, trotz mehrfacher Nachfrage und sogar trotz inzwischen erfolgter gerichtlicher Aufforderung zur Offenlegung.

Wölbern hatte Liquiditätsbedarf

Der Verdacht, der deshalb seither im Raum steht: Wölbern Invest könnte schon 2011, also vor Einführung des später gescheiterten Liquiditätspools, in die Fondskassen gegriffen haben. Das Unternehmen hat diese Vermutung, die von Anlegern hartnäckig geäußert wird, gegenüber manager magazin online ausdrücklich zurückgewiesen.

Klar ist aber: Liquiditätsbedarf gab es in dem Unternehmen zweifellos. Frische Anlegergelder hat Wölbern Invest in den vergangenen Jahren kaum noch eingesammelt. Gleichzeitig wurden jedoch neue Fondsprojekte auf den Weg gebracht, bei denen Zahlungen für den Immobilienerwerb fällig geworden sein dürften. Aus dem Unternehmensumfeld ist beispielsweise zu hören, dass dies beim Fonds "Frankreich 05" sowie einem der jüngsten Hollandfonds der Fall gewesen sein soll.

Hinzu kommt: Wie manager magazin online seinerzeit öffentlich machte , gab es im Jahr 2011 ein Zwangsvollstreckungsverfahren gegen Wölbern-Invest-Chef Schulte. Nach Angaben von Wölbern Invest richtete sich das Verfahren gegen Schulte in seiner Funktion als Komplementär der Wölbern Invest KG, nicht als Privatperson. Gläubiger der Forderung über 6,6 Millionen Euro war das Bankhaus Wölbern.

Aufgrund der Forderung ordnete das Amtsgericht Hamburg-Blankenese im Mai 2011 die Zwangsversteigerung einer Wohnimmobilie Schultes an der Hamburger Elbchaussee an. Gleiches verfügte das Amtsgericht Niebüll für eine Immobilie des Wölbern-Invest-Chefs in Kampen auf Sylt, wie Schriftstücke zeigen, die manager magazin online vorliegen. Zu den Versteigerungen kam es allerdings nicht, denn Schulte beglich die offene Millionenforderung im letzten Moment. Dass das Geld aus den Wölbern-Fonds stammen könnte, hat das Unternehmen gegenüber manager magazin online jedoch dementiert.

Ausbleibende Ausschüttungen und ein Milliarden-Immobiliendeal

Der Verbleib der Millionen aus den Fonds ist indes nicht der einzige Streitpunkt zwischen Wölbern-Invest-Inhaber Schulte und seinen Fondsanlegern. Es geht zudem um die Einsetzung von Fondsbeiräten, die das Unternehmen nach Beobachtung der Anleger blockiert, sowie um Ausschüttungen, die zurückgehalten wurden.

Zuletzt stritt sich Wölbern Invest mit vielen Investoren um den Plan, sämtliche Immobilienfonds des Hauses nach einem großangelegten Portfolioverkauf auf einen Schlag aufzulösen. Offenbar wollte sich Schulte mit dem Coup aus dem Fondsgeschäft zurückziehen. Bis zu 30 Fonds sollten ursprünglich an diesem Megadeal teilnehmen, der nach Einschätzung des Emissionshauses einen Gesamterlös von weit über einer Milliarde Euro hätte bringen können.

Auch daran gab es jedoch viel Kritik. Anleger echauffierten sich vor allem über die ihrer Ansicht nach großzügigen Gebühren, die Wölbern Invest im Rahmen der Transaktion kassieren wollte. Die Folge: Viele Anleger waren mit ihrer organisierten Gegenwehr gegen den Portfolioverkauf erfolgreich. Nach Ende der Abstimmungen stand zuletzt noch ein Immobilienpaket aus 18 Objekten mit einem geschätzten Wert von knapp einer Milliarde Euro zum Verkauf.

Nach den jüngsten Ereignissen dürften sich die vielen tausend Wölbern-Anleger nun erneut einige Fragen stellen. Insgesamt 97 Fonds hat das Unternehmen seit den neunziger Jahren aufgelegt, in die Investoren mehr als zwei Milliarden Euro Eigenkapital eingezahlt haben.

Was Anleger jetzt tun können

Was also tun, nach der Razzia und der Verhaftung des Firmenchefs? Und was wird jetzt aus dem Paketverkauf?

Zumindest bei diesem Punkt gibt Anlegeranwalt Marc Gericke von der Siegburger Kanzlei Göddecke Entwarnung. "Der Paketverkauf dürfte nach meinem Dafürhalten von der aktuellen Entwicklung wenn überhaupt nur marginal betroffen sein", sagt er zu manager magazin online. "Ein solcher erfolgt auf Basis einer eigenen Prüfung der Wirtschaftlichkeit der Immobilie durch den Erwerber. Der Vorwurf der Untreue gegenüber dem Fonds dürfte ihn nicht interessieren."

Auch generell rät Gericke Investoren dazu, zunächst Ruhe zu bewahren. "Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft in diesem Fall lautet - im Gegensatz zum Fall S&K - auf Untreue, nicht auf Betrug am einzelnen Anleger", erläutert Gericke. "Ansprüche hieraus geltend zu machen, ist in erster Linie Aufgabe der betroffenen Fonds und der verbleibenden Geschäftsführung." Nur im Ausnahmefall könne ein Anleger für den Fonds entsprechende Ansprüche geltend machen, so der Jurist.

Einen Rat hat Gericke allerdings an die Wölbern-Kunden: Sie sollten genau darauf achten, dass die Geschäftsführung ihrer Fonds ihre Ansprüche mit Nachdruck verfolgt. "Tut sie das nicht, dann sollten die Anleger den Grund hinterfragen und gegebenenfalls das Management austauschen", sagt der Anwalt.

Damit spricht Gericke einen sensiblen Punkt an. Schon seit Wochen befinden sich Wölbern-Investoren im Clinch mit dem Management einiger Fonds. In einem Fall, beim Fonds "Österreich 04", wurde vor wenigen Monaten bereits beschlossen, die Geschäftsführung auszutauschen. Die Funktion wurde bislang ausgeübt von: einem Arzt und Investor namens Heinrich Maria Schulte.

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