Anschlagsversuch auf Deutsche-Bank-Chef Anarchisten gegen Ackermann

Die rätselhafte Gruppe nennt sich "Federazione Anarchica Informale" (FAI), keines ihrer Mitglieder wurde je verurteilt. Viele halten die Truppe, die sich zum Anschlag auf Deutsche-Bank-Chef Ackermann bekannte, für von Geheimdiensten gesteuerte Provokateure. Dagegen spricht die Wahl ihrer Opfer.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: Briefbombe in der Poststelle abgefangen
REUTERS

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: Briefbombe in der Poststelle abgefangen

Von Michael Braun, Rom


Am Donnerstagabend gaben die Ermittler des hessischen Landeskriminalamts bekannt, wer hinter dem fehlgeschlagenen Briefbombenanschlag auf den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann steht: Es ist die italienische Terrorgruppe "Federazione Anarchica Informale" (FAI) - die "Informelle Anarchistische Föderation", die sich in einem Schreiben zu dem Attentat bekannte.

Geholfen ist den Fahndern mit dieser Erkenntnis allerdings kaum: Die FAI nämlich ist die seit Jahrzehnten wohl mysteriöseste terroristische Gruppierung Italiens. Dutzende Anschläge gehen seit nunmehr acht Jahren auf ihr Konto, doch keiner ihrer Aktivisten wurde je verurteilt, keiner ihrer "Kämpfer" ist auch nur zur Fahndung ausgeschrieben - aus dem einfachen Grund, dass die italienische Polizei völlig im Dunkeln tappt.

Zum ersten Mal schlug die FAI Weihnachten 2003 zu. Da wurden dem damaligen EU-Kommissionpräsident Romano Prodi erst zwei mit Sprengstoff gefüllte Dampfkochtöpfe vors Wohnhaus gestellt, die explodierten, ohne Menschen zu verletzen. Sechs Tage später erhielt Prodi eine Buchsendung, aus der beim Öffnen eine Stichflamme schlug, die ihn jedoch unversehrt ließ.

Damals wurde in der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt ein Kuvert abgefangen, das an den damaligen EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet gerichtet war. "Operation Santa Klaus" tauften die FAI-Terroristen ihre damalige Aktion und rechtfertigten sie in einem langen Bekennerschreiben als anarchistische Antwort auf das Projekt einer "Festung Europa", in der "die politischen, ökonomischen, militärisch-repressiven Entscheidungen der einzelnen Staaten" zusammenflössen.

Seitdem griff die FAI immer wieder zu Briefbomben oder kleinen Sprengsätzen; in einem Kommuniqué aus dem Jahr 2007 beansprucht sie für die ersten vier Jahre ihres Wirkens 30 Attentate für sich. So gingen im Jahr 2004 zwei Sprengstoffpäckchen an die nationale Gefängnisverwaltung Italiens, im gleichen Jahr explodierten zwei Bomben in Mailand, im März 2005 wurde ein explosiver Dampfkochtopf vor dem Gerichtsgebäude in Ostia gezündet, ebenfalls im Jahr 2005 gingen zwei Sprengsätze an Polizeistellen in Mailand und Genua.

Im Juli 2006 dann war der gemäßigt linke Bürgermeister von Turin, Sergio Chiamparino, Ziel einer Briefbombe, die nicht explodierte. Verletzt dagegen wurde während der gleichen Kampagne - sie richtete sich gegen die "Repression" der italienischen Abschiebepolitik - der Chefredakteur einer Turiner Lokalzeitung.

In den Jahren 2007/2008 dagegen war Ruhe; so mancher in Italien hielt die FAI schon für Vergangenheit. Doch im Jahr 2009 explodierte in der privaten Mailänder Wirtschaftsuniversität "Bocconi" - ihr Präsident war damals Mario Monti - eine Bombe - glücklicherweise nur unvollständig. Der Schaden war gering, weil den Attentätern offenbar ein Fehler bei der Konstruktion des Zünders unterlaufen war.

Zu Weihnachten 2010 bekamen drei Botschaften in Rom explosive Post. In der Schweizer und in der chilenischen Vertretung wurden zwei Angestellte beim Öffnen schwer an den Händen verletzt. Eine nach Weihnachten in der griechischen Botschaft eingegangene Briefbombe konnte dagegen entschärft werden.

Viele Aktivisten auch der radikalen, der "antagonistischen" Linken in Italien halten die FAI für eine von Geheimdiensten gesteuerte Truppe von "Provokateuren", und die "echte" FAI - die seit Jahrzehnten aktive "Italienische Anarchistische Föderation" - beklagt sich, die "informelle" FAI sei nur aktiv, um den Anarchismus in den Schmutz zu ziehen und zu diskreditieren.

Der Grund fürs linke Misstrauen liegt darin, dass die Polizei nie eines der FAI-Mitglieder stellen, nie einen der Anschläge aufklären konnte. Im Jahr 2005 wurden zwar sieben Anarchisten aus Bologna, Rom und Reggio Calabria verhaftet und wegen mehrerer FAI-Anschläge angeklagt, doch schon bald waren sie wieder auf freiem Fuß, da dem Haftrichter die Beweise zu dürftig waren. Im Jahr 2010 wurden alle sieben endgültig freigesprochen - und die Fahnder mussten wieder bei Null anfangen.

Doch außer den polizeilichen Misserfolgen spricht nichts für Verschwörungstheorien. Die Anschläge auf die drei Botschaften in Rom etwa waren zu allerletzt dazu geeignet, in der italienischen Gesellschaft Alarmstimmung zu erzeugen - wenn Geheimdienste sich als Akteure vorgeblich "linker" Aktionen betätigen, haben sie genau dieses Ziel. Die Schweiz, Chile, Griechenland: Italienern waren die Anschlagsziele egal, den Anarchisten nicht. In jenen Ländern sitzen anarchistische Aktivisten ein, in Griechenland kam zudem der im Bekennerschreiben zitierte Anarchist Lambros Fountas im März 2010 bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben.

