Historische Dividende Apple wird erwachsen

Apple will fortan eine Dividende zahlen, seine Kriegskasse zugleich aber gefüllt lassen. Damit hofft Apple-Chef Tim Cook den Kult-Konzern zu stabilisieren, ohne ihm den Schwung zu nehmen. Apple-Gründer Steve Jobs hatte dieses Wagnis noch gescheut.
Apple-Aktienkurs am Montag: Ein iPhone zeigt die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre

Apple-Aktienkurs am Montag: Ein iPhone zeigt die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Am meisten überraschte die Uhrzeit. Eine telefonische Schaltkonferenz um 9 Uhr Wall-Street-Zeit, also zu fast nachtschlafender Stunde im Silicon Valley, wo Apple beheimatet ist? "Da sehne ich mich nach Steve Jobs", klagte Henry Blodget, der Börsenblogger und berüchtigte Ex-Analyst, in Anspielung auf den im Oktober verstorbenen Konzerngründer.

Jobs war in der Tat kein Frühaufsteher. Tim Cook dagegen, sein Nachfolger an der Spitze, ist sehr wohl einer. Dass sich unter ihm auch sonst einiges verändert hat bei Apple, bewies Cook bei besagter Schaltkonferenz: Da stellte er bisherige Grundprinzipien auf den Kopf und blieb zugleich doch dem Mantra des Kult-Konzerns treu, sich immer wieder neu zu erfinden.

Diesmal ging es um die Frage: Wie meistert ein Unternehmen den Übergang vom wilden Wachstum zum stabilen Geschäft - ohne den jugendlichen Schwung zu verlieren?

Der Blick richtet sich auf die Cash-Reserven. Fast 98 Milliarden Dollar hat Apple inzwischen angehäuft, nicht zuletzt dank seiner Erfolgsprodukte iPad, iPhone, iPod. Die Summe wächst täglich und liegt weitgehend zweckfrei auf den Firmenkonten herum. Schon seit Monaten fordern Analysten und Investoren, zumindest einen Teil davon an die Anteilseigner auszuschütten, etwa in Form einer Dividende. Man denke "sehr intensiv" darüber nach, hatte Cook bereits im Februar gesagt, als die Frage bei der letzten Aktionärsversammlung aufkam.

Tim Cook: Spagat zwischen "jungem" und "reifem" Apple

Jetzt offenbarte "Meisterkoch Cook" - so nennt ihn der Sender CNBC - das Ergebnis dieser Grübelei. 15 Stunden lang, von der Bekanntgabe der Apple-Schaltkonferenz bis zu ihrem Beginn, spekulierte die Wall Street, was dabei herauskommen würde. Dividende? Aktienrückkauf? Weiteres Horten?

Die Antwort: Von jedem etwas. Apple wird erwachsen - ein bisschen.

Abermals zeigte Cook, dass er flexibler und aufgeschlosser ist als sein legendärer, doch stoischer Vorgänger Steve Jobs. Erstens kündigte er die Dividende an: 2,65 Dollar pro Aktie im Quartal. Zweitens wird der Konzern auch Aktien im Wert von zehn Milliarden Dollar zurückkaufen. Und drittens wird er den größten Posten (55 Milliarden Dollar) weiter auf dem Konto bleiben, als Kapital für künftige Innovationen.

Ein vorsichtiger Wandel also. Der Beginn einer neuen Ära, ohne die alte Ära vollends zu beenden. Die Wall Street freute sich trotzdem: Zum Handelsschluss notierte die Apple-Aktie bei 601,10 Dollar - ein Rekordwert. Nachbörslich setzte sich das Wachstum fort. Das "Wall Street Journal" veranstaltete eine Blitzumfrage unter Apple-Fans, mit klarem Votum: 76,3 Prozent zeigten sich "happy" über die Nachricht.

Bei der Schaltkonferenz gab sich Cook Mühe, den Spagat zwischen "jungem" und "reifem" Apple zu erklären. "Diese Beschlüsse werden für uns keine Türen zuschlagen", versicherte er. "Die Pipeline ist voll." Apples "Kriegskasse" bleibe prall gefüllt, etwa für "Forschung und Entwicklung, Akquisitionen, neue Geschäftseröffnungen".

Ein Geschenk mit Haken

Erst am Wochenende hatte der Wirbel um Apples jüngste iPad-Version gezeigt, wie sehr der Konzern die Medien immer noch beschäftigt - selbst elf Jahre nach Einführung des iPod, seines ersten Massen-Kultprodukts. Normalerweise hätten die iPad-Verkaufszahlen die Schlagzeilen dieses Montags bestimmt. Stattdessen beschränkte sich Cook dazu auf Andeutungen: "Wir hatten ein Rekord-Wochenende, und wir sind davon begeistert."

Auf den ersten Blick dürfen sich die Aktionäre über die Dividende freuen: Die zunächst recht konservative Rendite liegt zwar hinter Microsoft und Intel, was manche Insider enttäuschte, die auf mehr gehofft hatten. Wobei Apple immer noch vor anderen Tech-Rivalen wie Hewlett-Packard, Cisco, IBM oder Oracle steht. Dennoch bleibt für die Anteilseigner ein bitterer Nachgeschmack. Sie müssen die Ausschüttung kräftig versteuern. Stiller Gewinner ist die US-Regierung, die dabei Milliarden kassiert.

Die Dividende - die erste seit 1995, als Steve Jobs vorübergehend verstoßen war, und Apple führungslos vor sich hin arbeitete - wird Apple einem ganz neuen Kreis von Investoren öffnen. Viele Fonds dürfen nur in Konzerne investieren, die eine Dividende zahlen. Diesen war Apple bisher versperrt. "Jede große Fondsfamilie hat einen einkommensorientierten Fonds, von Fidelity bis Vanguard", sagte Bill Choi von der Investmentfirma Janney Montgomery Scott der "New York Times". Nun sei auch Apple "ein hochkarätiger Name, den sie besitzen können".

Übrig bleiben rund 55 Milliarden Dollar, an denen Apple festhält. Das ist tatsächlich eine fulminante "Kriegskasse", mit der der Konzern die Konkurrenz weiter auf Abstand halten kann - etwa indem es neue Apple Stores eröffnet, kleinere Firmen schluckt oder in eigene Fabriken investiert, die es von Zulieferern unabhängiger machen würden. Mit einer schlagzeilenträchtigen Mega-Übernahme eines Rivalen aber rechnen die Analysten nicht.

Die Top-Profiteure der Apple-Zeitenwende sind jedoch die Insider. Die größten individuellen Shareholder sind Ron Johnson, der einst als Apple-Vizepräsident das Konzept der Apple Stores erfand, Apple-Chairman Arthur Levinson sowie der Computerwissenschaftler Betrand Serlet, der das Mac-Betriebssystem OS X miterfand. Selbst Apple-Chef Tim Cook darf sich mit seinen zuletzt 13.817 Apple-Aktien noch auf eine satte Dividende freuen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.