SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. September 2019, 08:40 Uhr

Schwächelndes iPhone-Geschäft

Apple in der Midlife-Crisis

Von , Washington

Der iPhone-Boom ist längst verpufft, Apples Umsätze fallen weiter. Das Problem: Der Konzern muss neue Geschäftsfelder erobern, in denen starke Gegner warten.

Mike Bostock war einer von denen, für die Weihnachten im September stattfand: immer dann, wenn Apple seine neuen iPhone-Modell präsentierte. Früher habe er sich am ersten Verkaufstag in die Schlange vor den Geschäften eingereiht, erzählte der 40-Jährige aus San Francisco der Zeitung "Washington Post".

Inzwischen hole er sich nur noch alle paar Jahre ein neues Smartphone. Der Start-up-Unternehmer hat die Freude an dem Kauf verloren. "Es begeistert mich nicht mehr, wenn ein neues Handy rauskommt", sagt er.

Nun muss auch der Apple -Konzern erst noch lernen, was für viele Kunden längst Realität ist: leben ohne iPhone-Begeisterung. Immer noch trägt das Produkt, dem der Konzern den Aufstieg zu einer der weltweit erfolgreichsten Marken verdankt, rund 50 Prozent zum Umsatz bei. Doch die Gewohnheiten der Kunden haben sich geändert, es fehlt an überzeugenden Innovationen, und der Markt gilt als gesättigt. Seit drei Geschäftsquartalen ist der iPhone-Umsatz geschrumpft, zuletzt um 13 Prozent im Jahresvergleich. Das nun vorgestellte iPhone 11 dürfte an dem Trend wenig ändern. Allenfalls könnte die im nächsten Jahr erwartete Einführung einer 5G-Version für den nächsten Mobilfunkstandard noch mal für Adrenalin in der Bilanz sorgen.

Apple will in den Alltag der Kunden

Apple-Chef Tim Cook weiß, dass das nicht reicht, um eine Marktkapitalisierung von fast einer Billion Dollar zu rechtfertigen. Er hat dem 1976 gegründeten Unternehmen deshalb eine Frischzellenkur verordnet, noch bevor es in die Midlife-Crisis gerät. Der Hardwarehersteller soll sich in einen Dienste-Anbieter verwandeln. Apple will künftig überall mitspielen, wo digitales Zukunftsgeschäft lockt:

- mit der Apple Card und Apple Pay bei den Finanzdienstleistungen,

- mit dem Streaming von Musik und Videos,

- mit Spielen in der Unterhaltungsbranche,

- im Auto mit dem virtuellen Beifahrer Apple Carplay

- und natürlich auch im rundum vernetzten Smarthome.

All das soll perfekt ineinandergreifen. Die Apple-Welt könnte zum 24/7-Zuhause für ihre Nutzer werden.

In der Zentrale in Cupertino sieht man sich bei der Umsetzung der neuen Strategie auf gutem Weg: Im dritten Geschäftsquartal steuerte das iPhone zum ersten Mal seit Jahren weniger als die Hälfte des Umsatzes bei, gleichzeitig verbuchte die Dienste-Sparte, zu der der App Store und die iCloud gehören, ein sattes Plus von über zwölf Prozent.

1,4 Milliarden Apple-Nutzer

Noch besser allerdings lief es bei den Wearables wie der Apple Watch und den AirPods. Allein diese Sparte sei inzwischen "größer als 60 Prozent der Fortune-500-Unternehmen", erklärte Cook. Der Konzerngewinn schrumpfte trotzdem um 13 Prozent zum Vorjahr. Das dürfte auch der Grund sein, warum das neue iPhone billiger auf den Markt kommt als sein Vorgänger. Apple will die Verkäufe ankurbeln. So bietet man den Kunden auch an, ihre alten iPhone-Möhren in Zahlung zu nehmen.

Den Analysten gefällt, was sie da sehen. Seit Jahresanfang ist die Aktie um fast 40 Prozent gestiegen.Dabei hat sich Apple allerhand vorgenommen. In den neuen Geschäftsfeldern stößt der neue Konkurrent auf etablierte Platzhirsche.

So legt sich Apple mit seinem neuen Streamingdienst mit den Giganten Netflix und Amazon an, auch Disney hat ein ähnliches Projekt angekündigt. Cook setzt darauf, dass die iPhone-Nutzer ihrem Anbieter treu in die neuen Gefilde folgen. 1,4 Milliarden Menschen weltweit würden ein Apple-Gerät nutzen, hat er im Juli erklärt - ein gigantischer Pool von potentiellen Nutzern der künftigen Dienste. Dass Apple sein Video-Angebot zum Schnäppchenpreis von 4,99 Dollar vertreibt, sorgte am Dienstag für Kursverluste der Mitbewerber. Das Vertrauen in Apples Zukunft scheint groß.

Trump hat Apple bisher geschont

Noch aber ist das Leben ohne iPhone nur eine Vision und die Probleme sind gegenwärtig. Ab Dezember soll nach dem Willen von Donald Trump ein 15-prozentiger Einfuhrzoll auf Laptops und Smartphones aus China in Kraft treten. Apple träfe das hart: Der Großteil der Fertigung findet in Fernost statt, und Amerika ist der wichtigste Absatzmarkt.

Lange konnte Cook den US-Präsidenten davon überzeugen, seine Branche im Handelskrieg zu verschonen. Der Apple-Chef sei "ein großartiger Manager", lobte Trump nach einem gemeinsamen Abendessen in seinem Golfklub: "Weil er mich anruft, und andere das nicht machen."

Doch die Charmeoffensive gerät an ihr Ende. Wenn die Zölle greifen, kann Apple wählen, ob es die Zusatzkosten selbst trägt oder an seine Käufer weiterreicht. Die erste Variante würde den Gewinn wohl um 0,50 Dollar pro Aktie schmälern, hat Daniel Ives von der Investmentfirma Wedbush Securities errechnet. Die zweite Option wäre nicht viel besser - der Absatz würde um bis zu acht Millionen Stück sinken. Auch das schlüge auf den Gewinn durch.

Tröstlich für Apple: Das Weihnachtsgeschäft in Amerika wäre zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend gelaufen. Auch für diejenigen, die nicht vor dem Laden auf das neue Modell gewartet haben.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung