Geplante Beats-Übernahme Die Apple-Revolution ist vorbei

3,2 Milliarden Euro soll Apple für den Kopfhörerhersteller und Musik-Streaming-Dienst Beats geboten haben. Es ist ein verzweifelter Versuch, in einem Markt zu überleben, den der iPhone-Bauer einst selbst revolutionierte.

Hamburg - Tim Cook mit Dr.-Dre-Kopfhörern? Ein gewöhnungsbedürftiges Bild. Als Markenbotschafter der basslastigen, bei Fußballern und Hipstern beliebten Kopfhörer drängt sich der 53-jährige Apple-Chef nicht unmittelbar auf. Doch zumindest geschäftlich wird Cook demnächst aufs Engste mit dem Bling-Bling-Statussymbol verbunden sein.

Apple hat Berichten zufolge den Musiklegenden Dr. Dre und Jimmy Iovine 3,2 Milliarden Dollar für ihre Firma Beats geboten - Dre feiert sich bereits in einem YouTube-Video als ersten Milliardär des HipHop  .

Ein grau melierter Manager und ein protzender Gangster-Rapper: Die Kombination birgt unheilvolle Symbolik. Hält Apple, die Innovationsmaschine von einst, die eigenen Produkte für so altbacken, dass man sich neue hinzukaufen muss?

Die Zeiten haben sich in der Tat geändert. Das iPhone, vor wenigen Jahren noch als genialstes Gadget des 21. Jahrhunderts gelobt, bekommt man in Läden wie RadioShack inzwischen zu Niedrigpreisen . Das iPad, Apples letzte große Innovation, versank durch eine Schwemme von Konkurrenzprodukten rasch in der Gewöhnlichkeit. Und auf die iWatch, eine internetfähige, mit dem Handy koppelbare Uhr, wartet die Welt noch immer vergeblich.

Nun ist ein Konzern wie Apple - etwas langweilig, aber hochprofitabel - aus Perspektive der Aktionäre nach wie vor ein attraktives Investment. Doch die schwindende Innovationskraft birgt auch Gefahren. Zumindest im Musikbereich hat der Konzern seinen Status als sogenannter Disruptor längst verloren. Apple ist dort kein innovatives Unternehmen mehr, das mit seinen neuen, bahnbrechenden Produkten alte Geschäftsmodelle zerstört. Apple läuft Gefahr, vom Zerstörer zum Zerstörten zu werden.

Vom Revoluzzer zum Bewahrer

Noch 2003 hatte der Konzern, damals unter Steve Jobs, die Musikbranche revolutioniert. Mit seinem iPod-Player und seiner iTunes-Plattform machte er legale Musik-Downloads massentauglich - und zum Riesengeschäft. Der Verkauf von Tonträgern geht seitdem Jahr für Jahr zurück, derzeit macht er noch gut die Hälfte der Umsätze in der Musikindustrie  aus. Tendenz: rasch sinkend.

Nun aber, knapp zehn Jahre später, ist die Apple-Revolution vorbei. Das einst so innovative Download-Modell ist der neue Branchenstandard und wird von noch neueren Erfindungen bedroht. Apple findet sich plötzlich auf der Seite der Bewahrer wieder, die Probleme haben sich anzupassen.

Die Zerstörer sind jetzt Abo-Dienste, bei denen man für einen monatlichen Festbetrag auf Millionen Songs zugreifen kann. Globaler Marktführer: Spotify mit mehr als sechs Millionen zahlenden Nutzern. Die Firma Beats von Dr. Dre und Jimmy Iovine bietet ebenfalls eine Musik-Streaming-Plattform an. Für eine monatliche Gebühr von 9,99 Dollar bekommen Nutzer Zugriff auf 20 Millionen Songs.

Die globalen Umsätze solcher Dienste sind nach Angaben des Weltverbands der Phonoindustrie 2013 um gut 51 Prozent gestiegen, auf rund 1,1 Milliarden Dollar  . Insgesamt machen sie inzwischen rund ein Sechstel der gesamten Umsätze der Musikindustrie aus. Die Umsätze mit Downloads, wie sie Apples iTunes Store anbietet, machen gut ein Drittel aus, sind aber 2013 erstmals um gut zwei Prozent gesunken.

Das Dilemma der Innovatoren

Die Zahl der Kunden, die Musik nicht mehr unbedingt besitzen müssen, wächst rasch. Apples Musikgeschäft ist dadurch bedroht, doch der Konzern reagierte viel zu spät auf den Trend. Erst kürzlich führte Apple überhaupt einen Streaming-Dienst in Form eines genrespezifischen Radios ein. Die Resonanz ist bescheiden, was daran liegt, dass Apple die Funktion optisch eher sparsam hält, in ihr viel Werbung schaltet und den Dienst bisher auf die USA beschränkt.

Der Zukauf von Beats wäre ein großer Schritt in den neuen Wachstumsmarkt, gemessen am kolportierten Kaufpreis von 3,2 Milliarden Dollar, aber auch ein teurer. Apples Konkurrent HTC war noch vor Kurzem für nur 300 Millionen Dollar Mehrheitseigentümer bei Beats.

Der Preis erscheint auch deshalb exorbitant hoch, weil Dr. Dres Streaming-Plattform offenbar selbst mit Problemen kämpft. Trotz massiver Werbung, unter anderem beim Super Bowl, habe Beats Music seit seinem Start im Januar deutlich weniger Kunden gewinnen können als geplant, schreibt das Fachmagazin "Billboard". Mithilfe von Apple und seinen 800 Millionen registrierten iTunes-Nutzern könnte sich das rasch ändern - es dürfte aber auch die Zerstörung von Apples Download-Geschäft beschleunigen.

Und so wirkt der Zukauf wie eine klassische Konsequenz des sogenannten Innovator's Dilemma. Dieses besagt: Statt in ihre Zukunft zu investieren, verteidigen viele ehemalige Innovatoren das, was sie selbst erschaffen haben. Weil sie zögern, werden sie von jüngeren innovativeren Firmen überholt, manche Firmen degenerieren zu einem Schatten ihrer selbst - siehe Palm  , Nokia  , Yahoo   oder Kodak. Andere versuchen, durch überteuerte Zukäufe auf Trends aufzuspringen, die sie lange verschlafen haben.

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