Für die Anarchie, gegen die "Ausbeuter" und die "Repression" des Staates, für die "Ausgebeuteten": Dies sind die Parolen, die sich in den Bekennerschreiben der FAI finden. Und in den Diskussionspapieren der Gruppe heißt es, man dürfe "nicht an Sprengstoff sparen", man dürfe zudem "keine Angst haben, eine Sekretärin zu verletzen, wenn es darum geht, den Chef umzubringen". Fanatiker sind da unterwegs - Fanatiker allerdings, die kaum ferngesteuert sein dürften.

Für die Authentizität der FAI spricht nicht zuletzt, dass sie immer wieder niederschwellige Anschlagsziele wählte, die kaum geeignet waren, die weltweite oder auch nur die nationale Aufmerksamkeit zu erregen - und die nur in der Logik der Gruppe Sinn hatten. Minimal war das Medieninteresse für die letzten Anschläge der Gruppe am 31. März 2011. An jenem Tag ging eine Bombe in einer Fallschirmspringer-Kaserne in Livorno hoch und verletzte einen Offizier. Am gleichen Tag explodierte eine Briefbombe, die an die Schweizer Firma Swissnuclear gerichtet war. Zwei Angestellte trugen leichte Verletzungen davon.

Angesichts des öffentlichen Desinteresses äußerte sich eine FAI-Aktivistin schon Ende 2006 in einem ins Internet gestellten Sitzungsprotokoll denn auch "ein bisschen enttäuscht über die Resultate". Anders als erwartet sei es im jahrelangen Kampf nicht gelungen, die "Genossen" aus der "Lethargie" zu wecken. Vielleicht deshalb hat die FAI jetzt mit Ackermann auf ein weltbekanntes, prominentes Opfer gesetzt: Ein Gelingen des Anschlags sollte wohl endlich jene Aufmerksamkeit sichern, die Dutzende Bomben bisher nicht herstellen konnten.

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anarc 09.12.2011
1. nö
Anarchisten bekämpfen ein System, ein Denken, den Kapitalismus oder im schlimmsten Fall die sie angreifenden Polizisten und Militärs. Das mit den Königen ist schon 100 Jahre her. Es ist ziemlich dumpf, ohne jede Basis über die Täter zu spekulieren - das kann der Staatsschutz genauso gewesen sein wie irgendwelche verbohrten Genossen. Allerdings könnte im Zuge einer Berichterstattung mal das Spektrum näher beleuchtet werden. Dies würde aufzeigen, das die Täter außerhalb der Zusammenhänge anarchistischer Gruppierungen anzusiedeln sind. In Griechenland haben die Anschläge der Feuerzellen im Zusammenhang mit den Toten der Marfin-Bank die Anarchisten bis auf ein paar hundert Jugendliche fast komplett gelähmt. Eine anarchistische Einstellung und die vorsätzliche Verletzung anderer Menschen oder gar deren Tötung schließen sich gegenseitig aus, es sei denn zum Zwecke der Selbstverteidigung. Allerdings muß ich eines feststellen: die Art und Weise, wie die Anschläge dieser FAI benutzt werden, um Anarchisten europaweit pauschal zu kriminalisieren und zu verfolgen, läßt sie zumindest inhaltlich als eine false-flag-Operation erscheinen.
cesimbra 09.12.2011
2. Der Grund für's linke Misstrauen
Zitat von sysopSie nennen sich "Federazione Anarchica Informale" (FAI), keines ihrer Mitglieder wurde je verurteilt: Viele halten die rätselhafte*terroristische*Gruppe, die sich zu dem Anschlag auf Josef Ackermann bekannte, für von Geheimdiensten gesteuerte Provokateure. Dagegen spricht die Wahl ihrer Opfer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,802613,00.html
>> Der Grund fürs linke Misstrauen liegt darin, dass die Polizei nie eines der FAI-Mitglieder stellen, nie einen der Anschläge aufklären konnte. [...] Doch außer den polizeilichen Misserfolgen spricht nichts für Verschwörungstheorien.
siesagt 09.12.2011
3. Täter und Opfer
Ich finde es gut, dass die Täter identifiziert werden. Sie sollen auch bestraft werden. Was mich schon etwas nervt, ist die Berichterstattung über das Opfer Herrn Ackermann. Wer glaubt denn ernsthaft, dass Herr Ackermann seine Briefe selbst öffnet? Wirklich gefährdet waren doch die Mitarbeiter der Poststelle oder die SekretärIn/AssistentIn.
jenom 09.12.2011
4. Wers glaubt ...
Angenehm zu sehen, dass die Meisten inzwischen misstrauisch sind gegenüber dubiosen angeblichen Anschlägen von "Linken". Am deutlichsten verraten sich die Geheimdienstler oder Rechten durch die wirren Texte, an denen man sofort erkennt, dass nichts dahinter steckt. Schön, dass das Bewusstsein so weit geschärft wurde, dass selbst die geistig Schwachen, die alle geheimen Operationen für "Verschwörungen" halten, inzwischen erkennen, dass es so etwas gibt wie Geheimdienste und sogar rechte Geheimdienste oder Rechte in Geheimdiensten keine Fantasie sind.
Meckermann 09.12.2011
5. Trifft keinen Falschen
Auf der einen Seite haben wir eine kleine Gruppe, skrupel- und gewissenloser Verbrecher, auf der anderen Seite Terroristen. Ich würde sagen für den Rest der Bevölkerung eine klassische Win-Win-Situation, wenn beide sich an die Gurgel gehen.
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