Anteil wächst nur langsam Linkenpolitiker fordert Quote für Ostdeutsche

Wirtschaftsleistung und Gehälter im Osten liegen unter Westniveau. Und auch als Führungskräfte sind Ostdeutsche einer Studie zufolge immer noch die Ausnahme. Rufe nach einer Quote werden lauter.
Bürogebäude in Berlin: Chefs kommen auch in Ostdeutschland häufig aus dem Westen

Bürogebäude in Berlin: Chefs kommen auch in Ostdeutschland häufig aus dem Westen

Foto: Michael Kappeler / dpa

Spitzenbeamte aus Ostdeutschland sind auch mehr als 30 Jahre nach dem Fall der Mauer eine Seltenheit  – und auch in der Privatwirtschaft sucht man im Osten sozialisierte Chefs oft vergebens. Selbst in den fünf ostdeutschen Bundesländern.

Dort haben einer neuen Studie  zufolge in den Chefetagen nach wie vor meist Westdeutsche das Sagen – egal ob in Unternehmen, Gerichten oder Universitäten. Der Anteil Ostdeutscher in Topjobs ist in den fünf ostdeutschen Ländern seit 2016 insgesamt nur leicht gestiegen: von 23 auf 26 Prozent.

In Landeskabinetten, großen Firmen und vielen Medien ging es sogar abwärts. Von »bundesdeutschen Elitepositionen« – etwa in der Bundesregierung, Dax-Unternehmen oder Bundesgerichten – sind 3,5 Prozent mit Ostdeutschen besetzt.

Die Untersuchung »Der lange Weg nach oben« in Zusammenarbeit der Universität Leipzig und des MDR wurde anlässlich des Ostdeutschen Wirtschaftsforums veröffentlicht.

Darin gilt als Ostdeutscher, wer in der DDR oder nach der Vereinigung im Osten sozialisiert wurde, also bis zum Erwachsenenalter überwiegend dort gelebt hat. Gemessen wird die Vertretung in Topjobs am Bevölkerungsanteil: In den fünf ostdeutschen Ländern gelten 87 Prozent aller Bewohner als ostdeutsch; bundesweit sind es 17 Prozent.

Anteil ostdeutscher Chefredakteure sinkt

Die Ergebnisse basieren nach Angaben der Autoren auf einer Datenerhebung, die von Oktober 2021 bis April 2022 vorgenommen wurde. Sie wurde mit Daten früherer Erhebungen mit ähnlicher Methodik aus den Jahren 2004 und 2016 verglichen.

Erstellt wurde die Erhebung von der Hoferichter & Jacobs Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft mbH in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig und dem MDR.

Demnach sind von allen Richterinnen und Richtern an obersten Gerichten in Ostdeutschland inzwischen 22 Prozent Ostdeutsche im Vergleich zu 13 Prozent 2016.

In ostdeutschen Unis haben 17 Prozent der Rektoren oder Präsidenten einen ostdeutschen Hintergrund, etwa gleich viele wie 2016.

In den Landeskabinetten der fünf Länder ist der Anteil Ostdeutscher mit 60 Prozent zwar viel höher – allerdings waren es 2016 noch 70 Prozent.

In der Leitung der 100 größten Unternehmen im Osten sank der Anteil Ostdeutscher von 45 auf 27 Prozent.

In den Chefredaktionen der großen Regionalzeitungen waren 2016 noch 62 Prozent Ostdeutsche – heute sind es 43 Prozent.

Zugenommen hat der Anteil dagegen in den Verlagsleitungen: von 9 auf 20 Prozent.

In Führungsgremien der öffentlich-rechtlichen Sender für den Osten – MDR, RBB und NDR – wuchs der Anteil Ostdeutscher von 27 auf nun 31 Prozent, von drei auf vier Personen.

Die Ampelkoalition hat sich vorgenommen, mehr Ostdeutsche in Führungspositionen zu bringen. Dafür soll im Lauf des Jahres ein Konzept vorliegen.

Linkenpolitiker sieht Grundgesetz missachtet

Der Leipziger Linkenabgeordnete Sören Pellmann will nicht darauf warten – und plädiert bereits für eine Ostquote. Der Kandidat für den Bundesvorsitz seiner Partei sagte: »Die Ergebnisse der jüngsten Studie sind erneut niederschmetternd.«

Ostdeutsche würden beim Thema Führungspositionen in Politik und Gesellschaft »systematisch benachteiligt«, sagt Pellmann, der allerdings auch durch dubiose Kontakte mit Stasi-Vergangenheit aufgefallen ist . Auch die neue Bundesregierung gehe mit schlechtem Beispiel voran, da es kaum Führungspersonal in den Bundesministerien gebe.

Das Grundgesetz werde missachtet. In Artikel 36 der Verfassung heißt es: »Bei den obersten Bundesbehörden sind Beamte aus allen Ländern in angemessenem Verhältnis zu verwenden. Die bei den übrigen Bundesbehörden beschäftigten Personen sollen in der Regel aus dem Lande genommen werden, in dem sie tätig sind.«

apr/dpa
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